Trauerrose im Fenster eines Geschäftes in der Rue de Charonne, nach dem Attentat am 13. November.
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Trauerrose im Fenster eines Geschäftes in der Rue de Charonne, nach dem Attentat am 13. November.

Terrorismus

Unsichtbare Täter

  • Stefan Brändle
    vonStefan Brändle
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Frankreich hat seinen Sicherheitsapparat massiv ausgebaut. Nach den jüngsten Attentaten stellt sich aber die Frage, wie wirksam er ist.

Das gesamte Land war erschüttert: 130 Todesopfer, 410 Verletzte – das war die furchtbare Bilanz des „13 novembre“, als Terroristen an gleich drei Orten in Paris zuschlugen. Vor dem Stade de France jagten sich Selbstmordattentäter in die Luft, weil sie – zum Glück – nicht zum Freundschaftsspiel Frankreich–Deutschland zugelassen wurden; drei andere erschossen auf Bistroterrassen des Bastille-Viertels 39 Gäste. Dann folgte, als apokalyptische Vision des modernen Terrorismus gegen hilflose Zivilisten, das Blutbad im „Bataclan“.

Die „Eagles of Death Metal“ spielten gerade vor 1500 Fans, als ein vermummtes Trio in den Konzertsaal eindrang und mit Kalaschnikows in die Menge schoss, um alsbald gezielt Einzelpersonen zu exekutieren. 17 Minuten dauerte der blanke Horror. Draußen waren ein paar Soldaten rasch zur Stelle, doch sie erhielten Weisung, nichts zu unternehmen.

Nur ein mutiger Polizeikommissar wagte sich mit seinem Chauffeur in den Saal. Sein Name ist noch heute unbekannt, obwohl er wahrscheinlich vielen Menschen das Leben rettete. Denn er erschoss einen Attentäter, der gerade auf einen vor ihm knieenden Konzertbesucher anlegte. Die zwei anderen Terroristen stellten darauf das Töten ein und verbarrikadierten sich mit Geiseln in einem Nebenraum. Nach Mitternacht wurden sie von Elitepolizisten neutralisiert, ohne dass ein weiteres Opfer zu beklagen war.

Präsident François Hollande rief in Frankreich den Ausnahmezustand aus. Aus Syrien übernahm die Medienagentur Amak (Amaq) der Terrormiliz IS die Verantwortung für den Anschlag gegen Paris, die angebliche „Stadt der Abscheu und Perversion“. Frankreich mobilisierte seine Kräfte, stellte Tausende von Polizisten ein. 70 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges zogen wieder Militärpatrouillen über die Boulevards; in den Schulen instruierten Plakate Fünf- und Sechsjährige, wo sie sich im Fall eines Terrorangriffs zu verstecken hätten.

Alles in allem reagierten die Menschen in Frankreich erstaunlich gelassen, obwohl sie den Angriff auf die Redaktion der Satirezeitschrift „Charlie Hebdo“ zehn Monate zuvor noch nicht verdaut hatten. „Wir sind in die Routine des Entsetzlichen eingetreten“, befand der Philosoph Pascal Bruckner, und er sollte recht behalten: Im Sommer 2016 folgte der Lastwagen-Anschlag auf die Strandpromenade von Nizza mit 86 Toten und mehr als 400 Verletzten.

Die Ermittlung zeigte rasch, dass die Operation aus der syrischen Islamistenhochburg Rakka ferngesteuert war. Der am 18. November 2015 im Pariser Vorort Saint-Denis erschossene Chefkoordinator Abdelhamid Abaaoud (28 Jahre) hatte seine Instruktionen am Tatabend via Handy aus Brüssel erteilt.

Erschreckend war für die Franzosen, dass die Terroristen aus Frankreich und Belgien stammten, wo sie ein teils ganz gewöhnliches Leben geführt hatten. Zum Beispiel Samy Amimour, der im Bataclan Musikfans eiskalt per Kopfschuss hingerichtet hatte: Der Franko-Algerier war im Pariser Vorort Drancy in einer verwestlichten Familie aufgewachsen, galt als schüchtern und sportlich und hatte einen guten Job als Busfahrer. Als er mit Salafisten in Kontakt kam, zog er eine Dschellaba an und reiste nach Syrien in den Dschihad.

„Diese Jungs aus der zweiten Einwanderergeneration sprechen besser Französisch als ihre Eltern, sie trinken Alkohol, rennen den Mädchen nach“, versuchte der Islamexperte Olivier Roy zu erklären. „Eines schönen Tages bekehren sie sich zum Salafismus und verdrehen ihren Nihilismus und Selbsthass in den Hass auf den Westen.“

Banlieue-Jugend, Syrien-Krieg, IS-Indoktrinierung – dieser gefährliche Cocktail wirkt häufiger als angenommen, wie Frankreich nach dem „13 novembre“ zur Kenntnis nehmen musste. Die S-Kartei (das „S“ steht für sûreté, Sicherheit) enthält 12 000 Namen radikalisierter Islamisten. Sie werden so eng wie möglich überwacht, offenbar auch erfolgreich: Laut Antiterror-Staatsanwalt Jean-François Ricard seien „mindestens ein halbes Dutzend“ Anschläge in den letzten Monaten verhindert worden.

Der sogenannte „Banlieue-Terrorismus“ wahrt sein überaus gefährliches Potenzial. Aber es ändert sich auch etwas, wie die vergangenen fünf Jahre und die drei jüngsten Attentate in Frankreich zeigen. Den Messerangriff von September gegen die ehemalige „Charlie Hebdo“-Redaktion verübte ein vor drei Jahren zugereister Mann aus Pakistan. Im Oktober ermordete ein 18-jähriger Tschetschene den Geschichtslehrer Samuel Paty; dann brachte ein am Vortag zugereister 21-jähriger Tunesier drei Kirchgänger in Nizza um. Alle drei Täter kamen von außen und handelten nach ersten Erkenntnissen allein. Der Mörder von Nizza kaufte drei Messer nur Stunden vor der Attacke; der Lehrermörder von Conflans bezahlte Schüler dafür, dass sie ihm die Person Paty zeigten. Und der Pakistani, der sich offenbar nur auf seinem Telefon informierte, glaubte irrtümlicherweise, dass die „Charlie“-Redaktion immer noch am Ort des Attentates von Januar 2015 liege.

„Das sind keine Profis wie die Bataclan-Killer“, sagt Olivier Roy heute. „Sie folgen keinem Kalifat, sie sind bloß wütend über eine ‚Gotteslästerung‘. Viele haben ein Suchtproblem; eine Anleitung von außen brauchen sie aber nicht mehr.“

Einige dieser Attentäter hatte Komplizen oder Beziehungen zu radikalen Islamisten. Bei der Lehrer-Enthauptung in Conflans genügte ein SMS-Austausch mit einem islamistischen Wanderprediger, der keiner Moschee angehört. „Während sich die Bataclan-Generation häufig über Brüder oder Haftkumpels formiert hatte, handeln die Lowcost-Terroristen heute meist allein“, meint Roy. In den Gefährderdateien sind sie selten. Das mache die Arbeit für die Ermittlungsbehörden schwieriger, meint der Islamexperte, der nicht verhehlt: Der Terror der Islamisten in Europa braucht keinen Anstoß mehr. Er rollt von selbst.

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