Verschwörungstheorien

Bundesregierung warnt: Antisemitische QAnon-Theorie findet auch in Deutschland Resonanz

  • Delia Friess
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Die Wiederwahl von Donald Trump war eine der großen Hoffnungen der QAnon-Bewegung. Die Verschwörungstheorie findet auch in Deutschland eine immer größere Anhängerschaft.

  • Die QAnon-Bewegung war sich sicher, dass Donald Trump US-Präsident bleibt. Nach seiner Niederlage bei der US-Wahl 2020 ist das QAnon-Netzwerk verunsichert.
  • Doch zwei QAnon-Sympathisantinnen wurden ins Repräsentantenhaus gewählt.
  • Bundesregierung warnt: Immer mehr Resonanz der QAnon-Bewegung in Deutschland.

Update vom Donnerstag, den 12..11.2020, um 14.30 Uhr: Die QAnon-Verschwörungserzählung findet immer mehr Anhänger:innen in Deutschland. Nach Angaben der Bundesregierung wurde „Resonanz“ vor allem in Teilen der rechtsextremistischen Szene und bei Reichsbürgern festgestellt.

In der Antwort auf eine parlamentarische Anfrage der Linkspartei im Bundestag erklärte das Innenministerium, Regierung und Sicherheitsbehörden verfolgten die Entwicklung „mit großer Aufmerksamkeit“. Dies schließe die Beobachtung von Rechtsextremisten sowie „Reichsbürgern und Selbstverwaltern“ ein, die QAnon anhängen.

QAnon findet immer mehr Resonanz in Deutschland - Rechtsextrene und Reichsbürger

Zuletzt hatte auch der Antisemitismusbeauftragte der Bundesregierung, Felix Klein, dazu aufgerufen, stärker gegen QAnon vorzugehen. Auch Netzpolitiker:innen wie der Grünen-Bundestagsabgeordnete Konstantin von Notz oder der religionspolitische Sprecher der FDP, Benjamin Strasser, forderten ein entschiedeneres Vorgehen der Bundesregierung. Der evangelische Sektenbeauftragte Matthias Pöhlmann warnte vor einem rasanten Wachsen der Bewegung.
Bei QAnon handelt es sich um eine Verschwörungstheorie, die in den USA entstanden ist. Das FBI erklärte sie 2019 zur potenziellen terroristischen Bedrohung. Inzwischen findet QAnon auch in Deutschland durch eine Vielzahl von Websites, Blogs und Youtube-Kanälen sowie über Messengerdienste wie Telegram Verbreitung.

Die Verschwörungstheorie QAnon gewinnt in Deutschland immer mehr Anhänger. Besonders bei Rechtsextremen und Reichsbürgern ist die Resonanz groß.

Kritik: Verfassungsschutz beobachte nur rechten Rand von QAnon - aber ganze Bewegung sei antisemitisch

Die Linken-Abgeordnete Ulla Jelpke kritisierte in den Zeitungen der Funke Mediengruppe, dass die Bewegung nur an ihrem rechten Rand vom Verfassungsschutz beobachtet werde. „Wer die Inhalte von QAnon teilt, ist offenkundig ein Rechtsextremist und Antisemit“, sagte Jelpke. Daher könne sie nicht nachvollziehen, warum nur Rechtsextremisten und Reichsbürger beobachtet würden, die dieser Theorie namens QAnon anhängen.

QAnon - „zutiefst beunruhigende“ und „antisemitische Ideologie“

Jelpke sagte, die Verbreitung der Verschwörungserzählung sei „zutiefst beunruhigend“. Man habe es im Kern mit einer antisemitischen Ideologie zu tun, die schon die faschistischen Mörder von Halle und Hanau inspiriert habe. „In der jetzt gängigen Verbindung mit dem Irrationalismus von Reichsbürgern und der obskuren Corona-Leugner-Bewegung ergibt dies eine brandgefährlichen Mischung“, warnte sie. Die Bundesregierung scheine „keine Ahnung“ von den organisatorischen Strukturen und personellen Zusammenschlüssen zu haben. Dies lasse „Zweifel an der Ernsthaftigkeit ihres Einsatzes gegen Antisemitismus entstehen“, so Jelpke.

Die New York Times berichtet in einem Artikel vom 10.11.2020 davon, dass der Nachrichtenfluss von QAnon auf der Plattform 8kun, einem Portal auf dem antisemitische Verschwörungstheorien kusieren, vorerst abgeebbt sei. Zudem soll es interne Machtkämpfe in der Bewegung geben. Ron Watkins, ein Administrator bei 8kun, der dem Glauben anhängt, Q selbst zu verkörpern, erklärte nach der Wahl seinen Rücktritt von der Seite, da er „Zensur“ befürchte und um die Zukunft der Seite bange. Sein Vater Jim Watkins, der Gründer von 8kun, postete nach Angaben der Zeitung Hymnen und Behauptungen über Wahlbetrug.

Nach Trump-Niederlage bricht QAnon auseinander ‒ Sind die Tage der Gruppe gezählt?

Erstmeldung vom Mittwoch, den 11.11.2020, um 14.00 Uhr: Washington - Es war doch alles völlig klar: Donald Trump wird als US-Präsident wiedergewählt, zieht in seiner zweiten Amtszeit die intriganten Demokraten für ihre Machenschaften zur Rechenschaft und nimmt endlich die Weltelite und ihren satanischen, pädophilen Kult hoch ‒ so hatten sich zumindest Anhänger:innen der QAnon-Bewegung den Ausgang der US-Wahl 2020 vorgestellt. Ein Sieg Trumps gehörte zu dem Plan, auf den die Gruppe vertraute. Jetzt, da es anders gekommen ist, scheint das Netzwerk zu bröckeln.

