Sie wollen den Wechsel: Anhängerinnen der Demokraten und von „Black Lives Matter“ in Duluth, Georgia.
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Sie wollen den Wechsel: Anhängerinnen der Demokraten und von „Black Lives Matter“ in Duluth, Georgia.

US-Wahl 2020

Trump-Herausforderer Biden sollte auf die Frauen hoffen

  • Sebastian Moll
    vonSebastian Moll
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Wenn der Demokrat Joe Biden die US-Wahl gewinnt, dann verdankt er das zuallererst Wählerinnen und Aktivistinnen.

Es ist ein kühler verregneter Herbstnachmittag in Pennsylvania. Aber den Frauen, die auf der Veranda von Shirley Morganelli sitzen, macht das nichts aus. Schon seit Stunden sind sie, in dicke Pullover gehüllt, hier zusammen und tun das, was sie fast immer tun, wenn sie bei Shirley zusammenkommen: Sie reden sich ihren Zorn vom Hals. Diesmal geht es um Amy Coney Barrett, Donald Trumps Wahl für die Nachfolge der feministischen Ikone Ruth Bader Ginsburg beim Supreme Court, dem Verfassungsgericht. An dem Tag laufen gerade Barretts Anhörungen vor dem Senat, Trump und seine Parteigenossen im Kongress wollen mit aller Macht vor der Wahl die Vereidigung von Cohen durchdrücken und schaffen das am Ende auch.

US-Wahl 2020: Frauen gegen Donald Trump

„Die ganze Sache ist ein Witz“, sagt Shirley, eine Krankenschwester im Ruhestand mit langen, weißen Haaren. „Das zeigt nur wieder einmal die Verlogenheit und Rückgratlosigkeit der Republikaner“, erwidert ihre Freundin Gillian Girivn, die unter ihrem Hoodie ein blaues T-Shirt mit dem Schriftzug „Biden-Harris 2020“ trägt.

Die Treffen bei Shirley sind für die Frauen aus der Kleinstadt Bethlehem, eine gute Stunde nördlich von Philadelphia, ein fester Bestandteil ihres Lebens geworden, seit im November 2016 Donald Trump ins Amt gewählt wurde. „Am Anfang“, so Shirley, „war es eine Art Therapiestunde. Wir haben es Unhappy Hour genannt.“ Doch aus dem gemeinsamen Lamentieren über den Wahlsieg von Trump ist in vier Jahren viel mehr geworden. Die Gruppe hat sich „Roar“ getauft – „Rally of American Resistance“ („Aufstand des US-amerikanischen Widerstands“) und mauserte sich zu einem spürbaren Faktor in der Politik von Pennsylvania. Demokratische Kandidatinnen buhlen um ihre Unterstützung, die Republikaner fürchten sie. Und da Pennsylvania einer der entscheidenden Staaten im Präsidentschaftswahlkampf ist, können die Frauen auf Shirleys Veranda sich heute brüsten, im Zentrum der nationalen US-amerikanischen Politik mitzumischen. Ihr Selbstverständnis ist dabei durchaus feministisch: Ihnen sind Themen wie Abtreibung und die Besetzung des Obersten Gerichtshofs wichtig, aber auch bezahlbare Bildung und natürlich das politisch umkämpfte Gesundheitswesen.

Hoffnungsvoll: „Roar“-Frauen aus der Stadt Bethlehem mit Unterstützern.

Shirleys Frauen, von denen viele im Wahlkampf 2016 Hillary Clinton unterstützt hatten, fragten sich seinerzeit bei ihren „Unhappy Hours“ bald, was sie konkret tun könnten. Und wie es sich herausstellte, war das viel.

Zur Zwischenwahl im Jahr 2018, bei der Gouverneure und der Kongress neu gewählt wurden, suchten sich die „Roar“-Frauen Kandidatinnen aus, die ihnen gefielen. Sie begannen, für sie Wahlkampf zu machen, sie gingen von Tür zu Tür, sie organisierten Veranstaltungen, bei denen Spenden gesammelt wurden. Sie erstellten Datenbanken und schrieben Postkarten an Wählerinnen und Wähler, von den man wusste, dass sie unentschlossen sind. Und sie unternahmen große Anstrengungen im Landkreis, um möglichst viele Menschen an die Wahlurne zu bekommen.

Die US-Linke mobilisiert für die US-Wahl 2020 gegen Trump

Das Engagement zahlte sich aus. In ihrem Bezirk, der über Jahrzehnte an die Republikaner gegangen war, gewann bei der Zwischenwahl 2018 die Demokratin Susan Wild. „Roar“ hatte die Rechtsanwältin Wild, die bis dahin in der Stadtverordnetenversammlung des Nachbarorts Allentown gedient hatte, dazu überredet, sich aufstellen zu lassen. Und die Frauen taten alles, um Wilds Namen bekannt zu machen und die Wählerinnen und Wähler davon zu überzeugen, dass sie die beste Vertretung für den Distrikt in Washington sei.

