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Abendliche Ausgangssperre in Miami Beach, von Polizisten überwacht: Kostet die verfehlte Corona-Politik von Gouverneur DeSantis Präsident Trump sein Amt?

Wahlkampf

Der Anfang vom Ende des Donald Trump

  • vonMatthias Koch
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Rund 100 Tage vor den US-Wahlen liegen die Demokraten in Florida, dem wichtigsten „Swing State“, vorn. Damit verschlechtern sich die Siegchancen für die Republikaner massiv.

Der Asthmaspezialist Dr. Ronald Saff aus Tallahassee in Florida ist ein erfahrener Arzt. Er hat gute Bewertungen im Internet, seine Patienten loben die Atmosphäre in seiner Praxis als „locker“ und „familiär“. Als Saff allerdings an diesem Wochenende an einer politischen Talkrunde zur Corona-Krise im US-Staat Florida teilnahm, verlor er die Fassung.

Die politische Führung im Lande ist aus Sicht des Mediziners mehr als nur unfähig. Sie ist bösartig. Man solle sich nur einmal Floridas republikanischen Gouverneur Ron DeSantis ansehen, einen Parteifreund von Präsident Donald Trump. Der Gouverneur, ätzte Saff, „kommt mir vor wie der Vertreter eines rechtsgerichteten Todeskults“.

Todeskult? Die Emotionen gingen hoch an diesem Wochenende, auf gleich mehreren auch weltweit offenen Online-Events von Floridas US-Demokraten zur Corona-Krise. Es hat damit zu tun, dass die Viruskrise in Florida gerade eskaliert wie in einem Horrorfilm. Tag für Tag sterben in diesem Bundesstaat mehr als 100 Menschen an Covid-19. Am Wochenende zählte Florida 414 511 Infektionsfälle und überrundete erstmals New York. Floridas Demokraten haben ihr Thema.

Die Empörung der Menschen wächst. Linda Exantus, Technikerin in einer Abteilung für Rettungsmedizin, schimpfte: „Sie nennen uns Helden, und dann müssen drei Schwestern am Ende 30 Notfallpatienten gleichzeitig versorgen.“ Florida, der „Sunshine State“, driftet voll Düsternis und Bitterkeit in die Präsidentschaftswahl. Denn die Corona- Lockerungen kamen zu früh, sie gingen zu weit, und das Virus kehrte zurück, mit Wucht.

Inzwischen blicken die Floridianer auf eine doppelte Krise, eine medizinische und eine ökonomische. Und die Verantwortlichen dafür sehen sie jeden Abend im Fernsehen. Und die Demokraten leiten die Unzufriedenheit dezent, aber effizient, auf ihre Mühlen. Bei den Kampagnen der Opposition erzwingt Corona jetzt eine nie dagewesene Anpassung an neue Zeiten. Es ist deshalb ein leiser Kampf, der da ausgefochten wird: in Zoom-Konferenzen etwa, mit Mailaktionen und Wellen von Telefonaten.

Für Außenstehende sind die Effekte schwer erkennbar. Doch es gibt neuartige Erfolgsmeldungen, gestützt auf digitale Tatsächlichkeiten. So meldeten Floridas Demokraten am Wochenende, ihnen sei es gelungen, 1,86 Millionen ihnen zuneigende Floridianer dazu zu bewegen, sich schon mal zur Briefwahl registrieren zu lassen – das sind 500 000 mehr als bei den Republikanern. „Wenn es so weiter läuft“, freut sich Terrie Rizzo, Parteichefin der Demokraten in Florida, „sagen wir am 3. November Goodbye zu Donald Trump.“

Tatsächlich hat Florida eine große Bedeutung für die gesamte Präsidentschaftswahl: Unter den oft die Parteifarbe wechselnden „Swing States“ ist Florida der mit Abstand größte. Hier geht es um die Stimmen von 29 Wahlmännern. Darüber hinaus war Florida vor vier Jahren mitentscheidend für den Sieg Trumps: Er schlug Clinton dort damals mit 49,0 zu 47,8 Prozent der Stimmen – hätte die Demokratin gesiegt, wäre sie Präsidentin geworden. Und der Sender Fox News hat jetzt für Michigan (16 Wahlmänner), Pennsylvania (20) und Minnesota (10) einen wachsenden Abstand Bidens vor Trump gemeldet. Nirgendwo ist ein US-Bundesstaat in Sicht, von dem ein sogenannter Flip zurück von Blau (Demokraten) zu Rot (Republikaner) zu erwarten wäre. Trump muss also Florida unbedingt halten.

Aber wie soll das gehen? Vielen Amerikanern fallen dazu nur noch wahnsinnige Dinge ein. Etwa dass der Präsident einen Krieg mit China anfängt, im Südchinesischen Meer. Oder dass er Rassenunruhen quer durch die USA anstacheln werde und sich dann als starker Führer präsentiere – das „F”-Wort macht die Runde, gemeint ist Faschismus.

Doch ganz so weit ist es noch nicht. Die USA sind auch unter Trump kein rechtsfreier Raum. Um die Ansprüche eines Pressefotografen zum Beispiel, dem vermummte Beamte nachts in Portland in den Rücken schossen, kümmert sich jetzt die auf Schadenersatz spezialisierte kalifornische Rechtsanwaltskanzlei Braun Hagey & Boren LLP, keine Laienschar. In der Haut der Verantwortlichen will niemand stecken.

Trump steht nicht nur nicht über dem Gesetz. Er kann sich auch nicht dauerhaft gegen die mächtigen Modernisierungsströmungen in seinem Land stemmen. „Immer neue Krater“ seien rund um Trump in letzter Zeit entstanden, heißt es unter US-Demoskopen. In den Vorstädten, wo oft junge Familien mit mittlerem Einkommen aus unterschiedlichen Ethnien wohnen, bildet sich zunehmend ein Anti-Trump-Milieu heraus – sogar in bislang eher konservativen Staaten wie Texas.

In Florida kommen jetzt zu Trumps generellen Problemen noch sehr spezielle hinzu. Jahrelang hat er den Staat nicht aus den Augen gelassen. Es war kein Zufall, dass hier, in Jacksonville, der Parteitag der Republikaner stattfinden sollte – er ist inzwischen abgesagt. Die häufigen Besuche Trumps in seinem Golfclub in West Palm Beach waren immer auch eine nützliche Bearbeitung der politischen Landschaft: Seht her, zeigte er den wohlhabenden weißen Floridianern, ich bin einer von euch.

Genau diese Verbindung zerbröselt jetzt gerade. Die politischen Konsequenzen dieses Phänomens stehen einigen Analysten in Washington klar vor Augen.

Im Watergate-Komplex, einer nahe am Potomac gelegenen Bürolandschaft in der US-Hauptstadt, hat eine kleine, aber feine Sonderpublikation ihren Sitz, der „Cook Political Report“. Es gibt nur fünf Mitarbeiter um den 66-jährigen Gründer Charlie Cook, alle haben aber in Washington einen Ruf wie Donnerhall.

Deshalb löste es einiges an Vibrationen aus, dass der „Cook Political Report“ jetzt mit Blick auf Florida offiziell einen Flip ausrief, das politische Umdrehen des Bundesstaats. Florida, 2016 noch ein Trump-Staat, wird in der neuen Cook-Prognose als Staat eingeordnet, der „zu den Demokraten tendiert“. Das Blau blieb zwar noch blass, die Wirkung auf die Washingtoner Szene war aber erheblich. Auf einen Sieg Trumps setzt von den Profis niemand mehr.

Cook-Analystin Amy Walter schrieb dazu, in Florida gelte letztlich: „Wenn eine Krise eskaliert, wollen die Leute, dass ihre gewählten Vertreter die Sache in den Griff bekommen; wenn sie das nicht hinkriegen, wenden die Wähler sich ab.“ Biden liege in Florida in Führung und sei kaum mehr einzuholen. Hinzu komme aber, dass Gouverneur DeSantis die Leute abschrecke, bei den Republikanern ihr Kreuz zu machen; seine Zustimmungswerte seien geradezu kollabiert.

Analystin Walter stieß in Florida aber noch auf eine tieferliegende, für Trump gefährliche Strömung. Es ist die wachsende Angst der Älteren vor dem Virus. Lange habe Trump die Ernsthaftigkeit der Krise geleugnet. Die Wähler in Florida aber sähen, wohl auch weil sie im Durchschnitt etwas älter sind als Wähler in anderen Regionen, zu 83 Prozent das Coronavirus als „ernsthaftes Problem“.

Trump, der die Jungen nie erreichen konnte, verliert neuerdings auch die Gefolgschaft der Alten. Dieser Trend könnte den Anfang vom Ende des 45. Präsidenten der USA markieren.

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