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In North Carolina zieht sich die Auszählung am Mittwoch noch hin.

US-Wahl

US-Wahl: „Keine große Überraschung“

  • Fabian Scheuermann
    vonFabian Scheuermann
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US-Polit-Expertin Rachel Tausendfreund erklärt, warum für Biden viele Wege zum Wahlsieg führen und warum Trump besser nicht auf die Gerichte zählen sollte

Frau Tausendfreund, Sie haben als Redaktionsleiterin bei der Stiftung „German Marshall Fund“ die US-Politik intensiv im Blick. Waren Sie am Mittwochfrüh von den bis dahin vorliegenden Ergebnissen zur Präsidentschaftswahl dennoch überrascht?

Nein. In Florida zum Beispiel hatte man zwar einen Vorsprung für Biden erwartet, aber es war immer klar, dass es dort knapp wird. Auch dass Ohio an Trump ging, ist nicht überraschend. Die wichtigen offenen Fragen sind eher, wie North Carolina abstimmt oder Arizona. Biden stehen mehr Wege zum Sieg offen als Trump.

Es heißt, dass gegen Ende der Auszählung mit einem „Blue Shift“ zu rechnen ist, also dass die Briefwähler:innen, deren Stimmen in vielen Staaten erst ganz zum Schluss ausgezählt werden, mit großer Mehrheit für Biden gestimmt haben und in Staaten wie Pennsylvania den wahlentscheidenden Ausschlag geben könnten.

Ja, ein solches Szenario scheint auch mir sehr wahrscheinlich. Das wird vor allem in Bundesstaaten wie Wisconsin, Michigan und auch Pennsylvania einen großen Effekt haben. In Florida und Arizona waren die Briefwahlstimmen hingegen schon von Anfang an bei der Auszählung dabei. Man kann aber auch sehen, dass konservative Wählerinnen und Wähler auf dem Land Trump weitgehend sehr treu geblieben zu sein scheinen. Das hätte auch anders laufen können, wenn man an Covid-19 und an die wirtschaftliche Lage denkt.

Trump hat sich trotz Millionen noch nicht gezählter Stimmen schon als Sieger der Wahl ausgegeben. Viele haben ein solches Verhalten vorausgesagt – sind Sie dennoch überrascht?

Ich bin enttäuscht, aber nicht überrascht. Es war zu erwarten, dass er bis zum Ende an einem Sieg festhalten würde. Es bleibt noch offen, wie weit er das treibt, und wie gut er noch damit durchkommt. Der konservative Sender „Fox News“ etwa unterstützt die Darstellung Trumps nicht und nannte die Wahlergebnisse am Mittwoch noch unklar. Das ist ein wichtiger Hinweis.

Zur Person

Rachel Tausendfreund ist US-Expertin und Redaktionsleiterin bei der Stiftung „German Marshall Fund“. GMF

Nein, die gibt es nicht. Bei der Entscheidung in 2000, die George W. Bush zum Sieg geholfen hat, ging es um eine Neuzählung nach einem sehr knappen Ergebnis. Jetzt reden wir erstmal über die Auszählung der Stimmen. Ich wäre dann sehr überrascht, wenn das Trump-Team versuchen würde, die Auszählungen zu stoppen mit so vielen ungezählten Stimmen. Noch ist das nur eine Kampfansage, keine Tat. Aber wenn es eng wird mit den Stimmen, müssen wir von einem sehr harten Kampf ausgehen.

Welche Chancen haben juristische Vorstöße des Trump-Lagers – etwa wegen Briefwahlbogen, die angeblich zu früh ausgezählt wurden?

Das wird davon abhängen, wie die jeweiligen nächsten Instanzen über diese Fälle entscheiden. Die Tage gab es zum Beispiel in Texas eine Entscheidung über Wahlunterlagen, die vor dem Wahltag in Wahlboxen geworfen wurden. Von republikanischer Seite wurde kritisiert, dass Genehmigungen für diese Boxen fehlten. Die Republikaner hätten die dort eingeworfenen Stimmen also gerne von der Auszählung ausgeschlossen. Aber der Richter – ein Konservativer, der von George W. Bush ernannt wurde – sah das anders: Die Stimmen zählen. Das Beispiel zeigt, dass man nie wissen kann, wie die Entscheidungen ausfallen werden.

Der Wahlausgang hing gestern auch noch an Arizona und Georgia. Wie kommt es, dass solch konservative Staaten innerhalb von vier Jahren zu Staaten wurden, die Biden als Demokrat nun gewinnen kann?

Das liegt in Arizona zum Beispiel daran, dass der jüngere und nicht-weiße Bevölkerungsanteil ständig wächst. Dazu kommt, dass eine höhere Wahlbeteiligung – und das ist bei dieser Wahl der Fall – meist bedeutet, dass mehr jüngere und nicht-weiße Menschen gewählt haben. Das scheint dort der Schlüssel für ein besseres Ergebnis der Demokraten als noch 2016 gewesen zu sein. Und in den beiden Staaten wächst der Anteil der eher zur Demokratischen Partei tendierenden Minderheiten. Und auch die Städte sind gewachsen, mit liberal gesinnten Bevölkerungsschichten. All das verändert die politischen Mehrheiten. Das sehen wir auch in Texas, aber in Arizona ist dieser Prozess schon weiter vorangeschritten.

Interview: Fabian Scheuermann

Sascha Hartmann

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