Susan Wild wurde Teil der viel gerühmten „Blue Wave“ 2018, jene Welle von politischem Engagement der US-Linken, die der demokratischen Partei das Repräsentantenhaus zurückgab und zumindest ein gewisses Korrektiv zu Trump in Washington installierte. Die „Welle“ wurde damals vor allem von Frauen getragen. 529 Frauen wie Susan Wild kandidierten damals – zwei Jahre zuvor waren es nur 312 gewesen.

US-Wahl 2020: Fast 300 Frauen sind Kandidatinnen für das Repräsentantenhaus

Die Kandidatinnen waren jedoch nur die vorderste Front einer Massenbewegung politischen Engagements von Frauen in den USA. Die Organisation „Emily’s List“, die Kandidatinnen auf allen politischen Ebenen unterstützt, verzeichnete 42 000 Anfragen von Frauen, die sich für ein politisches Amt interessieren. 2016 waren es gerade einmal 920 gewesen.

Der Trend ebbt im Wahljahr 2020 nicht ab, die „Blue Wave“ schwappt weiter durch das Land. Zwar stehen an der Spitze beider Parteien alte, weiße Männer. Doch dahinter formiert sich eine massive Veränderung der politischen Kultur. In diesem November stehen insgesamt 298 Frauen zur Wahl für das Repräsentantenhaus, darunter 117 Women of Color. Unter den demokratischen Kandidatinnen und Kandidaten stellen Frauen beinahe 50 Prozent. „Das zeigt ganz eindeutig, dass 2018 keine Anomalie war“, sagt Kelly Dittmar, Forschungsdirektorin am American Center for Women in Politics.

Und die Kleinen sind mit dabei: Eine Aktivistin verteilt Snacks an Wartende vor einem Wahlbüro in Smyrna, Georgia.

Worüber weniger gesprochen wird als über die Kandidatinnen, zu denen neue Stars der Partei wie Alexandria Ocasio-Cortez, Cori Bush oder Stacey Abrams gehören, sind die Frauen, die hinter ihnen stehen. Frauen wie Shirley Morganelli und ihre Gruppe „Roar“. Dabei sind diese Frauen dabei, die USA zu verändern.

Laut Theda Skocpol, einer Soziologin von der Harvard Universität, gibt es in den USA mittlerweile rund 2500 Gruppen wie die „Roar“ in der Region Lehigh Valley nördlich von Philadelphia. Sie werden oft als „Wine Moms“ oder „MSNBC Moms“ verspottet, weil sie bei ihren Zusammenkünften auch mal Wein trinken und den linkslastigen TV-Sender MSNBC sehen. Doch ihr Beitrag ist laut Skocpol alles andere als trivial. „Es ist die Wiedergeburt einer ganz bestimmten Form bürgerlichen Engagements in den USA.“ Und: „Es gibt der demokratischen Partei eine Infrastruktur zurück, die sie in der Vergangenheit schmerzlich vermisst hat.“

US-Wahl 2020: Demokraten haben gerade im ländlichen Raum an Präsenz verloren

Insbesondere in den Vorstädten und in ländlichen Gegenden wie dem LeHigh Valley ist den Demokraten in den vergangenen 20 Jahren eine organisierte Präsenz zunehmend verloren gegangen. Linksliberale gingen immer weniger in die Kirche und mit dem Sterben der Schwerindustrie starben auch die Gewerkschaften. Laut Skocpol füllen Gruppen wie „Roar“ diese Lücke.

Die „Moms“ sind in der Regel hochkompetent und hochmotiviert. Wie die Frauen auf Shirley Morganellis Veranda sind sie meist gut gebildet und bringen aus ihrem Berufs- oder ihrem Familienleben ausgeprägte organisatorische Fertigkeiten mit. So hat jetzt, im Endspurt zur Präsidentschaftswahl, jede in der Lehigh-Valley-„Roar“ ihre Aufgabe. Shirley sammelt Spenden für die Wiederwahl von Susan Wild. Die Organistin Martha hilft bei der Wählerregistrierung und Betsy schreibt Postkarten an unentschlossene Wählerinnen und Wähler. „Keine von uns will sich nach dem 3. November vorwerfen, dass wir nicht alles getan haben“, sagt Shirley.

Die große Frage für die Frauen aus Bethlehem und die Tausenden anderen Engagierten im Land ist nun, wie es nach dem 3. November weitergeht. Wird man in tiefe Depression verfallen, falls Trump gewählt wird? Wird man an Schwung und Dringlichkeit verlieren, wenn Biden gewinnt? Shirley Morganelli hat darauf eine eindeutige Antwort: „Wir bleiben, egal was passiert.“ Ihre Arbeit für die Vereinigten Staaten von Amerika hat gerade erst begonnen. (Sebastian Moll)

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