AFP_8U27KN_301020
+
Soll eigentlich WTO-Chefin werden: Ngozi Okonjo-Iweala.

Welthandel

USA bremsen die WTO erneut aus

Washington verhindert Nigerias Ex-Ministerin Okonjo-Iweala als neue Chefin der Welthandelsorganisation. Die ist ohnehin schon seit langem blockiert.

Die Entscheidung schien dermaßen unumstößlich zu sein, dass bereits ihr Vollzug gemeldet wurde. Die ehemalige nigerianische Außen- und Finanzministerin Ngozi Okonjo-Iweala sei zur neuen Generaldirektorin der Welthandelsorganisation WTO bestimmt worden, meldete der „Africa Report“ am Mittwochabend: die erste Frau und erste Afrikanerin an der Spitze der Organisation. Tatsächlich hatten sich fast alle 164 Mitgliedsstaaten der WTO hinter die 66-Jährige gestellt – nur ein Staat meldete in letzter Minute Bedenken an: die USA, wo die ehemalige Weltbankerin mehr als ihr halbes Leben verbrachte.

Die WTO solle lieber von einer Person geleitet werden, die „konkrete Erfahrung auf diesem Gebiet“ habe, wandte Washingtons WTO-Repräsentant in Genf ein: Südkoreas Handelsministerin Yoo Myung-hee sei mit ihren „erwiesenen Fähigkeiten“ genau die richtige Person. Das Votum der US-Regierung kommt einem Veto gleich. Die Führungspositionen derartiger Institutionen werden gewöhnlich einvernehmlich vergeben. Durch das Ausscheren Washingtons ist nun eine neue Zocker-Runde nötig geworden: Sie soll am 9. November stattfinden – sechs Tage nach den Wahlen in den USA, deren Ausgang die Haltung Washingtons vielleicht wieder auf den Kopf stellt.

Was die Trump-Administration zu ihrem Veto trieb, wissen selbst Insider nicht genau. Denn beide Kandidatinnen sind glühende Befürworter des Welthandels, von dem der US-Präsident weniger hält. Washington, das den größten finanziellen Anteil am Budget der vor 25 Jahren gegründeten Behörde bestreitet, drohte bereits einen Zahlungsboykott oder gar den Austritt aus der WTO an: Der Beitritt Chinas zum Handelsclub sei „eines der größten wirtschaftlichen Desaster der Welt“ gewesen, tobte Trump einst. Ob er von der Südkoreanerin in seinem Handelskrieg mit China mehr Sympathie erwartet oder die Organisation mit dem Ausscher-Manöver vollends lahmlegen will, bleibt offen. Klar ist nur, dass er die WTO – wie auch die Weltgesundheitsorganisation WHO – für viel zu prochinesisch hält.

Rückenstärkung in seinem Kampf gegen den Multilateralismus kann Trump von der Nigerianerin nicht erwarten. „Der Multilateralismus ist derzeit so wichtig wie noch nie“, sagte die Entwicklungs-Ökonomin kürzlich: „Wenn es die WTO nicht schon gäbe, müssten wir sie erfinden.“ Aufgabe der Organisation sei es vor allem, dem benachteiligten Süden der Welt eine faire Chance einzuräumen, so die MIT- und Harvard-Absolventin. Weil die Regulierung des Handels kein „Nullsummenspiel“, sondern eine „Win-Win-Angelegenheit“ sei, komme sie auch den Industrienationen zu Gute.

Bei dem von Okonjo-Iweala angestrebten Amt handele es sich um „den schlimmsten Job der Welt“, meint der Afrika-Report: Denn nicht erst seit Trump liegt die WTO im Koma. Seit einem Vierteljahrhundert konnte sie keine einzige Verhandlungsrunde zum Welthandel erfolgreich abschließen. Die Organisation brauche „neue Energie, neuen Enthusiasmus und jemanden, der in Herausforderungen Gelegenheiten sieht“, sagt Okonjo-Iweala selbstbewusst: „Und das bin ich.“ Tatsächlich bezweifelt niemand die Expertise der Powerfrau – was nicht heißt, dass sie über Kritik erhaben ist. In ihrer Zeit als Nigerias Finanzministerin seien dem Staat monatlich rund eine Milliarde US-Dollar an Öleinnahmen abhanden gekommen, wirft ihr die US-Korruptionsexpertin Sarah Chayes vor: „Es ist schändlich, dass sie für dieses Amt überhaupt in Erwägung gezogen wurde.“

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare