Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

"Unvergesslichste Stunde meines Lebens"

Ralph Giordano über seine Befreiung 1945Als "unvergesslichste Stunde" seines Lebens hat der wegen seiner jüdischen Herkunft von den Nazis verfolgte Schriftsteller Ralph Giordano die Befreiung Hamburgs Anfang Mai 1945 durch britische Truppen bezeichnet.

Hamburg/Köln (dpa/lnw). Als "unvergesslichste Stunde" seines Lebens hat der wegen seiner jüdischen Herkunft von den Nazis verfolgte Schriftsteller Ralph Giordano die Befreiung Hamburgs Anfang Mai 1945 durch britische Truppen bezeichnet. "Plötzlich war die Angst vor einem jederzeit möglichen Gewalttod weg - das war ein unbeschreibliches Gefühl", sagte der heute in Köln lebende Giordano der dpa. Monatelang hatte sich der damals 22-Jährige mit zwei Brüdern und seinen Eltern in einer feuchten Kellerruine im Hamburger Stadtteil Alsterdorf vor Verfolgung und Deportation versteckt - immer in Furcht vor Entdeckung.

"Als wir am 4. Mai britische Panzer an unserem Versteck vorbeifahren hörten, sind wir nach vierwöchigem Hungern vollkommen geschwächt und auf allen Vieren auf die Soldaten zugekrochen. Nie werde ich das entsetzte Gesicht des Soldaten vergessen, der uns - in zerlumpten Kleidern und von Ratten zerbissen - als Erster erblickte", sagte Giordano. "In diesem Moment war die Angst weg, die Angst, die uns zerfressen hatte. Das Gefühl war unbeschreiblich, es war wie in einer neuen Welt, wie auf einem anderen Planeten. Zwölf Jahre Verfolgung und Isolation hatten ein Ende." "Diese zwölf Jahre haben mich geprägt", sagte der 82-Jährige, der seine Familiengeschichte in dem Roman "Die Bertinis" verarbeitet hat.

"Wir waren in einer paradoxen Situation. Auf der einen Seite habe ich alle Höllen des Luftkrieges miterlebt. Wir wurden 1943 ausgebombt - die Bomben machten keinen Unterschied zwischen Verfolgern und Verfolgten. Auf der anderen Seite war aber immer klar, dass die Royal Air Force und die US-Luftwaffe unsere Befreier waren." Aber auch die Zeit nach der Befreiung und der Umgang der Deutschen mit ihrer Vergangenheit sind für Giordano bis heute bestimmend.

"Schon im Herbst '45 hat sich gezeigt, dass Hitler zwar militärisch, nicht aber in den Köpfen besiegt war." Viele NS-Täter seien unbehelligt geblieben und hätten ihre Karrieren sogar noch fortsetzen können. "Nach dem größten Verbrechen der Geschichte mit Millionen Ermordeten hat es das größte Wiedereingliederungswerk für die Täter gegeben." Es habe eine kollektive Entstrafung gegeben, deren Folgen bis heute zu spüren seien.

"Der Virus ist weitergegangen. Die zeitgenössische Variante des Nationalsozialismus ist in den sächsischen Landtag eingezogen, sie hat sich in die parlamentarische Demokratie integriert", sagte Giordano mit Blick auf den Wahlerfolg der NPD in dem ostdeutschen Bundesland.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare