In Minneapolis, Minnesota, erinnern die Menschen an den getöteten George Floyd.
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In Minneapolis, Minnesota, erinnern die Menschen an den getöteten George Floyd.

USA

Joe Biden erhöht den Druck

  • vonThomas Spang
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Der demokratische Präsidentschaftskandidat Joe Biden will zeigen, wie er die USA führen würde.

Mit ruhiger Hand nimmt der 77-Jährige die weiße Schutzmaske ab. Vor einem Meer an Sternenbannern blickt er entschlossen in die Kamera. „Ich kann nicht atmen,“ sagt er, wiederholt den Satz und erinnert dann daran, dass dies die letzten Worte George Floyds waren. „Sie schallen wie ein Echo überall in der Nation zurück.“

Dann schlägt der Redner, es ist Trump-Herausforderer Joe Biden von den Demokraten, im Rathaus von Philadelphia eine assoziative Brücke zwischen dem Coronavirus, das den Opfern die Luft nimmt, und der Pandemie des Hasses, die das Leben eines schwarzen Mannes unter dem Knie eines weißen Polizisten vorzeitig beendete. „Zu oft wird Ihre Hautfarbe allein zu einem Lebensrisiko.“ Von den mehr als 100 000 Covid-19-Toten, den über 40 Millionen Arbeitslosen und den rund 1000 Opfern von Polizeigewalt seien Schwarze nicht zufällig überproportional betroffen. „Ich kann nicht atmen“ sei das, „was Millionen Amerikaner nicht in ihren letzten Momenten des Lebens, sondern in ihrem Alltag erleben“. Es sei Zeit, darauf zu hören.

Die Kommentatoren sind sich einig: So klingen die Worte eines Führers, der die Nation angesichts einer historisch beispiellosen Doppelkrise tröstet, aufbaut und führt. „Wir brauchen keinen Präsidentschaftswahlkampf, sondern einen Präsidenten“, bringt Chris Truax in einer Kolumne für das Massenblatt „USA Today“ die Erwartung an Biden auf den Punkt. Donald Trump sei nicht nur abwesend, sondern gieße Öl ins Feuer. Er habe den letzten Funken an moralischer Autorität verloren, als er die friedlichen Demonstranten für ein Foto mit Bibel vor der St.- John’s-Kirche vertrieb. „Das Vakuum muss gefüllt werden.“

Diese Erkenntnis dämmert auch dem Beraterkreis des designierten Präsidentschaftskandidaten der Demokraten, der sich am Dienstag mit Siegen bei den Vorwahlen in Indiana, Rhode Island, Maryland, New Mexico, Montana, Pennsylvania, South Dakota und dem District of Columbia auf die 1911 Delegiertenstimmen zubewegt, die er für seine offizielle Nominierung braucht. Eine Formalie, da sein Konkurrent Bernie Sandres längst ausgeschieden ist und Biden unterstützt.

Joe Biden klang bei seiner Rede bereits wie ein Präsident.

„Ein Führer muss Risiken eingehen“, sagt Senator Chris Coons aus Bidens Heimatstaat Delaware, der Biden einzigartig auf diesen Moment vorbereitet sieht. Coons wünscht sich deshalb, mehr von Biden in der Öffentlichkeit zu sehen. „Ich wäre nicht überrascht, wenn er nach Minneapolis ginge“.

Sicher ist, dass Biden auf Einladung der Familie kommenden Dienstag nach Houston reisen wird, um an der Beerdigung George Floyds teilzunehmen. Eine unübersehbare Geste, die einen Kontrast zu dem Amtsinhaber schafft, der damit droht, das Militär gegen Amerikaner einzusetzen, die friedlich grundlegende Veränderungen verlangen.

In den vergangenen Tagen tauchte der mit 77 Jahren der Covid-19-Risikogruppe angehörende Biden vorsichtig aus der Quarantäne auf. Er besuchte den Schauplatz nächtlicher Proteste in Wilmington, traf sich am Montagabend mit der Gemeinde der schwarzen „Bethel A.M.E. Church“ und richtete sich am Dienstag aus Philadelphia an die Nation – demselben Ort übrigens, an dem Ex-Präsident Barack Obama seine historische Rede über das Rassenverhältnis hielt.

Doch mit Reden allein ist es vor allem für die jungen Aktivisten nicht getan. Sie erwarten mehr von dem Mann, dessen Kandidatur die Afroamerikaner mit dem politischen Wunder am Superdienstag retten. Jetzt sei es an ihm, dem schwarzen Amerika in der Doppelkrise aus Pandemie und Polizeigewalt zu helfen, fordern sie.

Bidens Strategen erkennen, dass er sich in diesem Moment nicht als Präsident des „Übergangs“ verkaufen kann, sondern einer, der grundlegende Reformen anbietet. Nicht weniger als das erwarten junge Amerikaner, die Biden bisher nicht genügend angesprochen hat.

Angela Lang, die eine Graswurzelgruppe schwarzer Aktivisten in Milwaukee anführt, meint, die bisher vorgelegten Ideen seien „ein Beginn“, aber bei Weitem nicht genug. „Er muss konkreter werden.“ Biden nimmt sich das zu Herzen.

In seiner Rede von Philadelphia wird der „Onkel Joe“genannte Politiker direkter: „Der Präsident der Vereinigten Staaten muss Teil der Lösung sein, nicht das Problem“, schreibt er Trump ins Stammbuch. „Heute ist unser Präsident ein Teil des Problems.“

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