Literatur

Die "Urkatastrophe" wird neu beleuchtet

Hamburg. Mit Hurra in den Krieg ziehen wollte vor 90 Jahren der Münchner Student Andreas Willmer: "Auch für mich gibt es nun kein Halten mehr", schreibt er

Von THOMAS BORCHERT (DPA)

Hamburg. Mit Hurra in den Krieg ziehen wollte vor 90 Jahren der Münchner Student Andreas Willmer: "Auch für mich gibt es nun kein Halten mehr", schreibt er am Abend des 1. August 1914 seiner Mutter. Dass die große Mehrheit unter den Deutschen die Kriegsbegeisterung des Akademikers geteilt habe, wird im sehr lesenswerten Sammelband "Der 1. Weltkrieg - Die Ur-Katastrophe des 20. Jahrhunderts" als zäher Mythos dargestellt, bei dem Historiker bis heute den Propagandainteressen der damals Mächtigen aufgesessen seien. In Arbeiterfamilien habe nackte Existenzangst und auf dem Lande ebenfalls düstere Stimmung vorgeherrscht.

Willmer schrieb ein Vierteljahr nach Ausbruch von einem Schlachtfeld in Flandern: "Jetzt sitze ich hier, von Grauen geschüttelt." Einen Monat später heißt es im letzten Brief: "Die Hölle konnte nicht schlimmer sein." Der Student stirbt zu Beginn des vierjährigen Gemetzels mit acht Millionen Toten.

Zum 90. Jahrestag des Kriegsausbruchs am 1. August ist eine Fülle neuer Bücher erschienen, in denen Gesamtdarstellungen versucht, Ursachenforschung betrieben und Einzelaspekte beleuchtet werden. Als erweiterte Buchfassung einer Serie im "Spiegel" sticht dabei "Der 1. Weltkrieg - Die Ur-Katastrophe des 20. Jahrhunderts" mit einer sehr informativen, gut lesbaren und umfassenden Sammlung von Analysen, Berichten und Hintergründen heraus. Wer statt dieser journalistischen Aufarbeitung von Geschichtsschreibung die kompakte historische Darstellung bevorzugt, kann auf die neue "Kurze Geschichte des Ersten Weltkrieges" des Briten Michael Howard zurückgreifen.

Das von Verlagen, TV-Anstalten und anderen Medien übereinstimmend notierte große Interesse am 90. Jahrestag des Kriegsausbruchs hat eine Ursache sicher in der gehäuften Konfrontation mit aktuellen Kriegen etwa auf dem Balkan, in Afghanistan und im Irak. Einen eigenwilligen Beitrag zur Verknüpfung des 1. Weltkriegs mit aktuellen Konflikten liefert der Publizist Jürgen Busche mit seiner "Heldenprüfung", in der er Heldenhaftes an Taten sechs berühmter deutscher Kriegsteilnehmer 1914-1918 herauszuarbeiten versucht, unter ihnen Ernst Jünger, Erwin Rommel und Ernst Udet. Busche begründete sein Buch selbst damit, dass "die deutsche Geschichte mehr als ein halbes Jahrhundert nach dem Ende des letzten Krieges wieder den Einsatz deutscher Soldaten unter Kriegsbedingungen zu verzeichnen hat". Ein Rezensent der "Zeit" empfand Busches Sammlung eher als "Gruselkabinett" und plädierte für die Beibehaltung der "wohltuend nüchternen Skepsis" hierzulande gegenüber Helden.

Ganz und gar nichts Heldenhaftes schildert der bei der DVA neu aufgelegte Roman "Heeresbericht" von Edlef Köppen aus dem Jahr 1930. Der 1939 gestorbene Autor lässt den begeistert in den Krieg ziehenden Studenten Adolf Reisiger das Gemetzel als "befohlenen Mord" durchleben. Literarisch anspruchsvoll und sprachlich verblüffend modern schildert Köppen unter anderem das Grauen von Gasangriffen. Eine aufregende historische Neuerscheinung ist das Mammutwerk "Deutsche Kriegsgreuel 1914" der britischen Historiker John Horne und Alan Kramer über Kriegsverbrechen bei der Besetzung Belgiens. Die Autoren belegen detailliert systematische Massaker an der Zivilbevölkerung des neutralen Landes, schildern den Propagandakrieg der Kriegsgegner darüber und bejahen auch einen Zusammenhang zwischen dem deutschen Verhalten in Belgien und dem "Vernichtungskrieg" des Zweiten Weltkrieges an der Ostfront.

Zum Thema Propagandakrieg hat der Piper Verlag den reich bebilderten Band "Der Erste Weltkrieg - Wahrheit und Lüge in Bildern und Texten" von Brigitte Hamann herausgebracht. Der gewaltige Abrund zwischen Propagandalüge und Realität zeigt sich Seite um Seite bis zuletzt, als Kaiser Wilhelm noch nach der deutschen Niederlage mit 1,8 Millionen Toten auf einer Kitschpostkarte mit den Worten "Ich habe es nicht gewollt" abgebildet wird. Danach zog der abgedankte Kaiser sich ins niederländische Exil zurück, hackte wie besessen Holz und dachte 1927 öffentlich darüber nach, ob nicht Gas zur Beseitigung der "Judenpest" das Beste sei.

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