US-Wahl 2020

USA: Ein wunderbares Land - trotz Donald Trump

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In den USA liegt vieles im Argen. Doch das ist noch lange kein Grund, sie abzuschreiben. Eine Liebeserklärung von unserem Korrespondenten Sebastian Moll.

New York - In den vergangenen Wochen ist in New York wieder einmal die Debatte hochgekocht, ob die Stadt nun endgültig tot sei. Sie ist nicht neu, diese Diskussion, sie wurde in den 70er Jahren schon einmal geführt, als die weiße Mittelschicht aus der verfallenden Metropole floh und nur die Bohème sowie all jene zurückließ, die es sich nicht leisten konnten, in die Vororte zu ziehen. Sie wurde nach 9/11 geführt und dann wieder, aus anderen Gründen, in der Boomzeit der Michael-Bloomberg-Jahre, als sich zunehmend nur noch die Finanzelite die Stadt leisten konnte und es so schien, als werde jegliche Form von Kreativität und Nonkonformität aus den Straßen Manhattans heraus und an die Ränder gequetscht.

USA und die Corona-Pandemie: Die Diskussion um den vermeintlichen Tod New Yorks klingt eigenartig

Nun ist es die Corona-Pandemie, die angeblich New York den Garaus macht. So konstatierte jüngst der Hedgefondsmanager James Altucher in einer Kolumne für die „New York Post“, die er aus seinem Exil in Palm Beach verfasste, dass New York für ihn nichts mehr zu bieten habe. Die Restaurants und die Theater seien zu und das Geschäftsleben erstarrt. Der Business-Bezirk Midtown sei zu einer Geisterstadt verkommen, Networking Parties seien auf Eis gelegt, und aus Power Lunches seien Park Picknicks geworden.

Für diejenigen von uns, die nicht aus der Stadt geflohen sind, klingt die Diskussion um den vermeintlichen Tod New Yorks eigenartig. Denn hinter uns liegt ein Sommer, der vieles war – ungewöhnlich, manchmal beängstigend, manchmal betörend, manchmal laut, manchmal melancholisch, manchmal bezaubernd. Eines war er jedoch garantiert nicht: leblos.

Kinder im Washington Square Park. Die USA werden mit jeder Generation ein bisschen mehr zur „more perfect union“.

USA: New York erlebt eine tiefe Gemeinschaft während der Corona-Pandemie

Wenn Herr Altucher einmal einen Nachmittag im August im Washington Square Park verbracht hätte, dann würde er nicht so daherreden. New York war dort so lebendig wie eh und je. Rund ein halbes Dutzend Jazztrios improvisierte in Ermangelung anderer Auftrittsmöglichkeiten inbrünstig durch den Nachmittag, während sich Paare verliebt durch den Tag träumten, alte Männer Schach spielten und Skateboarder im trockenen Betonbrunnen ihre Tricks übten.

Am Strand von Coney Island verschafften sich Wochenende für Wochenende Tausende von Familien Linderung von der drückenden Hitze ihrer beengten Wohnquartiere. Und auf der Steinway Street in Astoria mischten sich freitagabends arabische Töne, die aus den vielen libanesischen Lokalen über die Straße wehten, mit Hip-Hop aus den im Schritttempo vorbeifahrenden Cabrios zu einer New Yorkerischen Kakophonie. Man konnte in diesen Tagen in den Parks, auf den Straßen und Plätzen der Stadt wunderbare Glücksmomente erleben.

Momente wie jenen, den der Dichter Walt Whitman vor mehr als 160 Jahren auf dem Deck der Fähre zwischen Manhattan und Brooklyn stehend beschrieb: „Ich bin mit Euch, ihr Männer und Frauen einer Generation, ich fühle so, wie ihr fühlt, wenn ihr über den Fluss und in den Himmel blickt, und so wie jeder von Euch Teil einer Menge ist, bin ich Teil einer Menge.“

Donald Trump: Wahl habe den Bankrott des politischen Systems evident gemacht

New York erlebte in diesem Sommer, vielleicht zum ersten Mal seit Jahrzehnten, eine tiefe Gemeinschaft, ungestört von Touristen und von Leuten wie Altucher, die in der Stadt einen Selbstbedienungsladen an Unterhaltung und Opportunität sehen.

