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Unter weiblichem Kommando

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Von: Daniela Vates

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Mit Ursula von der Leyen steht erstmals eine Frau an der Spitze des Verteidigungsministeriums. Dass sie bei der Wahl des Bundespräsidenten nicht zum Zuge kam, hat sie getroffen. Sie blieb ehrgeizig und will weiter nach oben.

Selbst wenn man alles andere für selbstverständlich hält – eine Besonderheit gibt es: Noch nie hat ein Verteidigungsminister in Deutschland zu seiner Vereidigung ein hellrosa Jackett angehabt. In Pastellfarben nimmt Ursula von der Leyen diese Woche Aufstellung vor dem Bundestagspräsidenten für ihren Amtseid. „Herzlichen Glückwunsch“, sagt der wie bei allen anderen Ministern. Von der Leyen ist eine von zweien, bei denen er noch etwas hinzusetzt: „Besonders gute Wünsche für ein besonderes Amt.“

Es ist ein historischer Moment und das liegt nicht nur an der Jackettfarbe. Ursula von der Leyen ist die erste Verteidigungsministerin der Bundesrepublik. Vor acht Jahren ist die erste Frau zur Bundeskanzlerin gewählt worden. Es hat eine Debatte gegeben in der Union, als das Amt des Bundespräsidenten neu zu besetzen war. Es hieß, mehr als eine Frau an der Staatsspitze sei nicht zu vermitteln und man habe ja eben schon eine Kanzlerin. Dass von der Leyen damals nicht zum Zuge kam, hat sie schwer getroffen.

Nun ist zwar nicht die Staatsspitze weiblich, aber Deutschland steht doch komplett unter weiblichem Kommando: Im Kriegsfall, den das Grundgesetz Verteidigungsfall nennt, unter dem der Kanzlerin. Sonst unter dem von Ursula von der Leyen.

Das Lächeln kommt in die Bundeswehr

Das passt eigentlich ganz gut. Es kommt da zwar eine zierliche Person in diese Welt der Panzer, Kampfstiefel und schusssicheren Westen. Ein Pastellfarbklecks in der Flecktarnumgebung. Blonde Fönfrisur und afghanische Wüste. Strahlendes Lächeln und harte Jungs. Es wirkt wie ein Widerspruch, es lassen sich viele Klischees bedienen. Es wird wohl viele Fotos geben.

Nach dem bellenden Volker Rühe, dem schrägen Rudolf Scharping, dem Kumpel Peter Struck, dem unsichtbaren Franz Josef Jung, dem Rockstar Karl-Theodor zu Guttenberg und dem Generalssohn Thomas de Maizière kommt nun das Lächeln in die Bundeswehr. Es wird ein bisschen kuscheliger und wärmer, herzlicher. Es sieht ja auf den Fotos keiner, dass das Lächeln von der Leyens oft mit kurzen harten Worten verbunden ist. Kommandoton, sagen manche im Arbeitsministerium und in der CDU. Sie ist eine disziplinierte Wenigesserin. Der Latte Macchiato am Morgen gilt als große Schlemmerei. Von der Leyens Hobby ist Dressurreiten, auch das passt ganz gut.

Es wird viele Fotos geben. Das können viele brauchen. Die Bundeswehr, von der Leyen und Angela Merkel. Die erste hat Imageprobleme, die zweite ist ehrgeizig und der dritten wirft man vor, sie habe keine Ideen.

Zunächst die Bundeswehr mit ihren Nachwuchssorgen. Die Wehrpflicht ist abgeschafft, das mit der Berufsarmee klappt nicht so richtig. Die Bewerber stehen nicht gerade Schlange. Die Auslandseinsätze werden als Abenteuermöglichkeit verkauft, aber es ist ein harter und gefährlicher Job. Und einer, unter dem die Familie leidet. Guttenberg hätte da vielleicht etwas machen können, durch ihn schien die Bundeswehr plötzlich eine coole Truppe. Von der Leyen wird sich keine Lederjacke anziehen und keine Kampfflieger-Sonnenbrille. Aber eine Werbefigur wird sie sein.

