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Trollfabriken in Afrika versuchen, Einfluss auf den Wahlkampf in den USA zu nehmen. (Symbolbild)

Präsidentschaftswahl USA

Trolle verbreiten Fake-News - und helfen Donald Trump so im Wahlkampf

  • vonMirko Schmid
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Trollfarmen in Nigeria und Ghana produzieren Falschmeldungen und schicken sie per WhatsApp an Amerikaner:innen. Das Ziel: Donald Trump zur Wiederwahl verhelfen.

  • Trollfabriken in Ghana und Nigeria produzieren Artikel, um die Spaltung der USA weiter voranzutreiben.
  • Die Agentur „Caliwax“ verbreitet Nachrichten von Donald Trump-nahen Medien wie „Breitbart“ und „The Federalist“ in den USA.
  • Alle Informationen rund um die US-Wahl am 3. November finden Sie in den News zur Wahl 2020.

Abuja/Nigeria - In Nigeria und Ghana arbeiten einem Exklusivbericht aus den USA zufolge junge Männer und Frauen in Trollfabriken daran, Desinformation über US-Demokraten zu streuen, Rassismus-Probleme in den USA weiter zu verschärfen und soziale Unruhen auszulösen. Die „Autoren“ erstellen Artikel mit falschen Vorwürfen, welche anschließend per WhatsApp an Mobillfunknummern in den USA geschickt werden, um den Wahlkampf der Demokraten um Joe Biden zu untergraben, und die Wiederwahl von Donald Trump zu begünstigen.

Die Trollfabrik „Caliwax Media“ rekrutiert mit Vorliebe Studierende

Die Trollfabrik mit dem Namen „Caliwax Media sendet außerdem massenweise Nachrichten, die Donald Trump gut aussehen lassen und Rassismus-Unruhen in den USA weiter anfachen sollen. Die Nachrichten gehen an die zufällig ausgewählten Kontakte, heißt es in der Exklusivstory des „The Daily Beast“. Vor allem in Ghana sollen dem Bericht zufolge Trolle im Teenager-Alter Falschmeldungen produzieren, darunter viele Student:innen.

Einer der jungen Mitarbeiter der Trollfarm, der sich selbst „Tim“ nennt, stellte sich „The Daily Beast“ als Informant direkt aus dem Innenleben einer Fehlinformationsquelle in Ghana zur Verfügung. Ein anonymer Anrufer habe ihm im vergangenen Dezember das Angebot unterbreitet, sich bei der Chefin der Trollfabrik, einer Frau namens Atam Boateng zu melden, und sich mit journalistischer Arbeit etwas dazuzuverdienen. Dafür bekam „Tim“ eine SMS mit den Kontaktdaten von Atam Boateng - inklusive einer in Russland gehosteten und gesicherten E-Mail-Adresse.

Die Artikel der jungen Trollfabrik-„Autor:innen“ sollen Rassismus-Probleme weiter anfachen

Boateng, deren Linked In-Profil sie als Absolventin einer russischen Universität ausweist, habe sich umgehend gemeldet und ihm ein Treffen in einem Restaurant in Ghana angeboten. Sie soll hinzugefügt haben: „Stellen Sie sicher, dass sie alleine und ohne Begleitung kommen.“ Im Restaurant angekommen, habe Atam Boateng „Tim“ und anderen jungen Autor:innen erklärt, dass sie für einheimische Zeitungen Rassismus-Probleme in den USA analysieren sollten - für 40 Dollar je Artikel.

„Tim“ habe im darauffolgenden Januar damit angefangen, solche Artikel zu produzieren. Der Informant berichtet, dass er schnell gemerkt habe, dass der Fokus in Wirklichkeit darauf lag, Unruhen zwischen den ethnischen Gruppen der USA zu schüren und Missgunst zu fördern. Ein Artikel, den er bei Boateng abgegeben habe, habe die angebliche Abwanderung einer großen Zahl von Schwarzen aus Angst vor dem Rassismus in den USA nach Afrika zum Thema gehabt.

In einem Artikel der Trollfabrik „Caliwax“ wird behauptet, dass sich Schwarze in den USA freiwillig mit Corona infizieren

In einem anderen Artikel habe „Tim“ behaupten müssen, dass sich Schwarze Gemeinden in den USA zusammenschließen würden, um sich absichtlich gegenseitig mit Corona zu infizieren. Beispielsweise in Chicago, wo mehr als 70 Prozent aller an den Folgen einer Infektion mit dem Coronavirus Verstorbenen Schwarze waren, obwohl diese Volksgruppe dort nur ein Viertel der Gesamtbevölkerung ausmacht. Er habe behauptet, dass die Ungleichheiten vor allem dort besonders groß seien, wo Demokraten regierten. Ein Narrativ, das auch Donald Trump immer wieder bemüht.

Wie „Tim“ berichtet, sollten die Artikel der jungen „Autor:innen“ der Trollfabrik möglichst viele Statistiken und Zahlen beinhalten, um deren Behauptungen zu stützen. Doch nach und nach sei ihm bewusst geworden, dass seine Artikel nicht wie besprochen in regionalen Tageszeitungen veröffentlicht wurden. Stattdessen wurden aus dem Zusammenhang gerissene Ausschnitte dieser Artikel per WhatsApp direkt in US-amerikanische Haushalte verschickt. Davon habe er erst später erfahren.

Ein Kollege von „Tim“ berichtete gegenüber „The Daily Beast“ davon, dass er einen Datensatz von US-Telefonnummern bekommen habe, an die er diese tendenziösen Schnipsel schicken sollte. Der Kollege, der sich „Kofi“ nennt, schätzt die Anzahl der Telefonnummern, die er am 1. Juli 2020 per E-Mail erhalten habe, auf über 500.

Die Trollfabrik „Caliwax“ verbreitet Artikel rechter Publikationen per WhatsApp in den USA

„Kofis“ Aufgabe sei es gewesen, Meldungen der rechten Publikationen „Breitbart“ und „The Federalist“ an seine Telefonliste zu verschicken. Diese WhatsApp-Nachrichten lägen „The Daily Beast“ vor, schreibt das Internetmagazin. In einem dieser Artikel wird behauptet, dass die Medien Horden von Plünderern und Chaoten vertuschten, welche durch die Großstädte der USA marodieren würden. Außerdem sei die Zahl der Morde in demokratisch regierten Städten wie Minneapolis, New York, Philadelphia, Nashville, Chicago, Milwaukee, Indianapolis, Cincinnati und New Orleans rapide angestiegen.

Sowohl „Kofi“ als auch sein Kollege „Tim“ kündigten ihre Anstellung zeitnah zum Beginn ihres Arbeitsverhältnisses - sie seien immer wieder vertröstet aber nie bezahlt worden. Beide gaben gegenüber „The Daily Beast“ an, zu keiner Zeit davon gewusst zu haben, für eine „ausländische Trollfabrik“ zu arbeiten. Sie seien über die wahren Motive im Unklaren gelassen worden.

Trollfabrik „Caliwax“ verbreitet die Ideen des rechtsextremen Verschwörungskultes „QAnon“

Im Rahmen einer Recherche des „Daily Beast“ stellte sich heraus, dass die Agentur „Caliwax weder über ein Büro noch über Redaktionsräume verfügt. Einen Namen bekamen die Journalisten während ihrer Recherche immer wieder zu lesen: William (oder auch Bill) Gyado. Gyado, der im Internet Wahlkampf für Donald Trump und die kruden Ideen des rechtsextremen Verschwörungskultes „QAnon“ Werbung macht, benennt „Caliwax“ auf seinem Linked In-Profil als seinen Arbeitgeber.

In einer E-Mail, versendet von demselben russischen und verschlüsselten E-Mail-Anbieter, mit dem „Tim“ mit Boateng kommunizierte, soll Gyado die Demokraten als Feinde der Schwarzen Bevölkerung der USA gebrandmarkt haben. Seine E-Mail ging unter anderem an die drei größten Radiosender in Nigeria. Gyado soll die Zunahme der sexuellen Ausbeutung afrikanischer Kinder direkt mit einer weltweit agierenden und Satan verehrenden Elite von Pädophilen in Verbindung gebracht haben - dem Narrativ der QAnon-Verschwörungsideologie folgend.

Spuren der Trollfabrik „Caliwax“ führen nach China und Russland

Gyado nutze außerdem bevorzugt Opera News Hub, eine in Afrika populäre Nachrichtenplattform des norwegischen Browser-Anbieters Opera, der sich in Besitz des chinesischen Private-Equity-Fonds Golden Brick Capital befindet. Dort können Privatpersonen Nachrichten veröffentlichen. Obwohl Opera behauptet, diese Nachrichten vor Veröffentlichung genau zu prüfen, treffen Verschwörungstheorien wie die von „QAnon“ dort auf mehr als 360 Millionen Nutzer:innen weltweit. Eine dieser Nachrichten: Barack Obama soll afrikanische Nationen unter Druck gesetzt haben, damit diese die Homo-Ehe legalisieren. Bis heute sind Gyados Artikel dort abrufbar.

Hass in den Herzen der afrikanischen Bevölkerung gegen die USA zu schüren, sei schon länger ein „Trick“ Russlands, schreibt „The Daily Beast“. Doch auch China, das sich in einem erbitterten Handelskrieg mit den USA unter Donald Trump befindet, könnte laut dem Onlinemagazin ein Interesse daran haben, die Lage im tief gespaltenen Land weiter zu destabilisieren. Im Laufe der Recherche sei den Journalisten aufgefallen, dass die Aktivitäten des „Caliwax“-Teams auffällig der russischen Trollkampagne von 2016 ähnelt, die mit ihren Falschmeldungen über Hillary Clinton nicht unwesentlich zum Wahlsieg von Donald Trump beigetragen haben könnten.

Als Beispiel nennt „The Daily Beast“ den afrikanischen Videoblogger William Johnson. Johnson hatte seinen Followern erklärt, Hillary Clinton sei eine „Serienmörderin“, die „ganze Nationen vergewaltigen“ wolle. Donald Trump hingegen sprach der YouTuber von jedem Rassismus frei. Später gab Johnson zu, für die berüchtigte russische Internet-Forschungsagentur (IRA) gearbeitet zu haben. (Mirko Schmid)

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