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Midterms in den USA: Weiß, weiblich, konservativ

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Die Demokraten hoffen auf die Stimmen von Frauen bei den Midterms. Besonders der Kampf um das Recht auf Abtreibung soll ihnen Auftrieb geben.

Washington, D.C. - „November is coming“ – der November kommt. Viele Menschen, die in den USA für das Recht von Frauen und Schwangeren auf Selbstbestimmung kämpfen, schrieben in den vergangenen Monaten diesen Slogan – entlehnt der schon sprichwörtlichen Drohung „winter is coming“ aus der TV-Serie „Game of Thrones“ – wieder und wieder auf ihre Transparente. Seit der Supreme Court im Juni das Recht auf einen Schwangerschaftsabbruch kippte, hoffen viele Demokraten, dass ihnen das bei den Midterm-Kongresswahlen Stimmen bringt.

Auch Präsident Joe Biden erklärte das Thema zu einem entscheidenden Faktor für den Urnengang. In 13 Bundesstaaten sind Schwangerschaftsabbrüche nun verboten, in weiteren 13 wurden besondere Restriktionen erlassen oder zunächst von Gerichten gestoppt.

Eine Studentin in Atlanta geht an einer vielleicht historischen Chance vorbei: dem Aufruf zum Wählen am 8. November. Elijah Nouvelage/AFP
Eine Studentin in Atlanta geht an einer vielleicht historischen Chance vorbei: dem Aufruf zum Wählen am 8. November. © Elijah Nouvelage/afp

Pro-Abtreibung: Demokraten könnten nach den Midterms ein Zeichen setzten

Die Demokraten könnten, hätten sie eine Mehrheit dafür, im Kongress ein Bundesgesetz zu Abtreibungen durchbringen. Dafür müssten sie allerdings das Abstimmungsverfahren ändern – und das blockieren bislang Konservative in den eigenen Reihen, allen voran Senator Joe Manchin. Die Demokraten müssten ihre knappe Mehrheit dort also eher noch ausbauen. Erfahrungsgemäß verliert aber die Partei, die den Präsidenten stellt, Sitze bei den Zwischenwahlen.

Im Sommer stimmten Umfragen die Demokraten zunächst hoffnungsvoll, inzwischen ist das Rennen wieder knapper. In einer Erhebung für die „New York Times“ etwa geben 49 Prozent der Wahlberechtigten an, für die Republikaner stimmen zu wollen, 45 Prozent für die Demokraten. Das Thema Abtreibung sei dabei in den Hintergrund gerückt, so die Zeitung: Hätten im Sommer noch 26 Prozent der Befragten es als entscheidend für ihre Wahl benannt, tun das jetzt nur noch 14 Prozent.

Midterms in den USA: Eine Frage der Ethnie

Stattdessen werden Wirtschaftslage, Einwanderung und häufig auch der gefühlte oder faktische Anstieg von Kriminalität als ausschlaggebend für die Stimmabgabe genannt – Themen, bei denen laut Demoskopie in der Regel die Republikaner punkten.

Und so erhoffen sich die Demokraten besonders von Frauen Stimmen gegen die radikale Einschränkung ihrer Rechte. Doch die sind kein einheitlicher Block. „Frauen werden zwar oft als eine Wählergruppe genannt, aber sie sind in sich so divers wie Männer – andere Faktoren wie Klasse und Rassismus bestimmen ihr politisches Verhalten oft noch mehr als ihr Geschlecht“, betont Jennifer Piscopo, Politikwissenschaftlerin am Occidental College in Los Angeles. Während die Demokraten von Schwarzen Wählerinnen auch mal mehr als 90 Prozent der Stimmen erhalten, wählen weiße Frauen ebenso wie weiße Männer meist rechts.

Trump statt Clinton: Frau wählt in den USA anscheinend republikanisch

Seit Jahrzehnten auch entscheiden Frauen sich mehrheitlich für republikanische Präsidentschaftskandidaten – Donald Trump erhielt 2016 und 2020 mehr Stimmen von weißen Frauen als Hillary Clinton und Joe Biden. Er wurde gerade auch von den Lobby-Gruppen der Abtreibungsgegner unterstützt. „Diese Anti-Abtreibungsbewegung wurde immer von Frauen dominiert, genau wie die Pro-Choice-Bewegung“, sagt Piscopo.