Ähnlich wie mit dem Gerede vom Tod New Yorks geht es einem, wenn man hier lebt, mit einem anderen Lamento, das in jüngster Zeit laut wird und das nicht nur, aber vor allem, aus Europa tönt. Die USA seien am Ende, ist da zu hören. Die Wahl und mögliche Wiederwahl Donald Trumps habe den Bankrott des politischen Systems evident gemacht. Die nicht enden wollende staatliche Gewalt gegen Minderheiten demonstriere einen allgegenwärtigen Rassismus, den man nicht nur als unausrottbar, sondern möglicherweise als konstitutiv für dieses Land begreifen müsse. Kurz: Die USA sind nicht mehr zu retten, insbesondere, wenn sie Trump wieder wählen sollten.

Man kann natürlich sehr gut verstehen, wie aus der Distanz ein solcher Eindruck entstehen kann. Schließlich gibt es auch hierzulande keinen Mangel an Pessimismus. Zuletzt hat der Journalist George Packer die USA als „failed state“, als gescheiterten Staat, bezeichnet. Und schwarze Intellektuelle wie Frank Wilderson oder Ta-Nehisi Coates haben dem Projekt der Aussöhnung von Schwarz und Weiß den Rücken gekehrt.

US-Präsidentschaftswahl: Die enormen Probleme der USA lassen sich nicht leugnen

Natürlich lassen sich die enormen Probleme der USA nicht leugnen. Die extreme Polarisierung des Landes und die Korruptheit der politischen Klasse haben den Staatsapparat weitgehend lahmgelegt. Es ist schwer geworden, einer neuen Generation oder den traditionell vom politischen Prozess Ausgegrenzten zu vermitteln, warum sie nicht zynisch werden sollen. Die Tatsache, dass es einem Mann, dessen Talente in der Inszenierung von derbem Spektakel liegen, gelungen ist, diesen Apparat zu kapern, macht diese Verzweiflung an der US-amerikanischen Demokratie nur noch verständlicher.

Und natürlich kann man auch daran verzweifeln, dass sich eine Kaste von weißen Suprematisten an der Macht hält, die kein Interesse daran hat, die systematische Unterdrückung und Stigmatisierung von Minderheiten zu beenden. Die massenhafte Inhaftierung von Afroamerikanern, ihre systematische Ausgrenzung aus der Gesellschaft, die weitgehend straffreie alltägliche Ermordung von Schwarzen durch die Staatsmacht sind Skandale, die durchaus die Frage nach der Legitimität und dem inneren Zusammenhalt der US-Gesellschaft aufwerfen.

USA nicht nach Amtseinführung von Donald Trump über Nacht komplett anders geworden

Dennoch fühlt sich das Leben hier weitaus weniger katastrophal an, als das alles klingt. Die New Yorker sitzen im Washington Square Park, lauschen Coltrane- Improvisationen und fragen sich, wovon alle da eigentlich reden.

Wenn man von der Implosion der USA redet, muss man sich daran erinnern, dass das Land nicht am 20. Januar 2017 bei der Amtseinführung von Donald Trump über Nacht ein komplett anderes geworden ist. Die USA von Barack Obama, die rund um die Welt wohlgelitten waren, sind nicht vom Erdboden verschluckt worden. Was damals passierte: Von 138 Millionen US-Amerikanern, die 2016 gewählt haben, haben sich etwa sieben Prozent, die traditionell für die demokratische Partei stimmen, dazu hinreißen lassen, Trump zu wählen. Das sind etwa zehn Millionen Menschen oder rund vier Prozent der US-amerikanischen Wahlberechtigten. Viele von ihnen, das weiß man heute, waren Protestwähler, die mit dem neoliberalen Paradigma der Washingtoner Machtelite unzufrieden waren und einen Außenseiter ausprobieren wollten. Die meisten von ihnen bereuen das heute und haben sich schon jetzt dazu entschlossen, für den Kandidaten der Demokraten, Joe Biden, zu stimmen.

