US-Wahl 2020

Joe Biden bleibt die Ruhe selbst - und räumt auch Fehler ein

  • Lukas Rogalla
    vonLukas Rogalla
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Ein Fernsehabend als Sinnbild für den Wahlkampf: Statt sich gemeinsam den Fragen der Wähler zu stellen, treten Donald Trump und Joe Biden bei konkurrierenden Veranstaltungen auf.

Update vom Freitag, 16.10.2020, 07.00 Uhr: Nach der Absage ihres TV-Duells haben sich Donald Trump und sein Herausforderer Joe Biden zeitgleich in zwei Fernsehsendern Fragen von Wählern gestellt. Während Trump in Miami mit dem ungeliebten „Town Hall“-Format kämpfte, trat Biden in Philadelphia auf. Den zeitgleichen Auftritt seines Rivalen hätte sich auch Trump gerne angeschaut, und zwar aus einem ganz bestimmten Grund: „Weil ich sehen wollte, ob er es durch die Sendung schafft.“ Trump unterstellt seinem 77-jährigen Herausforderer immer wieder mangelnde körperliche und geistige Fitness.

Dabei war Bidens Auftritt sogar länger als der von Trump. Während der Präsident sich eine Stunde lang Fragen stellte, waren es bei Biden 90 Minuten - in beiden Fällen gab es mehrere kurze Werbepausen. Ein Wähler hatte vor Joe Biden nicht verbergen können, dass ihn eine Antwort Bidens nicht gänzlich zufrieden stellte. Biden bot an, nach dem Ende der Sendung weiter zu reden - was er auch tat.

Joe Biden reagierte auf alle Fragen gelassen.

Joe Biden räumt Fehler ein

Zuvor hatte Joe Biden Im weitgehend leeren Auditorium in Philadelphia in aller Ruhe die Fragen beantwortet - es ging um den Kampf gegen die Corona-Pandemie, die umstrittene Polizeiarbeit, die Ungleichheit in der amerikanischen Gesellschaft. Die Wähler*innen konfrontierten ihn auch mit Themen, die ungemütlich für Biden sind: Zum Beispiel mit einem Gesetz zur Kriminalitätsbekämpfung aus den 1990er Jahren, das Biden unterstützte, und was viele für die Diskriminierung von Minderheiten verantwortlich machen. Biden räumte ein, es sei ein Fehler gewesen, das Gesetz zu unterstützen. Zudem sagte er auf Drängen des Moderators zu, vor der Wahl klarzustellen, was er von einer Ausweitung der Richterposten am Supreme Court hält. Am Ende vieler seiner teils langen Antworten sagte Biden in Richtung der Wähler*innen, er hoffe, die Frage beantwortet zu haben.

Außerdem macht der ehemalige US-Vizepräsident deutlich, dass er sich im falle eines Wahlsiegs niemals rassistisch oder spalterisch äußern werde. Moderator George Stephanopoulos fragte Biden, was ihm eine Niederlage darüber sagen würde, was Amerika heute sei. „Nun, es könnte bedeuten, dass ich ein mieser Kandidat war und ich keinen guten Job gemacht habe“, sagte Biden. Er hoffe nicht, dass es bedeute, dass die Menschen in ethnischen und religiösen Fragen so im Konflikt miteinander stünden, wie Trump es wolle.

Darüber hinaus warf Joe Biden dem US-Präsidenten Versagen im Umgang mit Corona vor. „Er hat enorme Gelegenheiten verpasst und sagte immer wieder Dinge, die nicht wahr waren“, sagte Biden. „Wenn ein Präsident keine Maske trägt oder sich über Leute wie mich (...) lustig macht, dann sagen die Leute: ‚Es wird schon nicht so wichtig sein.‘ Es ist aber wichtig, was wir sagen.“ Mit Blick auf die für den 22. Oktober geplante TV-Debatte zwischen den beiden Kandidaten machte Biden klar, dass er von Trump erwarte, sich wieder testen zu lassen. Der Anstand gebiete das einfach, sagte Biden. Es gehe ihm dabei nicht um ihn selbst, sondern um andere Menschen, die man gefährden könnte. „Er wird das wohl machen“, sagte er.