Für nicht weiße Frauen und Schwangere gibt es wiederum besonders häufig finanzielle Hürden in der Gesundheitsversorgung, die durch restriktive Abtreibungsgesetze noch verschärft werden. Ob Müttersterblichkeit, Schwangerschaften von Teenagern oder Sterberaten bei Krebs: Frauen, die nicht weiß sind, sind überproportional häufig betroffen. Weil die Republikaner alle sozialen Programme, die armen und nicht weißen Frauen helfen könnten, stets kürzen oder abschaffen wollen, wählen viele von ihnen selbst dann die Demokraten, wenn sie etwa aus religiösen Gründen gegen Schwangerschaftsabbrüche sind. Zudem ist Rassismus Teil vieler republikanischer Wahlkampagnen.

Demokraten in den Midterms: Abtreibung soll die Stimmen bringen

Engagierte Abtreibungsgegner:innen wie -befürworter:innen gehören meist auch zum Wählerstamm der einen oder der anderen Partei und lassen sich also eher nicht umstimmen. Piscopo sieht aber dennoch die Möglichkeit, das es aus Sicht der Demokraten eine strategisch richtige Entscheidung sein könnte, das Thema Abtreibung im Wahlkampf oben auf die Agenda zu setzen – nämlich als Wahlanreiz für junge Menschen, die traditionell seltener wählen als ältere: „Wir sehen, dass das Thema Abtreibung vor allem junge Frauen mobilisiert, die sich als Anhängerinnen der Demokraten identifizieren“, sagt Piscopo.

„Das Kalkül der Demokraten könnte lauten: Wir werden mit diesem Thema keine zusätzlichen Unterstützer gewinnen, aber wir können Wähler damit daran erinnern, wie wichtig die Stimmabgabe ist.“ Das betrifft auch die, die sonst nicht wählen. Bei den Neuregistrierungen von Wahlberechtigten gab es seit dem Sommer einen Zuwachs unter Frauen, der die Demokraten optimistisch stimmt.

„Swing“-Potenzial bei Midterms

Auch bei den Menschen, die sich nicht für eine Partei registrieren, gibt es stets „Swing“-Potenzial – die Möglichkeit für Umschwünge in der Wählergunst. Konservativ empfindende Frauen, deren Parteibindung schwach ist, gehören dazu. Solche Frauen, die sich eigentlich als „pro-life“ identifizierten, könnten sich von den brutalen neuen Abtreibungsgesetzen abgeschreckt fühlen, glaubt etwa Beth Allison Barr, Historikerin an der Baylor-Universität im texanischen Waco.

Barr, die kirchlich engagiert ist und ein Buch über evangelikale Frauen schrieb, kennt viele religiöse Wählerinnen, die nicht nur begeistert von der Politik der Republikaner seien: Die „Doppelmoral“ der Rechten sei dabei durchaus ein Thema: Abtreibungen wolle man verbieten, aber nicht mehr für Kinder und Eltern tun. „Durch diese Politik wird ja nichts für Mütter getan, es gibt keine zusätzliche Unterstützung etwa im Bereich Kinderbetreuung oder bezahlter Erziehungszeit.“

Wirtschaft ein großer Punkt: Erst essen, dann wählen

Allerdings, so konstatiert Barr, werde die Unzufriedenheit in diesen Bereichen inzwischen deutlich von anderen Themen überlagert – auch sie glaubt, dass wirtschaftliche Sorgen viele Wählerinnen zurzeit mehr umtreiben als alles andere. „Wenn Sie kein Essen kaufen können, dann wird das Ihre Wahlentscheidung am meisten beeinflussen, mehr als Ihre Haltung zu Abtreibung“, sagt die Professorin.

Das scheint zurzeit vor allem den Republikanern zu nutzen. Sie legen zu bei der Gruppe der Frauen, die sich als parteiunabhängig bezeichnen. In der „New York Times“-Umfrage etwa haben die Republikaner bei den weiblichen „swing voters“ inzwischen einen Vorsprung von 18 Prozent. (Frauke Steffens)

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