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Merkel kann nicht an ihr vorbei

Für sich selber ist sie das schon. Innerhalb von nicht einmal 15 Jahren ist sie vom Neuzugang im niedersächsischen Landtag aufgestiegen zu einer der wichtigsten Bundesministerinnen. Zu einer der Frauen, an denen die CDU nicht mehr vorbeikann. Sie hat auf Kampf gesetzt und auf Kopie. Sie hat einen CDU-Mann nach dem anderen herausgefordert. Meistens hat sie gewonnen. Gegen den langjährigen CDU-Landtagsabgeordneten im Wohnort ihres Vaters, in dem sie erstmals kandidierte. Damals half der Promibonus, von der Leyen ist die Tochter des früheren Ministerpräsidenten von Niedersachsen, Ernst Albrecht. Eine unbekannte neue Landtagsabgeordnete hätte Christian Wulff als Ministerpräsident wohl kaum so schnell zur Sozialministerin gemacht.

Als Bundesfamilienministerin legte sich von der Leyen mit dem Vorsitzenden der Unionsfraktion an und setzte den Ausbau der Kinderbetreuungs-Einrichtungen durch. Es war eine Idee der SPD, von der Leyen setzte sie durch. Sie kämpfte gegen ihre Nachfolgerin als Familienministerin, Kristina Schröder. Sie setzte gegen den Willen von Kanzleramtsminister Ronald Pofalla die Altersarmut auf die Agenda. Pofalla ist nun nicht mehr Minister, von der Leyens Rentenkonzept kommt mit etwas Verspätung. Mit manchen legte sie sich nicht an: Mit Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble etwa, dessen Sparvorgaben sie relativ brav erfüllte.

Zwischendurch verlor sie: Sie wurde nicht Bundespräsidentin, obwohl sie es sich sehr erhofft war. Damals hat sie sich wohl gedanklich auch von Angela Merkel getrennt. Im vergangenen Frühjahr forderte sie auch die heraus. Es war eine Kraftprobe, gegen Merkel, gegen die Männer, gegen die „alte CDU“, die von der Leyen durch Schweigen gewann. Nachdem sie tagelang offen ließ, wie sie im Bundestag über die Frauenquote abstimmen würde, bot Merkel einen Kompromiss an. Der Wirtschaftsflügel jaulte auf, aber das schien der Kanzlerin weniger gefährlich als von der Leyen aus dem Kabinett schmeißen zu müssen. Von der Leyen war da längst zum Aushängeschild der CDU geworden. Sie war ja alles gleichzeitig: Musterbild der höheren Tochter, CDU-Mitglied qua Familie, mit ihren sieben Kindern Prototyp des konservativen Frauenbilds. Und dann als erfolgreiche, durchsetzungsfähige Ministerin auch noch Vertreterin des modernen Frauenbilds. Eine für alle also. Es war klar, dass Merkel nach der Wahl nicht an ihr vorbeikonnte.

Von der Leyen wird oft im Bild sein

Sie ist jetzt Mitte 50, sie will weiter nach oben. Sie wäre gerne Außenministerin geworden, auch da wäre sie die erste Frau im Amt gewesen. Sie hat ein Faible für internationale Themen, das hat sie schon in der letzten Wahlperiode wissen lassen, indem sie plötzlich nicht mehr nur von Arbeitslosenzahlen sprach, sondern von den „Vereinigten Staaten von Europa“. Von der Leyen begründet dieses Faible mit ihrer Biographie: Sie ist in Brüssel aufgewachsen und hat mit ihrer eigenen Familie später mehrere Jahre in den USA gelebt. Wenn sie mit Peter Altmaier zusammentrifft, der lange Europaparlamentarier war, sprechen die beiden auch mal französisch, zu Trainingszwecken.

Das Außenminsiterium hat die CDU nicht bekommen. Das Verteidigungsministerium ist am nächsten dran. Amtsinhaber de Maizière wurde kurzerhand ins Innenministerium zurückversetzt. Er ist nicht für Wutanfälle bekannt oder für Aufmüpfigkeit. Böse Mädchen kommen also auch weiter als nette Jungs.

Da gibt es also endgültig eine zweite starke Frau in der CDU. Sogar eine, die Angela Merkel den zum Markenzeichen gewordenen Spitznamen „Mutti“ abspenstig macht, als „Mutter der Kompanie“. Auf der Regierungsbank im Parlament sitzt von der Leyen zwar jetzt nicht mehr in der ersten, sondern in der zweiten Reihe, aber schräg hinter Merkel. Sie wird oft im Bild sein, als die Frau hinter der Kanzlerin.

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Von der Leyen entlässt umgehend einen Staatssekretär

Merkel sieht das wohl pragmatisch. Sie hat hat die CDU bis kurz vor die absolute Mehrheit geführt, da kann sie Konkurrenz ertragen. Außerdem ist das Verteidigungsminsiterium das Ressort mit der höchsten Affärendichte. Und das Ganze ist ein PR-Coup, der die Kanzlerin und die CDU gut aussehen lässt: Die CDU hat nicht nur die erste Frau ins Kanleramt gebracht, sondern auch ins Verteidigungsministerium. Da kann die SPD, die noch nicht mal eine Parteivorsitzende hat oder hatte, lange über Frauenförderung reden.

Im Verteidigungsministerium hat sich von der Leyen gleich am ersten Tag eingerichtet, und kaum etwas daran war zart und mädchenhaft. Sie hat umgehend einen Staatssekretär entlassen, um ihren Vertrauten Gerd Hoofe zu installieren. Der war bereits vor zehn Jahren ihr Staatssekretär als sie noch Gesundheitsministerin in Niedersachsen war. Er hat von der Leyen dann mit ins Bundesfamilienministerium begleitet, er wechselte mit ins Arbeitsministerium. Nun wird er, im Schnellverfahren wie seine Chefin, Experte für Verteidigungspolitik. Gehen muss einer, der das bereits ist: Rüdiger Wolf, seit Jahrzehnten im Ministerium, immer befasst mit Haushaltsfragen, entsprechend gut vernetzt, eine Art graue Eminenz.

Von der Leyen entschied sich, nicht ihn zu behalten, sondern den anderen beamteten Staatssekretär, Stéphane Beemelmans. Der ist ein Vertrauter ihres Vorgängers Thomas de Maizière, oder war das zumindest. De Maizière hat ihm die Schuld am Drohnen-Debakel gegeben, in dem er selber schlecht aussah. Er hat Beemelmanns dann zurückgelassen bei von der Leyen. Man kann es für von der Leyens soziale Ader halten, dass sie ihn weiterarbeiten lässt. Man kann es auch umgekehrt sehen: Von der Leyen trennt sich von dem, der am ehesten eine Nebenregierung aufbauen kann in ihrem Haus.

Neun Prozent der Soldaten sind Frauen

So hat sie es auch bisher gehalten. Sie hat sich auf ihren engen Mitarbeiterstab gestützt, ihren Pressesprecher, ihren Staatssekretär und noch ein paar andere. Selten hat sie größere Allianzen gesucht, zumindest nicht innerhalb ihrer Partei. Es hat es nicht einfacher gemacht für sie. Jetzt muss sie sich erst einmal an neue Abkürzungen gewöhnen, von denen wimmelt es in der Bundeswehr-Welt. Von der Leyen bleibt offensiv gelassen. „Ich bin absolut neu in dem Gebiet“, sagt sie. Aber sie bekomme jetzt das vierte Ministerium innerhalb von zehn Jahren. Da entwickle man eine gewisse Routine. Schnell einarbeiten, die großen Trends erkennen, das sei wichtig.

Mit einer Abkürzung hat von der Leyen schon angefangen: „Der Ibuk“ hörte man sie am Montag am Rande der Zeremonie zur Koalitionsvertrags-Unterzeichnung sagen: Vorsichtig, wie ein Fremdwort noch. Das ist sie nun selber: „Inhaberin der Befehls- und Kommandogewalt“. Die Abkürzung wird sich nicht ändern, aber vielleicht der Artikel davor. „Die Ibuk“ heißt es nun statt „der Ibuk“.

Vor wenigen Wochen erst hat Thomas de Maizière in einem Interview gesagt, er wolle dafür sorgen, dass mehr Frauen in die Bundeswehr kommen. 10 000 zusätzliche Soldatinnen waren sein Ziel. Seit Jahren wirbt die Bundesregierung mit so genannten „Girls Days“ dafür, dass Mädchen sich auch für die Ausbildung in Männerberufen interessieren, für Handwerkerjobs und Maschinenbau-Studium.

Seit zwölf Jahren sind Frauen in der Bundeswehr als normale Soldaten zugelassen, für den „Dienst an der Waffe“, wie das heißt. Vorher durften sie nur in den Sanitätsdienst und zur Militärmusik. Inzwischen sind neun Prozent der Soldaten Frauen. Unter den rund 200 Generälen ist die Frauenquote geradezu lächerlich: Es gibt eine Generalin. Von einem „sicherheitspolitischen Männergesangsverein“ hat der Generalinspekteur der Bundeswehr, Volker Wieker, gesprochen. Nun gibt es eben noch eine Verteidigungsministerin. De Maizière hat wohl nicht damit gerechnet, dass sein Plädoyer auch seinen Posten betreffen könnte.

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