US-Wahl 2020: „Town Hall“ - Donald Trump und Joe Biden stellen sich den Fragen der Wähler*innen

Erstmeldung, 15.10.2020: Miami/Philadelphia - Aufgrund seiner Infektion mit dem Coronavirus sollte das zweite TV-Duell zwischen US-Präsident Donald Trump und seinem Herausforderer Joe Biden eigentlich virtuell stattfinden. Doch Trump weigerte sich. Biden könne die Antworten nämlich einfach ablesen, behauptete er. Die Organisatoren sagten das Event schließlich ab. Stattdessen nehmen die Kandidaten jeweils an eigenen, so genannten „Town Hall“-Events teil und stellen sich den Fragen der Bürger*innen. Da beide zeitgleich ausgestrahlt werden, streiten sich Trump und Biden auch um die Zuschauerschaft.

Um 20 Uhr Ortszeit (Eastern Time, 2 Uhr MESZ) wird Donald Trump auf „NBC News“ zu sehen sein. Die Fragerunde wird nach Angaben des Senders im Freien und unter Einhaltung von Corona-Auflagen der Behörden stattfinden. Ein PCR-Test soll befunden haben, dass Trump das Virus nicht mehr verbreiten könne, wie der Direktor der Gesundheitsbehörde NIH, Clifford Lane, versicherte.

Die Fragerunden der US-Wähler*innen mit Donald Trump und Joe Biden werden zeitgleich ausgestrahlt.

Journalistin Savannah Guthrie wird die „Town Hall“ in Miami etwa dreieinhalb Meter von Donald Trump entfernt moderieren. Alle 60 anwesenden Wähler*innen aus dem für die US-Wahl wichtigen „Swing State“ Florida müssen eine Maske tragen. NBC teilte mit, dass das Publikum entweder noch unentschieden sei oder leicht zu einem der Kandidaten tendiere. Worüber sie dem US-Präsidenten Fragen stellen werden, wurde nicht bekanntgegeben. Als zentrale Themen werden jedoch vor allem die Corona-Pandemie in den USA und die resultierende Wirtschaftskrise erwartet. Etwa eine Stunde lang wird sich Trump den Wähler*innen stellen. Man kann die Fragerunde live im Internet auf NBC News Now mitverfolgen.

US-Wahl 2020: Donald Trump und Joe Biden treten jeweils zeitgleich in der „Town Hall“ auf

Zeitgleich tritt Joe Biden beim „Town Hall“-Event des Senders „ABC“ in Philadelphia auf. Auch hier sollen Hygienevorschriften strikt eingehalten werden. 21 Wähler*innen aus dem Bundesstaat Pennsylvania - und aus verschiedenen politischen Spektren - werden anwesend sein, um den Kandidaten der Demokratischen Partei zu befragen.

Die Moderation übernimmt Nachrichtensprecher George Stephanopoulos. Verfolgen kann man die Fragerunde, die etwa 90 Minuten dauern soll, auf der Website von ABC News und auf dem gleichnamigen Youtube-Kanal. Im Anschluss fasst ABC das Geschehen zusammen und analysiert Joe Bidens Auftritt.

Für die zeitgleiche Ansetzung von Donald Trumps Fragerunde mit der von Joe Biden hagelte es Kritik für NBC. Man ignoriere die Interessen der amerikanischen Bürger*innen auf der Suche nach dem geeignetsten Kandidaten für die Präsidentschaft, wie Medienanalyst Bill Carter behauptet. Unentschiedene Wähler*innen in den USA werden sich aussuchen müssen, welche „Town Hall“ sie am heutigen Abend live verfolgen möchten. Carter erwartet, dass Trump mehr Zuschauer erreichen wird, da seine gesamte Strategie in der US-Wahl darauf aufbaue, möglichst viel Aufmerksamkeit in den Medien zu bekommen.

US-Wahl 2020: Joe Biden führt in allen Umfragen

Eine Besonderheit der „Town Hall“ ist, dass es im Gegensatz zu einer direkten Debatte kein Zeitlimit für Antworten gibt. Man könnte im Gegensatz zum chaotischen TV-Duell zwischen Trump und Biden im September etwas mehr Tiefsinn in den Antworten erwarten. Vor allem lebt das Format von der Interaktion des Kandidaten mit den Wähler*innen.

In den derzeitigen Umfragen zur US-Wahl liegt Amtsinhaber Donald Trump hinter dem demokratischen Herausforderer Joe Biden. Am 3. November wird sich letztlich entscheiden, wer das Rennen ums Weiße Haus macht.

Rubriklistenbild: © Carolyn Kaster

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