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Vor der Todesmauer von Auschwitz: die Generationen in der Trauer vereint. 

Wladimir Putin und Andrzej Duda

Unwürdiges Gezerre

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Die nationalistische Konkurrenz von Russen und Polen macht vor Auschwitz nicht halt.

Der Vernichtungswahn der Nationalsozialisten traf Juden aller europäischen Nationalitäten. Doch nach 75 Jahren ist es für die Geschichtspolitik einiger Staaten wieder von Belang, wer die meisten Opfer zu beklagen hat. Im Zentrum des Streits stehen Wladimir Putin und Andrzej Duda.

Mehr als eine Million Menschen wurden in Auschwitz und Birkenau ermordet, ungefähr 900 000 davon waren Juden. Insgesamt fielen dem deutschen Massenmorden während des Zweiten Weltkriegs sechs Millionen Juden aus allen Teilen Europas zum Opfer. Doch in diesen Tagen ist eine neue Kontroverse über die Herkunft der jüdischen Opfer des Massenmordes entbrannt.

Im Vorfeld des Auschwitz-Gedenktags wies der polnische Präsident Andrzej Duda darauf hin, von den im Holocaust ermordeten sechs Millionen Juden seien drei Millionen polnische Staatsbürger gewesen. Putin machte vergangene Woche in Israel eine andere Rechnung auf: 40 Prozent der ermordeten Juden seien aus der Sowjetunion gewesen. Er spricht auch von den 27 Millionen sowjetischen Opfern, die nie vergessen werden dürften – gefallene Rotarmisten, getötete und verhungerte Kriegsgefangene, dem deutschen Vernichtungswahn zum Opfer gefallene Zivilisten.

Duda hält sich zurück

„Heute wird das Thema politisiert – leider“, fügte Putin in seiner Rede in der israelischen Gedenkstätte Yad Vashem an. Er erwähnt die Auslöschung der jüdischen Bevölkerung in der Ukraine, in Litauen und Lettland – und er spricht von Kollaborateuren, die das möglich gemacht haben.

Duda durfte in Israel nicht sprechen und hatte daher die Teilnahme an der Gedenkveranstaltung in Yad Vashem abgesagt. Am Montag in Auschwitz sprach er als einziger Politiker, er hielt sich „wegen der Heiligkeit des Ortes“ mit politischen Bewertungen zurück.

Die neue nationale Opferkonkurrenz zwischen Polen und Russland verkennt, dass die Deutschen die Juden Europas eben nicht als Polen, Sowjetbürger, Franzosen oder Niederländer deportierten und töteten, sondern als Angehörige einer von ihnen zur Vernichtung vorgesehenen „Rasse“.

Putins Interpretationen

Der Streit um „polnische“ oder „sowjetische“ Tote erinnert an die Nationalisierung der Opfer während der Zeit des Realsozialismus. Die sowjetische Geschichtspolitik gedachte allgemein der Opfer des Großen Vaterländischen Kriegs und ließ den jüdischen Hintergrund vieler Opfer unter den Tisch fallen.

Die Historikerin Olga Baranowa schreibt: „Ein Drittel der ermordeten Juden waren Sowjetbürger.“ Nach Zahlen des Holocaust Memorial Museums in Washington wurden allein 1,3 Millionen Juden von Wehrmacht- und SS-Einheiten auf dem Territorium der Sowjetunion erschossen oder in Gaswagen getötet – mehr als in Auschwitz.

Putin und Duda erheben beide posthumen Anspruch auf die jüdische Bevölkerung in den östlichen Gebieten Vorkriegspolens, die 1939 nach dem Hitler-Stalin-Pakt von der Roten Armee besetzt wurden und heute zu Weißrussland und der Ukraine gehören. Das waren rund 1,3 Millionen Menschen. Mit ihnen kommt Polen auf drei Millionen und Putin auf 40 Prozent.

Der Streit um die Zahl der Opfer ist auch einer über den Kriegsbeginn. Putin bezeichnet den Hitler-Stalin-Pakt neuerdings als „ganz normalen Nichtangriffspakt“ und unterschlägt das „geheime Zusatzprotokoll“, das die Einflussgebiete beider Mächte markierte. Sein Griff nach den Toten dient dazu, den Sieg im Großen Vaterländischen Krieg noch ein bisschen größer erscheinen lassen.

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