Kirgisische Kinder verlassen das unruhige Osch mit dem Bus Richtung Bischkek.
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Kirgisische Kinder verlassen das unruhige Osch mit dem Bus Richtung Bischkek.

Reportage aus Kirgistan

Die unsichtbare Grenze wird sichtbar

  • Christian Esch
    vonChristian Esch
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Barrikaden trennen in Osch die Viertel der Ethnien. Die Kirgisische Mehrheit gibt den geflohenen Usbeken die Schuld an dem Gewaltausbruch. Von Christian Esch

Osch. "100 Prozent kirgisisch", steht in großen schwarzen Buchstaben auf der Hauswand. "Kirgisisch, nicht anrühren" steht auf der nächsten. "Kirg. O.K." auf der dritten. Die Häuser in Osch haben zu reden begonnen. Und zu schreien. "Tod den Sarten!" steht auf manchen Wänden.

Sarten, das ist ein Schimpfwort für Usbeken. Hunderte von ihnen sind ermordet worden in der vergangenen Woche. Wie viele es genau sind, weiß auch die provisorische Regierung Kirgistans nicht. Die Häuser, die Cafes und die Läden der Usbeken sind angezündet worden. Verkohlte Fensterhöhlen blicken auf die vorbeirasenden Autos. Man fährt hier an vielen Orten schnell, es ist sicherer. In Osch regieren jetzt Angst und Misstrauen.

Was einmal eine Stadt war, ist zerfallen in lauter kleine Enklaven. Die usbekische Minderheit hat sich hinter Barrikaden verschanzt. Dahinter leben fast nur Männer, die Frauen und die Kinder sind zum großen Teil geflohen. So ist es auch in der Mahalla Madschirimtal - Mahalla heißen die traditionellen usbekischen Stadtviertel. Madschirimtal erstreckt sich mitten im Stadtzentrum längs des Flusses. Ein altes Jak-40-Verkehrsflugzeug schaut aus dem Stadtpark gegenüber herunter. Früher führten einmal Brücken über den Fluss. Nun sind sie versperrt mit Möbeln, schwere hölzerne Gestelle, auf denen man im Sommer sitzt und Tee trinkt. Jetzt dienen sie nicht der Geselligkeit, im Gegenteil.

Aber die Barrikaden haben nicht verhindert, dass Madschirimtal niedergebrannt wurde. Am Sonnabend vor einer Woche kam frühmorgens ein Schützenpanzer mit Uniformierten und einer kirgisischen Fahne und dahinter eine Menge Bewaffneter. Sie durchbrachen von der Seite des Busbahnhofs eine Barrikade aus Lastwagen und schossen auf jeden, der sich bewegte. Zwischen den vom Brand verformten Glasscherben kann man noch die Patronenhülsen sehen.

Im Hof von Ismail Kassimow töteten sie die vier Studenten, die seine Untermieter waren. Jetzt steht Kassimow verzweifelt und hasserfüllt zwischen verkohlten Ruinen und geschmolzenen Plastikblumentöpfen. "Morgen kommt die Mutter eines der Toten. Was soll ich ihr sagen?"

So gut wie jedes Haus ist zerstört, mitsamt der weinbehangenen Innenhöfe. Turschumbaj Achunschanow sagt: "Es geht einfach nicht in meinen Kopf." Er hat noch Glück gehabt, sein Haus ist nur halb abgebrannt; dem Sohn gelang es, den Brand zu löschen. Frau und Kinder waren schon nach Usbekistan aufgebrochen, 20 Minuten, bevor der Angriff begann. Zurückholen will er sie nicht. Achunschanow wartet, wie alle in der Trümmerlandschaft. Aber worauf eigentlich? Das wissen sie nicht, sagen sie.

Es warten auch die, die geflohen sind. An die hunderttausend sollen nach Usbekistan gekommen sein, bevor die Grenze geschlossen wurde. Noch einmal so viele, heißt es, sind diesseits der Grenze hängengeblieben.

