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Obamas einstiger Vizepräsident Joe Biden nimmt auch in South Carolina den meisten Raum ein. Zumindest am Straßenrand.

USA

Zerfleischen statt kämpfen: Demokraten bringen sich in Stellung

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Die demokratischen Konkurrenten von Donald Trump sind noch zu zahlreich – und deutlich zu sehr mit sich selbst beschäftigt.

Vor einer Woche riss Bernie Sanders der Geduldsfaden. „Die Katze ist aus dem Sack!“, twitterte der linke US-Senator. Seine Empörung galt aber nicht einer Enthüllung über Donald Trump, sondern der zunehmenden Unterstützung seiner demokratischen Mitbewerberin um das Präsidentenamt, Elizabeth Warren, durch prominente Parteifreunde. „Das Establishment der Demokraten will ‚Irgendwas, bloß nicht Bernie‘“, ätzte der 77-Jährige. Der Ausbruch ist kein Einzelfall.

Während sich in den Umfragen mehr als die Hälfte der US-Amerikaner unzufrieden mit Trump zeigt, sind seine Herausforderer in den kommenden Monaten vor allem mit sich selbst beschäftigt. Insgesamt 24 Frauen und Männer wollen im November 2020 für die Demokraten das Weiße Haus zurückerobern. Nächstes Frühjahr werden bei den innerparteilichen Vorwahlen die Weichen für die Kür des Trump-Herausforderers gestellt. Bis dahin muss man sich in dem überbesetzten Bewerberfeld profiliert und nach vorne gearbeitet haben.

Eine wichtige Chance dazu bietet sich an diesem Mittwoch und Donnerstag, wenn der Fernsehsender NBC abends in zwei Gruppen die 20 aussichtsreichsten Bewerber erstmals miteinander diskutieren lässt. Das öffentliche Interesse an der TV-Debattenpremiere ist riesig. Mehr als 1100 Journalisten haben sich angemeldet, und überall in den USA wird zum Public Viewing im Wohnzimmer oder auf der Veranda eingeladen.

Obamas Vize Joe Biden liegt in Umfragen vorn

In den Umfragen liegt Obamas Ex-Vize Joe Biden klar vorne. Der Pragmatiker hat sich bislang erfolgreich von allem innerparteilichen Gehader ferngehalten. Mit Spannung wird erwartet, ob er seinen Nimbus im direkten Schlagabtausch verteidigen kann. Hinter ihm rangiert Bernie Sanders, dem Elizabeth Warren zunehmend auf die Pelle rückt. Die viertplatzierte kalifornische Senatorin Kamala Harris ist bislang erstaunlich blass geblieben.

Am schärfsten wird die Auseinandersetzung zwischen Sanders und Warren geführt. Beide konkurrieren miteinander auf dem Linken-Ticket, und Sanders fühlt sich von der agilen Professorin, die jeden Tag einen neuen Plan zur Stabilisierung der Mittelschicht vorlegt, auf seinem angestammten Territorium bedroht. Mehr oder weniger offen werfen seine Mitarbeiter der immer populäreren Trump-Kritikerin vor, Ideen ihres Chefs zu kopieren. Doch auch Joe Biden bekommt Seitenhiebe der Konkurrenz ab. „Mit dem Versprechen, das Land wieder zur Normalität zurückzuführen, werden wir nicht gewinnen“, stichelte Pete Buttigieg jüngst gegen ihn. Auch wegen seiner inzwischen revidierten Ablehnung von staatlichen Zuschüssen für Abtreibungskliniken wurde der Favorit von weiblichen Konkurrentinnen wie New Yorks Senatorin Kirsten Gillibrand, die im hinteren Bewerberfeld rangiert, offen kritisiert.

Hinzu kommen Probleme, die von den Kandidaten selbst verursacht und von ihren Mitbewerbern ausgeschlachtet werden. So steht Bürgermeister Pete Buttigieg, derzeit Nummer fünf der Bewerberriege, in seiner Heimatstadt South Bend im Bundesstaat Indiana mächtig unter Druck, nachdem ein weißer Polizist unter seltsamen Umständen einen Schwarzen erschossen hat. „Wir vertrauen Dir nicht!“, riefen aufgebrachte Afroamerikaner am Wochenende bei einer Bürgerversammlung. Biden wiederum hat mit einer angreifbaren Äußerung über seine Fähigkeit, vor mehr als 40 Jahren auch mit Befürwortern der Rassentrennung zusammenzuarbeiten, für Unruhe gesorgt. Die Forderung nach einer Entschuldigung bescherte dem schwarzen Senator von New Jersey, Cory Booker, einen Popularitätsschub.

Schon fühlt sich mancher an den Wahlkampf 2016 erinnert, der von der bitteren Auseinandersetzung zwischen Hillary Clinton und Bernie Sanders überschattet wurde. Am Ende gewann Trump. „Wir haben den polarisierendsten republikanischen Präsidenten der Geschichte“, mahnt der New Yorker Kongressabgeordnete Steve Israel: „Es wäre ein Fehler, gegeneinander zu feuern, statt auf ihn zu schießen.“

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