Der gute Amerikaner: Joe Biden.
+
Der gute Amerikaner: Joe Biden.

Joe Biden

USA: Der leise Triumph des Staatsmannes

  • Karl Doemens
    vonKarl Doemens
    schließen

Der gestandene Washington-Politiker Joe Biden entscheidet weitere Vorwahlen der US-Demokraten für sich. Nun braucht er die Unterstützung der Fans seines Rivalen Bernie Sanders.

Jubelnde Fans mit bunten Papp-Schildern, fürs Fernsehen perfekt inszenierte Auftritte und knallige politische Botschaften gelten als Markenzeichen des US-Wahlkampfs. Doch als sich Joe Biden am Abend seines möglicherweise entscheidenden Siegs auf dem Weg zur Präsidentschaftskandidatur an die amerikanische Öffentlichkeit wendet, sind die üblichen Gesetze des Politikbetriebs außer Kraft gesetzt: Der Ex-Vizepräsident spricht in einem schlecht ausgeleuchteten Livestream aus seinem Haus im Bundesstaat Delaware, es gibt kein Publikum, und das wichtigste Versprechen lautet: „Wir werden das gemeinsam durchstehen.“

Bei den Vorwahlen in Florida, Illinois und Arizona hat der 77-Jährige am Dienstag zusammen doppelt so viele Stimmen geholt wie sein innerparteilicher Rivale, der Linke Bernie Sanders. In allen drei Bundesstaaten liegt er weit vorne und hat mit mehr als 1100 Delegierten nun einen Vorsprung von rund 300 Mandaten herausgearbeitet. Doch nach Feiern ist in Corona-Zeiten niemand zumute. „Wir haben eine sehr gute Nacht“, ist der einzige Hinweis auf das Wahlergebnis, den sich Biden mit ernster Miene erlaubt.

Der rasante Vormarsch der anfangs von Präsident Donald Trump heruntergespielten Pandemie in den USA hat den Vorwahlkampf komplett auf den Kopf gestellt. Zwar hat sich das Bewerberfeld der Demokraten inzwischen zu einem TV-gerechten Duell zwischen Biden und Sanders verengt. Doch können öffentliche Kundgebungen und Haustür-Kampagnen wegen der Ansteckungsgefahr nicht mehr stattfinden, die Reisemöglichkeiten für Kandidaten und Unterstützer sind drastisch eingeschränkt, und in der Öffentlichkeit ist das Interesse an der Personalfrage spürbar gesunken.

Vor allem aber stehen die verbleibenden Abstimmungen in 23 Bundesstaaten selbst auf der Kippe. Der Gouverneur von Ohio, wo eigentlich auch am Dienstag abgestimmt werden sollte, sagte die Wahl in buchstäblich letzter Minute ab. Die in den kommenden Wochen eigentlich anstehenden Primaries in Georgia, Kentucky, Louisiana und Maryland sind verschoben worden. Anderswo bemüht man sich fieberhaft, so weit wie möglich auf Briefwahl umzustellen. Doch selbst der Nominierungskonvent im Juli in Milwaukee, bei dem rund 10 000 Delegierte, Unterstützer und Journalisten auf engstem Raum zusammenkommen sollen, scheint durch das Virus gefährdet.

Biden positioniert sich in dieser Lage zunehmend als erfahrener Staatsmann und Krisenmanager. „Die Pandemie ist ein nationaler Notstand. Da kommt es auf Führung an“, sagt er am Dienstagabend in seiner Ansprache. Schon bei einer Fernsehdebatte am Sonntag hatte er persönliche Angriffe auf Sanders weitgehend zurückgefahren. Stattdessen konzentrierte er sich auf seinen Hauptgegner Trump.

Der moderate ehemalige Obama-Stellvertreter weiß vor allem die Afro-Amerikaner und die Älteren hinter sich. Die jüngeren linken Wähler, die den demokratischen Sozialisten Sanders leidenschaftlich unterstützen, versucht er mit Gesten und Versprechen einzubinden. „Senator Sanders und ich mögen uns in der Taktik unterscheiden. Aber wir verfolgen dieselben Ziele“, sagt er am Wahlabend und verweist auf einen bezahlbaren Krankheitsschutz und den Kampf gegen den Klimawandel. „Ich höre euch“, verspricht Biden: „Ich weiß, was auf dem Spiel steht.“

Doch gerade in der Gesundheitspolitik trennen die beiden Kandidaten unüberwindbare ideologische Gräben. Biden möchte die Krankenversicherung Obamacare weiterentwickeln und für alle öffnen. Die 150 Millionen Amerikaner, die eine private Police haben, sollen diese aber behalten können. Sanders will alle Bürger in einer staatlichen Krankenversicherung zusammenfassen. Durch die aktuellen Missstände in der Corona-Krise sieht er sich in seinem Kampf für einen Systemwechsel bestätigt.

Politische Beobachter in den USA halten es für rechnerisch praktisch ausgeschlossen, dass Sanders noch eine Mehrheit der Delegierten hinter sich versammeln kann. Doch bislang zeigt der eigensinnige 78-Jährige keine Neigung, das Feld zu räumen.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare