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Florida will LGBTQ-Themen in Schulen unterdrücken: Stadt wehrt sich

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Von: Sandra Kathe

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Nach dem Anschlag auf den Pulse-Nachtclub in Orlando, Florida, gingen 2016 in vielen US-Bundesstaaten Unterstützer:innen von LGBTQ-Personen auf die Straße.
Nach dem Anschlag auf den Pulse-Nachtclub in Orlando, Florida, gingen 2016 in vielen US-Bundesstaaten Unterstützer:innen von LGBTQ-Personen auf die Straße. (Archivfoto) © Eric Thayer/AFP

Seit einem Anschlag auf einen LGBTQ-Nachtclub in Orlando setzen sich die Schulen der Stadt gegen Diskriminierung ein. Nun soll ein Gesetz in Florida das gefährden.

Orlando – Die Republikaner im Bildungsausschuss des US-Bundesstaats Florida beraten derzeit über ein Gesetz, das ein stärkeres Mitspracherecht von Eltern bei schulischen Themen fordert. Speziell gehe es dabei um Themen wie sexuelle Vielfalt und LGBTQ-Rechte, die Auswirkungen auf die „Erziehung und Kontrolle über ihre Kinder“ hätten, wie mehrere US-Medien übereinstimmend berichten. Laut einem Artikel auf dem Nachrichtenportal des Guardian werde das geplante Gesetz umgangssprachlich auch als „Don‘t Say Gay bill“ (Sag-nicht-schwul-Gesetz) bezeichnet.

Ziel des Gesetzes, über das am Donnerstag (17.02.2022) zum wiederholten Mal beraten wird, sei es zum Beispiel Eltern zu ermöglichen, staatliche Schulen zu verklagen, wenn sie glauben, dass die Schule das „Grundrecht“ verletzt, dass Eltern selbst über die Erziehung ihrer Kinder bestimmen dürfen. So sei es etwa Lehrkräften verboten, im Klassenzimmer LGBTQ-Themen zu behandeln, die nicht „altersgerecht sind oder den Schüler:innen in ihrer persönlichen Entwicklung schaden“.

LGBTQ-freundliche Schulen in den USA: Orlando macht sich für seine Geschichte stark

Doch die staatlichen Schulen in Orlando, die seit einem Anschlag auf einen LGBTQ-Nachtclub im Sommer 2016 besonders sensibel für das Thema sind, wollen das nicht auf sich sitzen lassen. Nach dem Anschlag, bei dem 49 Menschen starben und 53 weitere verletzt wurden, sehen sie sich durch den Gesetzesentwurf in ihrer Mission bedroht, die jüngste Geschichte ihrer Stadt gemeinsam mit ihren Schüler:innen aufzubereiten und so gegen Hass und Diskriminierung vorzugehen.

So gebe es an vielen Schulen etwa einen jährlichen Projektmonat zum Thema Pride sowie Organisationen, in denen sich Schüler:innen, egal welcher Sexualität sie sich zugehörig fühlen, gemeinsam für LGBTQ-Rechte stark machen. Außerdem würden Schüler:innen unterstützt, die mit anderen Pronomen als denen analog zu ihrem biologischen Geschlecht angesprochen werden wollen.

Umgang mit LGBTQ-Themen im US-Unterricht: Lehrkräfte sind verunsichert

Nun herrscht, wie die US-Zeitung Washington Post berichtet, im Bundesstaat Florida große Verwirrung darüber, wie das angesteuerte Gesetz ausgelegt werden soll. Lehrkräfte fragen sich etwa, ob ihnen verboten werden könnte, über den Anschlag auf den Pulse-Club 2016 und seine Opfer zu sprechen. Andere fragen sich, wie sie damit umgehen sollen, wenn Schüler:innen mit einem Outing auf die Klasse zukommen. Und wieder andere haben Angst, dass ein Regenbogenschild an der Klassenzimmertür mit der Aufschrift „Sicherer Raum“ für sie zum potenziellen Rechtsproblem werden könnte. Dagegen sprechen sich zahlreiche Vertreter:innen der Schulen in Orlando lautstark aus.

Der republikanische Senator Dennis Baxley, der das Gesetz unterstützt hatte, rechtfertigt den Vorstoß damit, dass Kinder von Unterrichtsthemen wie sexueller Orientierung oder Gender-Identität geschützt werden müssten, weil ihre Eltern die Möglichkeit haben sollten, als erste mit ihnen über diese Themen zu sprechen. Baxley betonte, dass die Gesetzgebung vor allem bei Kindern bis zur vierten Klasse Anwendung finden solle. Auch in anderen Staaten der USA, in Arizona, Indiana, Kansas, North Carolina, Oklahoma, South Carolina und Tennessee versuchen Politiker:innen aktuell, ähnliche Vorschriften in die Gesetzgebung einzubringen.

Schulpolitik in den USA: „Stop Woke Act“ und Liste verbotener Bücher

Gesetzesvorstöße zur Regulierung von Schulthemen gibt es in Florida und den USA derzeit nicht nur bei LGBTQ-Themen, sondern etwa auch zur kritischen Behandlung der Geschichte von Rassismus in den USA oder zum Umgang mit der „Black Lives Matter“-Bewegung. Der republikanische Gouverneur von Florida, Ron DeSantis, unterstützt in dieser Hinsicht auch den sogenannten „Stop Woke Act“, der Beschäftigte von Schulen bei jeglicher Art von ideologischer Positionierung einschränken soll.

Laut einem Bericht der Deutschen Presse-Agentur wurden zuletzt vermehrt Themen kritisch in den sogenannten Schulausschüssen behandelt, die für staatliche Schulen in den USA und deren Lehrpläne zuständig sind. Es käme außerdem immer häufiger vor, dass Bücher in den Schulbibliotheken auf eine verbotene Liste gesetzt werden. Oft ins Visier genommen wird zum Beispiel „Sehr blaue Augen“ der Literaturnobelpreisträgerin Toni Morrison. In dem 1970 veröffentlichten Buch beschreibt sie, was es hieß, als Schwarze aufzuwachsen. Jüngst traf es auch das Buch „All Boys Aren‘t Blue“ von George Matthew Johnson, das sich speziell an queere schwarze Jugendliche richtet.

Ein prominentes Beispiel für einen Eingriff in Schulunterricht und Lehrplan, das international Wellen schlug, war kürzlich auch das Verbot des Comics „Maus“ des US-Künstlers und Pulitzer-Preisträgers Art Spiegelman, der sich mit der Verfolgung und Ermordung von Millionen Jüdinnen und Juden in Nazi-Deutschland beschäftigt. Ein Schulausschuss in Tennessee hatte eine Streichung vom Lehrplan damit begründet, dass Schimpfwörter und nackte Tiere in dem Comic zu sehen waren. (ska mit dpa)

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