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Am 24. Juni 1941 in der litauischen Ortschaft Vilkija.

Sowjetunion

Untergang statt Weltblitzkrieg

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Vor 75 Jahren begann „Unternehmen Barbarossa“, der Angriff auf die Sowjetunion.

Sie haben sich getroffen, um sich auf eine Geschichtsprüfung vorzubereiten. Sie wollen einander nicht befragen wie in einem Quiz, sondern ein Prüfungsgespräch simulieren, bei dem sie wechselnd die Rolle des Professors einnehmen. Wie es sich gerade ergibt, haben sie einander versprochen.

Claudia: Wann ging es los?

Kerstin: Am 22. Juni 1941, sehr früh. Ein strahlender Sonntagmorgen.

Claudia: Um wie viel Uhr?

Kerstin: Keine Ahnung.

Claudia: Beim Überfall auf Polen hatte Hitler am 1. September 1939 erklärt: „Seit 5.45 Uhr wird jetzt zurückgeschossen!“ Am 22. Juni 1941 verlas Propagandaminister Joseph Goebbels über alle deutschen Sender eine „Proklamation des Führers an das deutsche Volk“. Darin hieß es: „Zur Abwehr der drohenden Gefahr aus dem Osten ist die deutsche Wehrmacht am 22. Juni 3 Uhr früh mitten in den gewaltigen Aufmarsch der feindlichen Kräfte hineingestoßen.“

Kerstin: Wieder wird ein Angriffskrieg als Verteidigungsmaßnahme dargestellt. Immerhin waren drei Millionen deutsche Soldaten an die russische Grenze postiert wurden. Dazu noch 600 000 Soldaten aus Italien, Ungarn, Finnland, Rumänien und der Slowakei sowie 600 000 Kraftwagen, 625 000 Pferde, 3350 Panzer, 7300 Geschütze und rund 2000 Flugzeuge.

Claudia: Die Deutschen sollen allein am ersten Kriegstag 1200 am Boden stehende Flugzeuge zerstört haben. Dazu kam die Bombardierung von Städten in der Sowjetunion.

Kerstin: Bis zu 400 Kilometern sollen die Truppen der Wehrmacht in den ersten Tagen auf einer 2130 Kilometer breiten Front zwischen Ostsee und Schwarzem Meer vorgerückt sein.

Claudia: Das wäre die Entfernung zwischen Köln und Paris. Die Idee vom Weltblitzkrieg schien Wahrheit zu werden. Warum „Unternehmen Barbarossa“?

Kerstin: Verschiedene Abteilungen der Wehrmacht hatten seit Ende Juni/Anfang Juli 1940 an unterschiedlichen, ja konkurrierenden Angriffsplänen auf die Sowjetunion gearbeitet. Die hatten unterschiedliche Decknamen. Anfang Dezember verband General Friedrich Paulus, der spätere Befehlshaber der vor und an Stalingrad scheiternden sechsten Armee, die verschiedenen Konzepte zu einem neuen, das den Namen Otto erhielt. Otto nach dem deutschen Kaiser, der den Osten erobert hatte. Otto war allerdings schon der Tarnname für die Eroberung Österreichs gewesen. So switchte man um auf „Barbarossa“. Warum, weiß niemand. Es geschah jedenfalls im Dezember 1940. Was ist mit dem Hitler-Stalin-Pakt?

Claudia: Der Einmarsch in die Sowjetunion zerbrach das am 23. August 1939 geschlossene Abkommen. Es war ja ganz offiziell ein „Nichtangriffspakt“ gewesen. Inoffiziell war es die Vereinbarung einer Aufteilung Polens. Am 1. September marschierte die Wehrmacht dort ein, am 17. September die Rote Armee. Am 22. September feierten Hitlers und Stalins Truppen die Zerschlagung Polens mit einer gemeinsamen Parade in Brest-Litowsk.

Kerstin: Die Sowjetunion führte damals gleichzeitig Krieg gegen Japan.

Claudia: Unser Blick auf die Anfänge des Zweiten Weltkrieges konzentriert sich viel zu sehr auf Europa. Wir begreifen darum zum Beispiel nicht, dass für Großbritannien angesichts der Konflikte in Asien ein Appeasement mit dem Nazireich eine vernünftige Lösung scheinen konnte. Welche Konflikte in Asien?

Kerstin: Großbritanniens Kolonialreich hatte ja erst nach 1918 seine größte Ausdehnung erreicht. Durch die Übernahme deutscher Kolonien und osmanischer Gebiete. Außerdem hatten die zum Commonwealth gehörenden Staaten Australien, Neuseeland und Südafrika ehemalige deutsche Gebiete im Pazifik und in Afrika zugesprochen bekommen. Die Zwischenkriegszeit war keine Friedenszeit. England war mächtig engagiert bei der Niederschlagung von Aufständen in Ägypten, Persien und Irak, in Südjemen, Afghanistan und Britisch-Somaliland. Frankreich tat das Gleiche in Marokko und Syrien.

Claudia: Die Namen der Kriegsschauplätze sind uns wieder sehr vertraut. Man dachte wohl damals, das Deutsche Reich hole sich die Territorien zurück, die es durch Versailles verloren habe. Auf Kolonien hatte es Hitler nicht abgesehen.

Kerstin: Wohl aber auf die Expansion nach Osten. Das wiederum gefiel den Westmächten, denn das bedeutete Krieg gegen die Sowjetunion.

Claudia: Der Hitler-Stalin-Pakt war darum ein solcher Schock. Er stärkte beide. Russland konnte seinen Fernen Osten gegen das expandierende Japan verteidigen, und Deutschland bekam einen freien Rücken für den Krieg gegen Westen. Desto verrückter erscheint der Angriff auf die Sowjetunion vom 22. Juni 1941.

