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Michèle Marchand droht einem Fotografen: Sie will die Bilder beherrschen, aber kein Motiv sein.

Frankreich

Aus dem Untergrund ins Blitzlichtgewitter

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Michèle Marchand, Königin der Boulevardpresse, poliert das Image des französischen Präsidentenpaares auf ? und das ziemlich rabiat.

Sie blickt hinter die Kulissen der Prominenz, öffnet die Alkoven der Paläste – aber wenn es um sie selber geht, hört der Spaß für Michèle Marchand auf. Auf einem ihrer seltenen Fotos zeigt „Mimi“, wie die Branche sie nennt, mit dem Drohfinger auf die Kameralinse, während ihr rabenschwarzer Blick besagt: „Dich werde ich auch noch kriegen.“

Dass es von der Klatschjournalistin nur wenige Bilder gibt, ist doppelt seltsam. Denn Mimi bewegt sich immer mehr in der Pariser Politik und ihren Blitzlichtgewittern. Bei Wahlmeetings von Nicolas Sarkozy saß sie in der ersten Reihe, und nun begleitet sie die Präsidentengattin Brigitte Macron bei öffentlichen Anlässen. Mimi Marchand zieht die Fäden lieber aus dem Hintergrund. 

Das bekamen auch drei bekannte Pariser Journalisten zu spüren, die diese Woche eine Biografie der, wie sie schreiben, „mächtigen und gefürchteten“ PR-Frau herausgegeben haben. Ihre Leibfotografen, die sonst im Intimleben der Stars wühlen, schweigen wie ein Grab, sobald sie zu „Mimi“ befragt werden. „Zu heiß. Ihr wisst nicht, worauf ihr euch da einlasst “, warnte ein Paparazzo die Rechercheure.

Bei einem der Biografen, der beim Wochenmagazin „Le Point“ arbeitet, wurde eingebrochen. Das Buch erschien trotzdem, versehen mit einem Foto von Madame Marchand hinter einem dossierbeladenen Bürotisch im Elysée-Palast – dem persönlichen Arbeitsplatz des Staatspräsidenten. Aufgewachsen ist „Mimi die Schreckliche“, wie sie im Buch genannt wird, als Tochter eines Pariser Coiffeurs und kommunistischen Widerstandskämpfers. Sie versuchte ihr Glück in Kalifornien und heiratete schlecht – zwei ihrer Gatten landeten im Gefängnis. Zurück in Paris, entdeckte sie eine Nische im Nachtleben und zog Bars für lesbische Frauen auf.

Ihre Berufung entdeckte sie 1996, als sie für das Pariser Klatschheft „Voici“ tätig wurde. Im Milieu verankert, lieferte sie exklusive Bilder, die sie mit Text garnierte. Nach einem möglicherweise erfundenen Interview mit einem Leibwächter der in Paris verunglückten Prinzessin Diana musste sie abtreten. Als sie eine eigene Bildagentur aufzog, kam sie wegen doppelt gestellter Rechnungen in Untersuchungshaft, aber bald wieder auf freien Fuß. 

Mit ihrem neuen Gatten, einem Agenten des französischen Nachrichtendienstes, entdeckte und entwickelte Marchand eine neue Sparte der Regenbogenpresse – die Politik. Mit einem Strandbild der Präsidentschaftskandidatin Ségolène Royal provozierte sie 2006 einen Dammbruch in dem Land, wo die Privatsphäre heilig ist oder es zumindest war. Später lieferte „Mimi“ die ersten Bilder zu Sarkozys Liaison mit dem Topmodel Carla Bruni. Dass sie auch hinter den peinlichen Fotos von François Hollande steckte, als er seine Geliebte Julie Gayet mit Motorradhelm besuchte, bestreitet sie. 

Und heute, in der Ära Macron? Laut der nicht autorisierten Biografie hat sich Mimis Agentur Bestimage im Mai 2017 die exklusiven Rechte über das „private Image“ des präsidialen Ehepaares gesichert. Die Herrscherin über einen ganzen Fotografenpulk ist jeden Donnerstag im Präsidentenpalast, um die Macrons imagemäßig zu beraten. 

Laut der Buchenthüllung arrangierte sich die 71-jährige Klatschtante mit dem Elysée-Leibwächter Alexandre Benalla, dessen Schläge gegen einen Demonstranten Macron diesen Sommer schwer zugesetzt hatten. Es war wohl ein typischer Mimi-Deal: Benalla hielt die unabhängigen Fotografen auf Distanz und überließ Mimis Mannen die exklusiven Bilder, auf denen notfalls auch das Alter der Première Dame Brigitte wegretuschiert war. Nur von dem geschassten Sicherheitsmann brachte die Agentur kein einziges Bild, als die Affäre aufflog.

Lügen für den Präsidenten

Dass eine Paparazzi-Agentin das präsidiale „Storytelling“ bebildert, passt schlecht zu Macrons Wahlkampfversprechen von 2017, sein Privatleben nicht in der Regenbogenpresse auszubreiten. Denn Mimi arbeitet vor allem für bunte Blätter wie „Voici“, „Gala“ oder „Paris-Match“. Sie beklagen sich nicht, wenn Macrons Pressefrau Sibeth Ndiaye deklariert, sie stehe „völlig dazu zu lügen, um den Präsidenten zu schützen“. 

Die großen Zeitungen wie „Le Figaro“, „Le Monde“ oder „Libération“, die solche Aussagen kritisiert hatten, werden von Mimi nicht bedient. Und von Macron gemieden. Dazu passt, dass der Präsident das seit de Gaulles Zeiten im Elysée-Hof angesiedelte Büro der Nachrichtenagentur Agence France Presse aus dem Palast verbannt hat. Im Narrativ der Elysée-Kommunikation stören Journalisten nur.

Die beiden Entwicklungen passen zueinander: Je weniger die traditionellen Politmedien direkt aus dem Elysée berichten, desto mehr Einfluss gewinnt Mimis Agentur. Voller Sarkasmus schreiben die drei Buchautoren Jean-Michel Décugis, Marc Leplongeon und Pauline Guéna, Bestimage sei heute Macrons „beste politische Presseagentur“. 

„Le Monde“ wundert sich einzig, dass die Mata Hari der People-Blätter so leicht in den innersten Zirkel von Emmanuel und Brigitte Macron vordringen konnte: „Das Präsidentenpaar hat der Königin der Paparazzis, die lange in den Hinterzimmern von Nachtklubs verkehrte und auch schon im Gefängnis war, mit bemerkenswertem Leichtsinn die Tür geöffnet.“

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