Der Weg dorthin ist gespenstisch. "Weiter fahr ich nicht, die erschießen mich", sagt der kirgisische Taxifahrer, als wieder einmal eine Straßensperre auftaucht. Die unsichtbaren Grenzen, die immer schon die Stadt teilten, sie sie sind plötzlich sichtbar: Busse, Autos, Steine, gefällte Bäumen zeichnen sie nach. Der Verkehr sucht sich neue, ethnisch einheitliche Wege. Der usbekische Fahrer fährt über holprige Nebensträßchen.

Die Schule von Suratasch an der Grenze ist voller Flüchtlinge und jeder Flüchtling ist voller Zorn. "Stimmlokal" steht über dem Eingang der Schule: In zwei Wochen sollte ja abgestimmt werden über eine neue Verfassung, die Hauptstraßen von Osch sind voller Werbung dafür.

Die provisorische Regierung in Bischkek braucht die Abstimmung. Es wäre ihre erste Legitimation nach dem Sturz des autoritären Präsidenten Kurmanbek Bakijew im April. Sie vermutet, dass die Unruhen im Süden von Bakijews Anhängern geschürt wurden, um die Abstimmung zu verhindern. Auch eine Übergangspräsidentin soll gewählt werden. Einzige Kandidatin: die amtierende Übergangspräsidentin Rosa Otunbajewa.

Den Flüchtlingen ist nicht nach Wählen zumute. Schon gar nicht für diese Regierung, die ihnen nicht plausibel erklären kann, warum Schützenpanzer in usbekische Stadtviertel fuhren. Malikja Mudinowas größtes Leid ist, dass sie ihren Sohn nicht begraben konnte, eines von fünf Kindern. Er war 18 Jahre alt.

Zur Identifizierung hätte sie ins Leichenschauhaus gemusst, aber das war zu gefährlich. Malikja ist aus dem Neubauviertel Tscherjomuschki geflohen, wo die schlimmste Gewalt geschah. Sie hat drei Tage in einem Kuhstall übernachtet. Jetzt schläft sie hier, im Freien. Die Schule ist voll. Greuelgeschichten machen die Runde, "alles im Internet belegt", sagen die Leute.

Gleich hinter Suratasch verläuft die usbekische Grenze. Nur eine zwei Meter hohe Mauer trennt das arme, unruhige Kirgistan von der nicht ganz so armen, gespenstisch ruhigen Diktatur in Usbekistan. Mancherorts ist die Grenze auch nur ein Zaun, er war schnell zu überwinden für tausende Flüchtlinge. Nun ist die Grenze für sie dicht, dafür kommt Hilfe von dort, sagen die Flüchtlinge. Gleich oberhalb der Grenzmauer steht eine Moschee, davor eine alte Ambulanz mit der Aufschrift "Walter Hahn Bad Honnef". In der Moschee werden Flüchtlinge behandelt, die meisten sind verletzte Männer. Neben der Moschee Lehmmauern, "SOS" steht darauf. Der Hilferuf wurde zur Kennzeichnung usbekischer Häuser.

"Das hat der Bürgermeister von Osch geraten - aber wie sich herausstellte nur, damit man uns besser verfolgen kann." So behauptet es Rafschan Jakubschanow, der gleich an der Grenze untergekommen ist, im Haus seiner Schwester. Wie viele Usbeken glaubt er, Bürgermeister Melis Mirsaakmatow stecke hinter den Pogromen.

Rafschans Haus in der Stadt ist schon am Freitag abgebrannt, die Unruhen hatten erst am Vorabend begonnen. Er ist so voller Hass auf die Kirgisen, dass erst spät klar wird: Die Brandstifter waren seine usbekischen Nachbarn, "Gäste aus meinem Imbiss". Rafschan hat eine kirgisische Frau. Geblieben sind ihm Hemd und Hose, eine alte Teekanne, ein Klappstuhl aus dem Imbiss und ein ungetilgter Bankkredit. "Den Kirgisen gebe ich nicht mal mehr den kleinen Finger", sagt er, "die sind zu dumm zu kapieren, dass das gerächt wird. Von nun an werden wir uns bewaffnen."

