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Die Vorsitzenden des Women?s March Carmen Perez, Bob Bland, Tamika D. Mallory und Linda Sarsour (v.l.) in New York.

Antisemitismus

US-Aktivistinnen weisen Antisemitismus-Kritik zurück

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Der Vorstand der Friedrich-Ebert-Stiftung setzt die Verleihung des Menschenrechtspreises an "Women?s March USA" aus.

Die Entscheidung fiel so plötzlich, dass zunächst nicht einmal die Ankündigung aus dem Netz gelöscht wurde. „Die Friedrich-Ebert-Stiftung lädt Sie herzlich ein zur Verleihung des Menschenrechtspreises 2018: Women’s March USA“, stand dort noch am Freitag. Der amerikanische Frauenprotest habe „entscheidend zur Verankerung von Geschlechtergerechtigkeit (…) beigetragen. Das wollen wir feiern“, hieß es dort – am Montag um 16.30 Uhr in Berlin.

„Unzureichendes Antisemitismusverständnis“ 

Doch daraus wird nichts. Am Donnerstagnachmittag sagte die SPD-nahe Stiftung den Termin plötzlich ab, da dem Frauenmarsch „ein unzureichendes Antisemitismusverständnis“ vorgeworfen werde.

Der Rückzieher vier Tage vor der Preisverleihung stößt in Washington auf Verwunderung und Kritik. „Die Anführerinnen des Women’s March lehnen Antisemitismus in jeder Form ab“, sagte eine Sprecherin der Organisation der FR. Zugleich erhob sie schwere Vorwürfe: „Rechte Kräfte nutzen begeistert jedes Mittel, um unsere Bewegung zu teilen und zu schwächen.“ Auch Knut Dethlefsen, der Leiter des Büros der Friedrich-Ebert-Stiftung (FES) in Washington, betont: „Der Vorwurf, die Organisation Women’s March sei antisemitisch, ist falsch.“ 

Nach den Plänen der FES sollen die Ko-Vorsitzenden Tamika Mallory und Bob Bland sowie fünf weitere Vertreterinnen des Women’s March, der im Februar 2017 Hunderttausende Menschen gegen US-Präsident Donald Trump auf die Straßen gebracht hatte, am Wochenende trotzdem nach Berlin fahren. Dort sind am Montag und Dienstag interne Debatten bei der FES, der Besuch des Jüdischen Museums und ein Auftritt der Frauen bei einer Veranstaltung zur Wählermobilisierung geplant. Nur ausgezeichnet werden sie nicht. Die Frauenorganisation mochte die Teilnahme zunächst nicht bestätigen. 

Kritik an Tamika Mallory und Linda Sarsour

Nicht nur die Programmänderung ist höchst ungewöhnlich. Der ganze Ablauf der Kehrtwende wirft Fragen auf. Er wurde ausgelöst durch den Anfang dieser Woche veröffentlichten offenen Brief eines FES-Arbeitskreises „Kritik des Antisemitismus und Jüdische Studien“. Dort werden den Organisatorinnen des Frauenmarsches unter anderem „antisemitische Äußerungen“ und „israelbezogener Antisemitismus“ vorgeworfen. Es geht insbesondere um die Teilnahme der schwarzen Ko-Vorsitzenden Mallory an einer Konferenz mit dem antisemitischen afroamerikanischen Politprediger Louis Farrakhan und das Engagement der muslimischen Ko-Vorsitzenden Linda Sarsour für die Israel-Boykottbewegung BDS. 

Beide Kritikpunkte sind nicht neu. Bereits im März dieses Jahres gab es dazu in den USA eine heftige Debatte. Mallory hatte in Chicago an einer Veranstaltung teilgenommen, auf der Farrakhan erklärte: „Die mächtigen Juden sind meine Feinde.“ Mallory betonte anschließend, sie sei keine Antisemitin, lehnte eine Distanzierung von dem auch durch homophobe und rassistische Äußerungen aufgefallenen Islamführer aber ab, da sie mit Vertretern „eines breiten politischen Spektrums“ zusammenarbeiten müsse. Vor allem in rechten amerikanischen Medien wurde sie deshalb scharf angegriffen. 

Im Juni wurde die Verleihung des Menschenrechtspreises an den Women’s March bei der Friedrich-Ebert-Stiftung diskutiert. Kurz darauf beschloss eine Jury, der auch der Ex-SPD-Chef und heutige FES-Vorsitzende Kurt Beck angehört, die Auszeichnung. „Es gab vorher Gespräche über die Vorwürfe, die gegen die Organisation erhoben wurden“, berichtet Dethlefsen. Trotzdem sei die von ihm unterstützte Entscheidung so in Berlin gefallen. 

Nun steht die Frage im Raum, was den FES-Vorstand unter Becks Leitung zu dem Kurswechsel bewegte. Man habe die Notbremse „nach sorgfältiger Überlegung“ gezogen, heißt es bei der FES in Berlin. Eine Sprecherin des Women’s March versicherte derweil: „Wir nehmen die Gefahr durch Hass-Rhetorik wahr. Wir betonen, dass wir die Äußerungen von Louis Farrakhan über Frauen, Juden und die LGBTQ-Gemeinde weder unterstützen noch teilen.“

FES-Mann Dethlefsen hofft trotz des Schlingerkurses der Stiftung auf einen produktiven Dialog: „Ich würde mir wünschen, dass sich die Autoren des Protestbriefes mit den Organisatorinnen des Women’s March treffen und mit deren Realität auseinandersetzen.“

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