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Rote Khmer in Kambodscha: Urteil gegen Völkermörder „Bruder Nummer vier“ verkündet

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Von: Martin Benninghoff

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Khieu Samphan am Donnerstag (22.09.2022) vor dem Sondertribunal in Phnom Penh.
Khieu Samphan am Donnerstag (22.09.2022) vor dem Sondertribunal in Phnom Penh. © Nhet Sok Heng/AFP

Der letzte ranghohe Funktionär der Roten Khmer Kambodschas scheitert vor Gericht: Die Verurteilung zu lebenslanger Haft sei gerechtfertigt.

Khieu Samphan sitzt im Rollstuhl, die Kopfhörer auf dem kahlen, greisen Kopf, er trägt eine Maske, leerer Blick in die Kameraobjektive. Der 91 Jahre alte Mann ist der übriggebliebene Funktionär aus der Riege ranghoher Politikerinnen und Politiker der Roten Khmer, die Kambodscha in den Siebziger Jahren ins Unglück stürzten, weil sie ihre Heimat in einen kollektivistischen Bauernstaat ohne Geldverkehr und Privatsphäre verwandeln wollten. Mit der Ablehnung seiner Berufung vor dem Sondertribunal endet eine wichtige Etappe der Aufarbeitung. In drei Jahren könnte das Tribunal aufgelöst werden.

Das kambodschanische Sondergericht zum Massenmord der Roten Khmer hat die lebenslange Haft des alten Mannes wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit am Donnerstag bestätigt. Unter den maoistischen Roten Khmer agierte er als formales Staatsoberhaupt und innerhalb der kommunistischen Hierarchie als „Bruder Nummer vier“.

Kambodscha: Grausames Regime von „Steinzeitkommunisten“

Zwischen 1975 und 1979 töteten die „Steinzeitkommunisten“, wie es hierzulande häufig heißt, knapp zwei Millionen Menschen, direkt durch Hinrichtungen, indirekt durch Sklavenarbeit und Schuften bis zum Tod in kollektivistischen Arbeitsbrigaden vornehmlich auf dem Land. Fast ein Viertel der damaligen Bevölkerung starb. Nach mehr als vier Jahren endete die Schreckensherrschaft mit dem Einmarsch vietnamesischer Truppen, nachdem die Roten Khmer sich in Grenzscharmützel mit dem vergleichsweise mächtigen Nachbarstaat verstrickten. Die verbliebenen Guerillagruppen flüchteten in den Dschungel an der Grenze zwischen Kambodscha und Thailand.

Das Sondergericht, das sowohl kambodschanisches als auch internationales Recht anwendet, wurde 2006 mit Unterstützung der Vereinten Nationen aus der Taufe gehoben. Sonderlich beliebt war es vor allem anfänglich innerhalb der politischen Elite des Landes nicht, zumal Langzeit-Premierminister Hun Sen als junger Mann selbst Teil der Roten Khmer war.

„Bruder Nummer 4“ schon 2018 wegen Völkermords verurteilt

Die Verfahren kosteten bis heute rund 330 Millionen Dollar – das wurde in der Öffentlichkeit des armen Landes häufig kritisch beurteilt. Kambodscha liegt auf dem Entwicklungsindex der UN derzeit zwischen Äquatorialguinea und Simbabwe auf Platz 146.

2018 war Khieu Samphan wegen des Völkermordes an ethnischen Vietnamesinnen und Vietnamesen verurteilt worden. Seine Schuld hatte er stets bestritten, im vergangenen Jahr legte er Berufung ein. Der Richter ließ am Donnerstag aber keinen Zweifel zu, dass „Bruder Nummer vier“ direkte Kenntnis von den Verbrechen gehabt habe. Bei der Berufungsverhandlung nahmen rund 500 Angehörige von Opfern und Überlebenden des Terrorregimes teil. Der Gerichtssprecher sagte, dies sein ein „historischer Tag“.

Pol Pot starb vor Prozess

Historisch auch deshalb, da viele andere Verantwortliche der Roten Khmer nie zur Rechenschaft gezogen wurden – einige wenige aber doch: Der Anführer, „Bruder Nummer 1“, der als Pol Pot bekannt gewordene Saloth Sar, starb bereits 1998, ohne dass ihm ein Prozess gemacht wurde, der den Namen verdient.

Stattdessen veranstalteten seine Widersacher innerhalb der Roten Khmer einen Schauprozess im Dschungel, den der US-Journalist Nate Thayer damals für die Nachwelt dokumentierte. Pol Pot, der Mann mit der „sanften Stimme“, einer der schlimmsten Diktatoren aller Zeiten, starb in seinem Dschungel-Exil, an einer Herzkrankheit oder durch Suizid.

Phnom Penh: Foltergefängnis als Museum

Der selbsterklärte Chefideologe, „Bruder Nummer 2“ Nuon Chea, konnte jahrelang nahezu unbehelligt in seinem Wohnort Pailin leben, bis er dann 2007 doch noch verhaftet und später verurteilt wurde. Er starb 2019 in Haft, ebenso wie ein Jahr später Kaing Guek Eav, genannt „Duch“, der frühere Leiter des berüchtigten Foltergefängnisses Tuol Sleng in Phnom Penh.

Der karge Bau inmitten der Hauptstadt dokumentiert heute als Museum die Verbrechen der Roten Khmer. „Duch“ wurde 2010 verurteilt. Der frühere Außenminister des international weitgehend isolierten Regimes, „Bruder Nummer 3“ Ieng Sary, konnte nicht mehr verurteilt werden, weil er 2013 in einem Krankenhaus in Phnom Penh gestorben ist. (Martin Benninghoff mit AFP)

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