Seit 2017 werden unter dem Pseudonym QAnon, oder kurz Q, Verschwörungstheorien im Internet verbreitet. Oftmals haben die Theorien rechtsextreme Tendenzen. Anhänger:innen des Netzwerks kommunizieren und organisieren sich zum großen Teil über das Internet, etwa in Facebook-Gruppen oder auf der Plattform 8kun. Doch seit Trumps Wahlniederlage ist es still geworden. Laut einem Bericht der „New York Times“ gab es seitdem nicht einen Post des Q-Accounts auf 8kun und generell seien mit QAnon verbundene Aktivitäten dort stark gesunken.

Nach US-Wahl 2020 auch interne Querelen bei QAnon

Es scheint demnach auch interne Querelen bei QAnon zu geben: Ron Watkins, ein Administrator von 8kun, den manche selbst für die Person hinter Q halten, verkündete am Tag der US-Wahl, dass er sich von 8kun zurückziehe. Er nannte „weitreichende Streitereien” über Zensur und die Zukunft der Seite als Gründe. Fredrick Brennan, Gründer der 8kun-Vorgängerseite 8chan und Kritiker der Bewegung, sagte der „New York Times“, QAnon-Anhänger:innen glaubten fest daran, dass Trump die absolute Kontrolle hatte, obwohl die Umfragen zeigten, dass er nur eine geringe Chance auf den Sieg hatte. „Sie hatten nicht erwartet, dass er verliert und sie haben nicht erwartet, dass Fox News es verkünden wird. Das war schädlich für die Psyche“, so Brennan.

Nach der Niederlage bei der US-Wahl von Präsident Donald Trump wissen Anhänger der QAnon-Bewegung nicht mehr, was sie glauben sollen.

Dem QAnon-Experten William Partin zufolge seien Anhänger:innen daran gewöhnt, dass die Vorhersagen von Q sich nicht immer bewahrheiten. „Manchmal sind Leute enttäuscht und steigen aus. Andere versuchen, das Gesamtnarrativ anzupassen, um den Rückschlag Teil eines größeren Plans zu machen. Aber es ist sehr schwierig, etwas so großes wie die Niederlage bei der Präsidentschaftswahl einzuarbeiten“, so Partin in der „New York Times“. Doch auch schon vor der US-Wahl 2020 wurden QAnon-Anhänger:innen von einigen sozialen Netzwerken ausgeschlossen, was der Bewegung Schwung und ein wichtiges Organisationsinstrument nahm.

Was ist QAnon?

QAnon (/kjuːəˈnɒn/), kurz Q, bezeichnet eine Person oder Gruppe, die Verschwörungstheorien mit häufig rechtsextremen Hintergründen und Tendenzen im Internet verbreitet. Die zentrale Behauptung der mutmaßlich in den USA agierenden Person oder Gruppe und ihrer Anhängerschaft ist, dass sich ein Zirkel einflussreicher, satanistischer und weltweit operierender Mitglieder der wirtschaftlichen und politischen Elite verschworen hat. Dieser Zirkel entführt der Verschwörungstheorie nach Kinder, um sie zu foltern, ihr Blut zu trinken und sie zu ermorden, um damit in den Besitz ewiger Jugend zu gelangen.
Der Held der QAnon-Anhängerschaft ist Donald Trump, der der Theorie zufolge diesen elitären Zirkel und gleichzeitig einen Staat im Staate („Deep State“) bekämpft. Es wird angenommen, dass die QAnon-Verschwörungstheorie ursprünglich auf der anonymen Message-Board-Plattform 4chan verbreitet wurde.
Bereits im Präsidentschaftswahlkampf 2016 hatten Trump-Anhänger*innen behauptet, dass hochrangige Politiker der Demokraten einen internationalen Kinderhändlerring betreiben würden („Pizza-Gate“), woran die QAnon-Verschwörungstheorie anknüpft. (Mirko Schmid)

Erfolg für QAnon: Sympathisantinnen ziehen ins Repräsentantenhaus ein

Was fangen die QAnon-Unterstützer:innen nach diesem heftigen Rückschlag also mit sich an? Dem „New York Times“-Bericht zufolge könnten prominente Vertreter:innen der Bewegung still und heimlich in Gemeinden weiterer Verschwörungstheorien rutschen und dort ihre Ansichten etwa über Kinderhandel verbreiten. Sie könnten sich aber auch denjenigen anschließen, die die Ergebnisse der US-Wahl anfechten wollen. Denn manche QAnon-Vertreter:innen hätten bereits „Stop the Steal“-Demos unterstützt, die der demokratischen Partei Wahlbetrug vorwerfen.

Die Anhänger:innen der Bewegung seien jedenfalls gut aufgestellt, um Trump dabei zu helfen, sich als Opfer der Demokraten darzustellen. Auch wenn der Kopf Q weiterhin still bleiben sollte, werden sich wahrscheinlich andere Bewegungen finden, zu denen die Unterstützer:innen wechseln könnten. Denn Experten Partin zufolge sei es unwahrscheinlich, dass von Verschwörungstheorien Verführte diesen einfach so entsagten. Und ein bisschen Futter hat es für QAnon bei der US-Wahl ja trotz Donald Trumps Niederlage gegeben: Mit Marjorie Taylor Greene und Lauren Boebert sind zwei Republikanerinnen, die die Verschwörungstheorie begrüßen, ins Repräsentantenhaus gewählt worden. (Ines Alberti)

Rubriklistenbild: © Kay Nietfeld

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