Kerstin: Bis auf Großbritannien beherrschte das deutsche Reich Westeuropa. Die Sowjetunion war im Osten engagiert. Der Zeitpunkt war günstig.

Claudia: Es kam noch etwas anderes hinzu. Der Krieg gegen die Sowjetunion war Hitlers Traum gewesen, die Zerschlagung des Bolschewismus darin nur ein Element. Die osteuropäischen Juden konnten im Schatten des Krieges ermordet werden und die slawischen „Untermenschen“ ebenso. Ein Teil von ihnen konnte zu Sklaven der germanischen Herrenrasse gemacht werden. Davon hatte Hitler schon 1925 in „Mein Kampf“ geträumt. Die Kriege im Westen waren politische Kriege gewesen. Das Unternehmen Barbarossa war der Beginn eines rassistischen Vernichtungs-, eines Ausrottungskrieges.

Kerstin: Getragen von dem Gefühl grenzenloser Überlegenheit. Die Sowjetarmee war in einem desolaten Zustand, und die Russen waren Untermenschen. In vier bis sechs Wochen gibt es keine Sowjetunion mehr. So rechnete nicht allein Hitler. So rechneten die meisten im Generalstab.

Claudia: Am 12. Juli schon kam es zu einem anglo-sowjetischen Agreement. Allerdings bedeutete das zunächst nicht viel. Die Sowjetunion stand mindestens ebenso allein da, wie Churchill das von sich und Großbritannien gesagt hatte.

Kerstin: Die Wehrmacht scheiterte an Russland. Spätestens Stalingrad brach ihr Januar, Februar 1943 das Genick. Die lief zwar noch bis 1945 kopflos um sich schlagend, ein immer kleiner werdendes Terrain verteidigend herum, aber die Wahrheit dieses Krieges ist: Die Untermenschen besiegten die Herrenrasse.

Claudia: Solche Metaphern lässt du lieber in der Prüfung.

Kerstin: Okay. Also: 6,2 Millionen gefallene Sowjetsoldaten, 15 Millionen Verwundete, 4,4 Millionen Gefallene oder Vermisste, dazu 17 Millionen zivile Opfer. Der Vernichtungskrieg der deutschen Wehrmacht hatte funktioniert.

Claudia: Aber auch dank Stalins Unterstützung. Bis 1941 waren im Gulag-System schon über 2 Millionen Häftlinge zugrundegegangen. Zu Beginn der 30er Jahre hatte die Zwangskollektivierung der Landwirtschaft 5 bis 7 Millionen Opfer gefordert, weitere 1,8 Millionen waren deportiert worden. Im Großen Terror der Jahre 1937/38 wurden 1,5 Millionen Menschen verhaftet und mindestens 680 000 hingerichtet. Zwischen 1939 und 1941 wurden mindestens 480 000 Menschen aus den „sowjetisierten“ Westgebieten deportiert oder ermordet. Stalin führte einen systematischen Krieg gegen die Gesellschaft.

Kerstin: Den Hitler-Stalin-Pakt nutzte Stalin, um die Rote Armee zu enthaupten: Von den fünf Marschällen der Sowjetunion „verschwanden“ drei, von den 30 Armeebefehlshabern und -kommissaren 29, von den 195 Divisionskommandeuren 110. Von den 899 höchsten Offizieren wurden 583 umgebracht.

Claudia: Das ging während des Krieges weiter: 1941 und 1942 wurden eine Million Soldaten der Roten Armee wegen Feigheit oder ideologischer Verfehlungen vor ein Feldgericht gestellt, bei 157 000 lautete das Urteil auf Tod durch Erschießen. Als der Diktator Ende 1942 die Politkommissare entmachtete, wurden 100 000 von ihnen umgehend an der Front verheizt. Hinzu kam die von Stalin dekretierte Taktik des Frontalkrieges. Hätte Stalin seinen Generälen erlaubt, nach dem Vorbild der Wehrmacht weiträumige Umfassungsoperationen durchzuführen, hätte der Krieg, so sagen einige Militärs, bereits 1943 beendet werden können.

Kerstin: Dieser Krieg hat aus der Sowjetunion eine Weltmacht gemacht. Eine freilich, die nie eine war. Sie war es nur als politischer Gegenspieler. Wirtschaftlich war sie nie ernst zu nehmen, atomar stets unterlegen. Was aber die Landstreitkräfte anging, die größte Militärmacht der Welt. Wissenschaftlich und intellektuell stellte sie sich selbst ins Abseits.

Claudia: Die deutsche Niederlage im Osten war für die Re-education der Deutschen vielleicht wichtiger als alle Umerziehungsprogramme der Westalliierten. Hervorragend ausgebildete Soldaten, glänzende Techniker, ausgestattet mit einem rassistisch fundierten Überlegenheitsgefühl, einem Mir-kann-keiner-Wahn, gehen millionenweise erbärmlich zugrunde. An dieses Ende schloss sich das der völligen Zerstörung zahlreicher Städte an. Deutschland war nicht nur – wie nach dem Ersten Weltkrieg – besiegt. Deutschland lag in Trümmern, war ruiniert. Wichtiger noch: Die Deutschen waren es. Nichts war übriggeblieben von ihrer Überlegenheit. Sie waren erschöpft. Sie wollten nicht mehr kämpfen. Es gab so gut wie keine Werwölfe. Die Herrenrasse lag am Boden. Sie war nicht von Großbritannien geschlagen worden, sondern von den Sowjets. Sie lebte von dem, was ihr zugeteilt wurde. Sie hatte keine Lust mehr auf Zerstörung. Sie träumte endlich mal vom Aufbau. In Ost und West.

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