Trump und die USA: Koalition aus allen Schichten demonstrierte gegen Rassismus

Wer wirklich ihre Verfasstheit verstehen will, der schaut ohnehin lieber nicht unbedingt nach solchen Zahlen. Der hat sich eher im vergangenen Sommer an einen beliebigen Boulevard einer beliebigen US-amerikanischen Großstadt gestellt und beobachtet, wie eine breite Koalition von Bürgerinnen und Bürgern aus allen Schichten und Ecken der Bevölkerung feurig, aber friedlich gegen den anhaltenden Rassismus in der Gesellschaft und die Brutalisierung der afroamerikanischen Minderheit demonstriert hat.

Die Komplexität und historische Dimension des Rassismus in den USA

In den Protesten kam ein tiefes Verständnis dafür zum Ausdruck, was struktureller Rassismus bedeutet. Wer heute politisch informiert ist – und das ist ein großer Teil der US-amerikanischen Bevölkerung –, der versteht die Komplexität und die historischen Dimensionen des Rassismus im Land. Der hat begriffen, wie das Strafrechtssystem in ein Instrument zur Ausgrenzung und Unterdrückung nicht nur, aber vor allem der schwarzen Minderheit verwandelt wurde. Der weiß, wie die Wohnsegregation von der Urbanisierung der 1870/1880er Jahre bis zum heutigen Tag eine gezielte Strategie ist, Afroamerikaner vom sozialen Aufstieg abzuschneiden. Und der ist dabei, seine eigenen rassistischen Stereotype gründlich zu hinterfragen.

Noch etwas, was Hoffnung macht: Die Parteien mögen in Washington verlernt haben, miteinander zu reden und im Sinne der Bevölkerung zu regieren. Doch seit 2016 ist eine neue Generation von Politikerinnen und Politikern auf den Plan getreten, die nicht nur selbst am politischen Prozess partizipieren und sich engagieren, sondern die es schaffen, Wählerschichten zu mobilisieren, die niemals Hoffnung hatten, vom politischen Establishment repräsentiert zu werden. Frauen wie Alexandria Ocasio-Cortez, Cori Bush oder Ilhan Omar, die an die USA glauben und dafür kämpfen, die das Land zu einem Ort machen wollen, in dem sich die Menschen in Wahlbezirken wie der Bronx oder East St. Louis nicht mehr vergessen und zurückgelassen fühlen.

USA und Donald Trump: Schockdoktrin einer verschreckten Kaste alter weißer Männer

So ist mir seit der Wahl Trumps eigentlich nie der Gedanke gekommen, dass die USA am Ende sind, dass das Land als System und als Idee ausgedient hat. Solch apokalyptische Rhetorik erscheint mir eher wie das Werkzeug von Leuten wie Trump, die eine tiefe Krise herbeizureden versuchen und eine bessere, reinere Vergangenheit zusammenfantasieren, zu der es zurückzukehren gelte, um die Macht der eigenen Klasse zu sichern. „Make America Great Again“ ist die Schockdoktrin einer verschreckten Kaste alter weißer Männer.

Die USA dieser Leute sind eine fixe Idee. Die USA der Menschen, die ich liebe und derentwegen ich dieses Land noch immer liebe, sind etwas ganz anderes. Sie sind unfertig, ewig pflege- und reparaturbedürftig, ein Werden und ein Wagnis. Der ewige Optimist Obama hat es als „imperfect union“ bezeichnet, ein Verweis auf den Verfassungsauftrag, eine „more perfect union“ – eine immer bessere Gemeinschaft zu bilden. Generation für Generation, immer wieder aufs Neue. In diesem Sinne sind die USA ein Abenteuer, das nie zu Ende geht, ein Weg zu einem neuen, neuartigen Gemeinwesen, das nie fertig ist. Dass ab und an ein Grobian kommt und auf dem ganzen Bastelwerk herumzutrampeln versucht, ist nicht schön. Aber es hindert die Menschen, die den Glauben an diesen Weg nicht aufzugeben bereit sind, nicht daran, ihn unbeirrt weiter zu gehen. (Von Sebastian Moll)

Rubriklistenbild: © Getty Images

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