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Nach den Anschlägen auf die alliierten Besatzungstruppen in Irak haben die USA die Sicherheitsvorkehrungen im Land verstärkt und suchen massiv nach Angehörigen des gestürzten Regimes, allein am Sonntag nahm die Armee 180 Iraker vorläufig fest.

US-Politiker rufen nach internationaler Hilfe in Irak

Nach einem Besuch in Bagdad zeigen sich Senatoren besorgt / Einflussreiche Politiker fordern Umdenken von Bush

Von Dietmar Ostermann (Washington)

Als vorige Woche eine Delegation des außenpolitischen Senatsausschusses die irakische Hauptstadt Bagdad besuchte, zeigten sich die Politiker parteiübergreifend beeindruckt - von der chaotischen Sicherheitslage in Irak und den Schwierigkeiten beim Wiederaufbau. "Die Zeit läuft gegen uns. Jeden Tag verlieren wir an Boden. Das alles sind Gründe, warum wir Hilfe brauchen", fasste der republikanische Senator Chuck Hagel am Sonntag den niederschmetternden Eindruck seiner Kollegen zusammen. Man habe nur noch wenige Wochen, das Blatt zu wenden, so Hagel: "Unsere Soldaten sind erschöpft."

Auch der Demokrat und Bagdad-Reisende Joseph Biden forderte eine internationale Irak-Truppe: "Ich möchte französische, deutsche und türkische Abzeichen auf den Armen von Leuten sehen, die in Irak herumstehen." Den derzeit 150 000 US-Soldaten in Irak will Biden eine internationale Truppe von bis zu 60 000 Mann an die Seite stellen, am liebsten unter Kommando der Nato. Man brauche auch "mehr Vereinte Nationen", forderte Hagel.

Sowohl Hagel als auch Biden sind einflussreiche Mitglieder des Senats-Außenausschusses, der unter seinem Vorsitzenden - dem angesehenen Republikaner Richard Lugar - seit langem gegen die Unilateralisten in der Bush-Regierung opponiert. Lugar geht von einer fünfjährigen Besatzungszeit und Kosten von 100 Milliarden Dollar für die Stabilisierung Iraks aus. US-Präsident Bush solle dem Volk endlich die wahre Dimension der Aufgabe erläutern - und die Last international auf möglichst viele Schultern verteilen, rät er.

Diesem Ruf schließen sich in Washington nun auch immer mehr Politiker an, die früher zu den glühenden Kriegsbefürwortern gehörten. So warnt der Irak-Falke John McCain davor, den Wiederaufbau im Alleingang bewältigen zu wollen. In der US-Bevölkerung wachse angesichts täglicher Überfälle auf ihre Soldaten in Irak die Unruhe. Erst am Montag griffen Unbekannte ein US-Militärfahrzeug in der zentralirakischen Stadt Falludscha mit Granaten an. Dabei sei ein "eingebetteter" australischer Journalist verletzt worden, teilte das Zentralkommando mit. In der westirakischen Stadt Haditha starben nach Angaben des arabischen Fernsehsenders Al Dschasira mindestens 25 Iraker bei der Explosion eines Munitionsdepots, dutzende Menschen seien verletzt worden. Offenbar hatten Plünderer die Explosion versehentlich ausgelöst, hieß es.

Der Fraktionschef der Republikaner im Senat, Bill Frist, sagte nun, man müsse "die Welt einbeziehen". Genau darauf hatte sich die Bush-Regierung nach dem Krieg nur bedingt einlassen wollen. Der UN-Sicherheitsrat verabschiedete am 22. Mai einen von den USA, Großbritannien und Spanien vorgelegten Resolutionstext, der Washington und London als verantwortliche Besatzungsmächte legitimiert. Eine von Paris, Moskau und Berlin gewünschte stärkere Rolle der UN hatte die Bush-Administration abgelehnt.

Die Washington Post, die noch unlängst den Wunsch ehemaliger Kriegsgegner nach mehr Einfluss in Irak scharf zurückgewiesen hatte, rät der Bush-Administration nun zum Mea Culpa: Am besten wäre es, wenn die Regierung "den Fehler korrigieren würde, den sie nach dem Krieg gemacht hat, als sie darauf bestand, die Kontrolle über den Nachkriegs-Irak zu monopolisieren und die Rolle der Alliierten und der Vereinten Nationen zu minimieren", schreibt das einflussreiche Blatt.

Kritik an den Besatzern übte am Montag auch die Menschenrechtsorganisation Amnesty International. Sie warf den US-Truppen vor, bei der Behandlung von irakischen Gefangenen gegen internationales Recht zu verstoßen, weil die Inhaftierten weder Kontakt zu ihren Familien noch zu Anwälten hätten.

Dossier: Irak nach dem Krieg

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