In der Innenstadt, wo nur wenige Geschäfte geöffnet sind und fast keine Tankstelle, ist Rosa Otunbajewa gelandet. Sie kommt aus der fernen Hauptstadt, hinter den Schneebergen, das erste Mal seit Beginn der Unruhen. Ein Hubschrauber setzt vor der Gebietsverwaltung ab, zwischen der Leninstatue und der auf Halbmast hängenden kirgisischen Fahne. Drinnen warten Honoratioren.

Otunbajewa erscheint in schusssicherer Weste, als müsse sie noch beweisen, wie prekär die Lage ist. Sie spricht darüber, wie tatkräftig ihre Regierung mit der Situation umgehe, auch die Verhängung einer Sperrstunde abend von sechs Uhr an sei in Bischkek entschieden worden, nicht in Osch.

Dann haben eine Stunde lang die Einwohner das Wort. Und eine Stunde hagelt es Vorwürfe gegen sie und gegen die usbekische Minderheit. Otunbajewas Vize Omurbek Tekebajew hat gesagt, die Flüchtlinge sollen zurückkehren. "Warum? Hat ihnen ja hier offenbar nicht gefallen!", sagt eine Frau. "Die haben uns in ihren Cafes und Läden wie Sklaven arbeiten lassen, und haben selbst zweistöckige Häuser. Hat ihnen das nicht gereicht?", fragt eine andere. Die haben angefangen, sagen alle, und meinen die Usbeken.

Otunbajewa, die immer vom "multinationalen kirgischen Volk redet", hört zu, ohne ein Wort zu sagen. Auch ausländische Journalisten werden angegriffen. Im russischen Fernsehen ist vor allem von usbekischen Opfern die Rede, im kirgisischen nur sehr unbestimmt von einem ethnischen Konflikt. Das russische Fernsehen wird überall geschaut.

Im Flur wartet der Chefarzt des Gebietskrankenhauses auf sein Gespräch mit der Regierungschefin. 805 Betten hat das Spital, davon sind 300 belegt, 200 Menschen wurden ambulant behandelt. Es gäbe also noch reichlich Potenzial, sagt Schajirbek Sulejmanow. 85 Prozent der Patienten hätten Schusswunden.

Die Hälfte der Opfer in seinem Krankenhaus seien Kirgisen, die Hälfte Usbeken. "Aber wir Kirgisen sind so wie die Deutschen, wir klagen nicht. Wir bleiben auch mit einer Verletzung lieber zuhause. Die Usbeken kommen wegen jeder Schramme", sagt er. Die usbekischen Straßensperren behinderten die Rettungswagen, viele Verletzte hätten gar nicht erst ins Krankenhaus gefunden.

Vor der Gebietsverwaltung wird Otunbajewa von einer erregten Menge von 150 Menschen empfangen, manche halten Fotos von Angehörigen hoch. Das seien Männer, die von Usbeken als Geiseln genommen wurden, sagen sie. Chalys Jermekbajewa vermisst seit Freitag ihren Bruder. Er handelte mit T-Shirts auf dem Basar in Osch. Die meisten Händler dort sind Usbeken, "wir Kirgisen sind ja erst seit dem Ende der Sowjetzeit Händler geworden", sagt sie. Am Freitag wollte ihr Bruder seine Waren retten, da wurde er überfallen. Seither hat Frau Jermekbajewa nichts mehr von ihm gehört. In einem der Leichenhäuser liegt er auch nicht, sie hat sich alle Toten angeschaut. "Was machen die jetzt mit ihm? Drehen die Kino?" Sie meint im Internet kursierende Filme, in denen zu sehen ist, wie Opfer gedemütigt werden.

Kursant Asanow, der geachtete Polizeichef von Osch, der aus Bischkek wieder zurückversetzt wurde, verspricht der Menge, dass er in zwei Tagen alle Barrikaden beseitigen werde. Applaus: Die Barrikaden sind usbekisch, die Menge ist kirgisisch. Die Stadt soll wieder aus ihren Teilen zusammengefügt werden. Aber das wird mit Gewalt nicht gehen.

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