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Fachleute sehen USA kurz vor einem Bürgerkrieg

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Von: Johanna Soll

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Manfred Berg, Professor für Amerikanische Geschichte: USA befinden sich bereits in einer „bürgerkriegsähnlichen Situation“
Manfred Berg, Professor für Amerikanische Geschichte: USA befinden sich bereits in einer „bürgerkriegsähnlichen Situation“ © Christopher Brown/Imago

Ist es tatsächlich denkbar, dass in den USA ein Bürgerkrieg ausbricht? Eine US-Professorin und ein deutscher Professor halten dies für möglich.

San Diego/Heidelberg – Sowohl in den USA als auch in Deutschland warnen zwei Fachleute vor einer Zunahme der politischen Gewalt in den Vereinigten Staaten: einem möglichen Bürgerkrieg. Die Expertin, die zuerst in den US-Medien mit entsprechenden Thesen für Aufsehen sorgte, ist Barbara Walter, Professorin für Politikwissenschaft an der Universität von Kalifornien in San Diego. Sie sprach bereits im US-Fernsehen darüber und gab der Washington Post ein Interview.

Manfred Berg, Professor für amerikanische Geschichte an der Universität Heidelberg, geht noch weiter und sagt in einem Interview mit ntv.de, die USA befänden sich bereits in einer „bürgerkriegsähnlichen Situation“. Er nennt für die aktuelle extreme politische Spaltung im Land historische und demografische Gründe: Donald Trump und sein Putschversuch, als er seine gewalttätige Anhängerschaft zum Sturm auf das Kapitol anstachelte; die unterschiedliche Mentalität in den Nord- und Südstaaten der USA und die Tatsache, dass die Weißen im Land etwa um 2025 nicht mehr die ethnische Mehrheit stellen werden.

Barbara Walter forschte zu Parametern, die Vorhersagen darüber zulassen, welche Länder und Regionen der Welt von der Gefahr eines Bürgerkrieges bedroht sind. Im Zuge dessen wurde ihr klar – die USA selbst sind ein Risikoland. Sie identifizierte im Wesentlichen zwei Faktoren, die die Wahrscheinlichkeit eines Bürgerkrieges ansteigen lassen. Zum einen eine Anokratie, ein Zustand zwischen Demokratie und Autokratie. Letztere beiden Staatsformen sind politisch recht stabil. Werden politische Institutionen einer Demokratie indes untergraben, entsteht Instabilität und das Risiko für einen Bürgerkrieg steigt.

Donald Trump: „Versprechen der Wiederherstellung einer weißen Hegemonie“

Der weitere Faktor ist die politische Organisation innerhalb einer Anokratie, bei der es nicht mehr darum geht, ob sich Menschen als links, konservativ oder liberal identifizieren. Vielmehr basieren die politischen Parteien fast nur noch auf ethnischer oder religiöser Identität. Zu beobachten, was mit der Republikanischen Partei passiere, habe sie erschreckt, „sie übernehmen geradezu eine white supremacist (Vorherrschaft der Weißen) Strategie.“

Auch Manfred Berg sieht in dem Wahlkampfslogan Donald Trumps „Make America Great Again“ das Versprechen der „Wiederherstellung einer euro-amerikanischen weißen Hegemonie“. Hinzu kommt, dass die Republikaner, die überwiegend in dünn besiedelten ländlichen Bundesstaaten regieren, im US-Kongress deutlich überrepräsentiert sind und bereits seit vielen Jahren versuchen, „durch manipulative und diskriminierende Wahlgesetze den Minderheiten in den Einzelstaaten gezielt die Ausübung ihres Wahlrechts zumindest zu erschweren.“

Manfred Berg zufolge habe seit dem Sezessionskrieg von 1861 bis 1865 keine Situation in den USA bestanden, in dem sich das Land so nah an einem Bürgerkrieg befindet, wie heute. Allerdings werde ein moderner Bürgerkrieg anders verlaufen als damals. Laut Barbara Walter werde es kein Zweifrontenkrieg mit offiziellen Armeen sein, die sich auf dem Schlachtfeld bekämpfen, sondern paramilitärische Gruppen wie die rechtsradikalen „Proud Boys“ würden Anschläge verüben.

US-Professorin prognostiziert, wie genau moderner US-Bürgerkrieg aussehen könnte

„Sie würden anfangen, sich Waffen zu besorgen und sich ausbilden zu lassen. Und sie werden anfangen, beim Ex-Militär oder Militär und bei der Polizei zu rekrutieren“, prognostiziert Barbara Walter. Mitglieder dieser Milizen-Gruppen würden auch zum Militär gehen, um von dem Training zu profitieren und an geheime Informationen zu gelangen. Durch die vielen Veteran:innen aus den Kriegen der USA in Afghanistan, Irak und Syrien könnten rechte Milizen auf viele potenzielle Rekrut:innen zurückgreifen.

Es würde mit einzelnen Anschlägen anfangen, die die Bevölkerung noch nicht zuordnen könne, dann würden sich laut Barbara Walter die Anschläge häufen: „Sie zielen auf die Infrastruktur ab. Sie zielen auf Zivilisten ab. Sie nutzen Inlandsterror und Guerillakrieg.“ Dabei werde es stets ihr Ziel sein, möglichst einen Einsatz der überlegenen US-Armee zu vermeiden und aus dem Untergrund zu operieren. Als Beispiele für derartige Konflikte nennt Barbara Walter die IRA in Nordirland oder die Hamas in Israel.

Manfred Berg sieht durchaus Gefahren für die Midterm-Wahlen im November, bei denen nach seiner Einschätzung die Republikaner die Mehrheit im Repräsentantenhaus erobern werden. US-Präsident Joe Biden könne das tief gespaltene Land nicht einen und es könnte zu politisch motivierter Gewalt kommen, sollte die Integrität der Wahl angezweifelt werden.

Doch auch die politische Blockade, die die Republikaner im US-Kongress schon seit vielen Jahren betreiben, sei ein Problem. Manfred Berg gibt an, „fast 40 Prozent der Anhänger von Republikanern und Demokraten halten eine Teilung des Landes in rote und blaue Bundesstaaten für gar keine schlechte Idee.“ Mit roten sind republikanische, mit blauen demokratische Bundesstaaten gemeint.

Man müsse sich hinsichtlich eines Bürgerkrieges in den USA „mit dem vermeintlich Unmöglichen auseinandersetzen“, so Manfred Berg, auch, wenn dies viele Menschen für alarmistisch halten. Auch Barbara Walter musste sich bereits den Vorwurf der Panikmache gefallen lassen. Doch ihrer Ansicht nach geben ihr spätestens die Ereignisse rund um den Kapitolsturm recht. Sie berichtet von ihrem Vater, einem Deutschen, geboren 1932, einem überzeugten Republikaner, der zutiefst verängstigt war über das, was während der Trump-Regierung in den USA geschah. „Er sagte, ‚ich sehe es. Ich erkenne es hier alles wieder.‘“ (Johanna Soll)

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