Interview

US-Ausbilderin: „Die Polizeiausbildung in den USA ist die schlechteste der Welt“

  • Sebastian Moll
    vonSebastian Moll
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Maria Haberfeld spricht im FR-Interview über Gründe für Rassismus und das Fehlen einheitlicher Standards und erklärt, warum sie eine Kürzung der Finanzmittel vehement ablehnt.

  • In den USA gibt es keine einheitlichen Standards für die Ausbildung, Ausrüstung und Auswahl der Kandidaten
  • Es ist laut Haberfeld dringend nötig, die Ausbildung der Polizei komplett zu reformieren
  • Polizisten in den USA müssen unter anderem mehr auf verbale Deeskalation geschult werden

Maria Haberfeld ist Professorin am John Jay College of Criminal Justice in New York, der renommiertesten Akademie für Polizeioffiziere der USA

Sie hat unter anderem „Exploring Police Integrity“ geschrieben, ein Buch über die Integrität der Polizei im internationalen Vergleich. Vor ihrer Promotion an der City University of New York war sie Offizierin einer Antiterrorgruppe der israelischen Armee. 

Im FR-Interview spricht sie über Gründe für Rassismus und das Fehlen einheitlicher Standards und erklärt, warum sie eine Kürzung der Finanzmittel vehement ablehnt.

Polizei in den USA: dezentrale Organisation ist ein Problem

Ein Gesetzesentwurf der Demokraten in Washington zur Polizeireform sieht unter anderem vor, Datenbanken für Fehlverhalten anzulegen., brutale Techniken abzuschaffen und Entschädigung für Opfer zu erleichtern. Was halten Sie davon?

Ich denke darüber das gleiche, was ich von vielen solcher Reformvorschläge in den vergangenen Jahren gehalten habe. Das ist eine fehlgeleitete Sicht dessen, was jetzt gebraucht wird. Es ist ein Vorschlag von Leuten, die Polizeiarbeit nicht verstehen, geleitet von den Emotionen des Augenblicks und Vorstellungen davon, was die Öffentlichkeit jetzt hören möchte. Aber ich denke nicht, dass das die gewünschten Resultate bringt – nämlich eine Abnahme der Gewalt auf den Straßen.

Was würde denn die gewünschten Resultate bringen?

Das größte Problem der amerikanischen Polizei ist ihre dezentrale Organisation. Wir haben in den USA 18 000 bis 20 000 unabhängige Polizeiabteilungen. Das macht eine Regulierung beinahe unmöglich. Es gibt keine einheitlichen Standards für die Ausbildung, für die Ausrüstung, für die Auswahl der Kandidaten. Das gibt es sonst nirgends auf der Welt. Reform muss dabei ansetzen, einheitliche Standards sowie eine zentrale Regulierung zu schaffen. Es wäre beispielsweise ganz einfach, die Hoheit der Polizei auf die Einzelstaaten zu übertragen, dann hätten wir die Anzahl der Einheiten schon einmal auf 50 reduziert. Wir haben im Moment allein im Staat New York 600 autonome Polizeiabteilungen. Solange wir das nicht ändern, wird keine Reform wirksam sein.

USA: Kürzung der Mittel der Polizei wäre eine Katastrophe

Aber löst das denn das Problem des Rassismus?

Ich denke, dass der Rassismus mit der mangelnden Ausbildung der amerikanischen Polizei zu tun hat. Leute, die weniger Bildung haben, sind weniger tolerant. Viele Kandidaten in den USA müssen nicht einmal einen Highschoolabschluss haben, um Polizist zu werden. Dann bekommen sie zehn Wochen Ausbildung, werden auf die Straße geschickt und können über Menschenleben entscheiden. Das kann nicht gutgehen.

Maria Haberfeld.

Viele Gemeinden in den USA rufen jetzt danach, die Budgets der Polizei zu kürzen oder die Polizei ganz abzuschaffen. Was halten Sie davon?

Das ist eine komplette Katastrophe. Der größte Teil der Budgets der Polizeiabteilungen in den USA geht in die Ausbildung, die ohnehin schon mangelhaft ist. Wenn Sie nun dafür die Mittel kürzen, wird das Problem nur noch schlimmer. Außerdem lösen Sie ja nicht das Problem der Gewalt und des Rassismus in der Polizeitruppe, in dem Sie die Truppenstärke reduzieren. Im Gegenteil, die, die übrig sind, fühlen sich dann noch mehr überwältigt und werden noch aggressiver.

Ausbildung der Polizei in den USA muss von Grund auf reformiert werden

Es gibt in New York 36 000 Polizisten. Viele Communities haben das Gefühl, im Belagerungszustand zu leben. Da würde eine Reduzierung der Truppenstärke nichts nützen?

Ich schaue mir nie die Truppenstärke an, ich schaue mir die Qualität der Beamten an. Und um mich zu wiederholen, Mittelkürzungen würden die Ausbildung verschlechtern. Wir haben in den vergangenen Jahren hier in New York für aktive Polizisten Sensitivitätstraining eingeführt, aber so etwas müsste eigentlich schon Teil der Grundausbildung sein. Deswegen greifen auch alle die gut gemeinten Reformvorschläge nicht. Wir müssen die Ausbildung von Grund auf reformieren.

Wie ist die Polizeiausbildung in New York?

Hier dauert die Grundausbildung sechs Monate. Aber im Vergleich zu vielen europäischen Ländern ist das ein Witz. In den meisten Ländern dort dauert die Ausbildung vier Jahre. Polizeiarbeit ist unheimlich kompliziert, sowohl von der theoretischen Seite als auch von der praktischen Seite her, und man trägt als Polizist eine extrem große Verantwortung. In New York müssen die Beamten mindestens zwei Jahre das College besucht haben, aber das ist meiner Meinung nach noch immer zu wenig. In anderen Teilen des Landes haben die Beamten oft nicht einmal einen Schulabschluss.

Polizei in den USA wird zu wenig auf Kommunikation und Deeskalsation geschult

Die Polizei in den USA scheint grundsätzlich aggressiv und konfrontativ aufzutreten, nicht nur gegenüber Minderheiten. Woran liegt das?

Die Polizei in den USA wird von der Öffentlichkeit nicht respektiert. Die Beamten finden sich oft in Situationen wieder, in denen sie sich überwältigt und übermannt fühlen. Wenn Sie dann noch die ungenügende Ausbildung dazu nehmen, haben Sie ein Problem.

Nach dem Tod von George Floyd durch Polizeigewalt kam es in den USA zu zahlreichen Protesten. Der Polizist Derek Chauvin sitzt im Gefängnis und muss sich wegen Totschlags verantworten.

Wie werden die Polizisten denn in der Ausbildung auf solche Situationen vorbereitet?

In den USA ist der Weg von verbaler zu physischer Gewalt in der Polizeitaktik gewöhnlich sehr kurz, die Polizisten dürfen schnell eskalieren. Sie müssen unter bestimmten Umständen auch nicht alle notwendigen Zwischenschritte tun. Aber sie fühlen sich auch oft unter Belagerung.

Front gegen den Protest: Polizeieinsatz in Seattle im US-Bundesstaat Washington.

Die andere Seite fühlt sich aber genauso unter Belagerung. Deshalb wäre doch Deeskalation noch wichtiger.

Die meisten Polizisten werden zu wenig in Kommunikation ausgebildet. Der Anteil der Polizeiausbildung, der auf Kommunikation verwendet wird, liegt unter einem Prozent. Deswegen kann ich mich nur wiederholen. Mittelkürzungen sind nicht die Antwort. Wir müssen mehr Geld in die Ausbildung stecken. Das ist der Weg.

Die Polizei wird stark dafür kritisiert, militärisch aufzutreten und damit die Menschen einzuschüchtern. Sehen Sie das auch so?

Ja, das ist sicher ein Problem. Es gibt aber andererseits auch kein westliches Land, in dem es so viel Gewalt gibt und so viele Menschen über Schusswaffen verfügen. Wenn die Polizei sich mit automatischen Schusswaffen auseinandersetzen muss, dann muss sie vorbereitet sein. Die Polizei ist militarisiert, weil oft die Straßen militarisiert sind. Es ist ein Teufelskreis.

Interview: Sebastian Moll

Im Zuge der anhaltenden Kritik an der US-Polizei wurden zwei Polizei-Reality-Shows abgesetzt. Die Sprecherin des Weißen Hauses dichtet eine weitere Serie dazu.

Rubriklistenbild: © Gavin John/ZUMA Wire/dpa

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