Wer eilig zum Fernflug muss, hat am Terminal 2 des Frankfurter Flughafens dieser Tage nicht mit Gedränge zu kämpfen.
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Wer eilig zum Fernflug muss, hat am Terminal 2 des Frankfurter Flughafens dieser Tage nicht mit Gedränge zu kämpfen.

Coronavirus

Das Coronavirus - Der unsichtbare Feind

  • vonImre Grimm
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Sollen Schulen, Unis und Fabriken zwei Wochen lang geschlossen werden? Manche raten dazu. Die Regierung ist skeptisch.

Bibi und Tina kommen nicht. Keine Fan-Selfies, kein Blitzlichtgewitter. Die glanzvolle Premiere der Amazon-Serie „Bibi & Tina“ in Berlin: abgesagt. „Die Gesundheit und Sicherheit unserer Gäste hat für uns oberste Priorität“, schreibt der US-Konzern. Die Zwangspause für die Kinder-Heldinnen reiht sich ein in eine lange Liste. Abgesagte Veranstaltungen, gestrichene Flüge, bald wohl auch leere Fußballstadien. Ein Land im Klammergriff eines unsichtbaren Feindes.

Bereits jetzt zeigt sich, wie fragil und emotional das globalisierte Wirtschaftssystem auf Gerüchte, Ängste und medialen Alarmismus reagiert: Der Ölpreis fällt, der Dax verliert über sieben Prozent, der Handel an der Wall Street wurde zwischenzeitlich ausgesetzt. Messen werden abgesagt oder verschoben, Restaurants sind leer, die Regierung erleichtert Kurzarbeit. Die Corona-Krise könnte zu einer Weltwirtschaftskrise mutieren.

Braucht Deutschland den kompletten Shutdown? Die Fallzahlen klingen noch nicht alarmierend. Doch nun gibt es auch in Deutschland erste Todesfälle. Impfung gibt es keine, und auch keine spezielle Therapie. Es sind die Zwischentöne, die gestern verraten haben, wie ernst die Verantwortlichen die Lage bewerten. „Auch gute Gesundheitssysteme können schnell überfordert sein“, sagt etwa Lothar Wieler, Präsident des Robert-Koch-Instituts (RKI). „Wir brauchen jetzt jeden einzelnen Bürger und jede einzelne Bürgerin“, sagt Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU). Die große Sorge: dass das hiesige Gesundheitswesen mit seinen 28.000 Intensivbetten schnell am Limit sein könnte.

Zeit gewinnen – das ist Spahns Strategie. „Unser Ziel ist es, die Ausbreitung einzudämmen.“ Aber: Er kann keinen Shutdown anordnen. Spahn rät dringend, Veranstaltungen mit mehr als 1000 Teilnehmern abzusagen und kleinere zu überdenken. „Es ist im Zweifel leichter, auf ein Konzert, einen Clubbesuch oder ein Fußballspiel zu verzichten als zum Beispiel auf Kinderbetreuung.“

Solidarität mit Schwächeren. Gegenseitige Hilfe. Rücksichtnahme. Es sind wuchtige, beunruhigende Worte, mit denen die Verantwortlichen verraten, dass Schlimmeres drohen könnte. Es fühle sich vielleicht an, jetzt „über relativ drastische Maßnahmen zu sprechen“, sagt Christian Drosten, Direktor des Instituts für Virologie der Charité in Berlin. Aber: „Wir müssen uns auf eine große Zahl von Covid-19-Fällen einstellen.“ Er zitiert aus einer US-Studie: „Die Hoffnung, dass Wärme, Trockenheit und Frühling dem Erreger den Garaus machen könnten, trügt.“

Wären 14 Tage Corona-Ferien ein Symptom politisch-medialer Panikmache – oder ein sinnvolles Instrument der Epidemiebekämpfung? Und wiegen wirtschaftliche Interessen schwerer als die Chance auf eine Eindämmung? Kann man das Virus überhaupt „aushungern“? Alexander Kekulé, Mikrobiologe und Virologe an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, forderte in der ARD: 14 Tage Zwangspause. Schulen und Kindergärten schließen, größere Veranstaltungen absagen. Es sei eine „etablierte Maßnahme“, um Virusausbrüche im Frühstadium zu stoppen. Und: „In sechs Wochen wäre es dafür zu spät.“

„Eine zeitlich begrenzte Kontaktreduktion in den frühen Stadien einer Epidemie führt in der Regel dazu, dass sich der Gipfel des Ausbruchs auf einen späteren Zeitpunkt verschiebt“, erklärt Martin Eichner, Epidemie-Experte am Institut für Klinische Epide-miologie und angewandte Biometrie der Universität Tübingen, dem Redaktionsnetzwerk Deutschland.

Erste Todesfälle

In Deutschland gibt es die ersten Todesfälle im Zusammenhang mit Coronaviruserkrankungen. In einem Krankenhaus in Essen starb am Montagmittag eine 89-jährige Patientin, wie die Stadtverwaltung mitteilte. Auch im Kreis Heinsberg gab es nach Angaben eines Sprechers der Kreisverwaltung einen Todesfall.

Natürlich hat die Bundesregierung kein Interesse an Bildern menschenleerer Straßen und an geschlossenen Fabriken. An Sondersendungen im Fernsehen mit grellgelben Virussimulationen und Seuchenexperten in Schutzkleidung, die öffentliche Gebäude desinfizieren. Aber die Radikal-maßnahmen, mit denen China das Virus bekämpfte, scheinen zu fruchten. Nur 44 Neuinfektionen meldeten die chinesischen Gesundheitsbehörden in den letzten 24 Stunden.

Also alles dichtmachen oder nicht? Über die Absage von Veranstaltungen können nur die lokalen Gesundheitsbehörden entscheiden – auf der Basis einer Empfehlung des RKI von Ende Februar. Der Karneval etwa fand in Deutschland trotzdem statt. Mit Folgen, wie wir jetzt wissen: Mehrere Infektionen sind auf Karnevalsveranstaltungen zurückzuführen.

Im „Nationalen Pandemieplan“ von 2017 unterteilt man den Verlauf einer Epidemie in vier mögliche Phasen:

Phase 1: Eindämmung. In diesem Zeitraum geht es darum, Infektionsketten so schnell wie möglich zu unterbrechen. In dieser Phase befindet sich Deutschland gerade.

Phase 2: Schutz: Schwerpunkt ist nun der Schutz für anfällige Bevölkerungsgruppen, also Ältere und chronisch Kranke.

Phase 3: Minderung der Folgen: Falls ein großer Teil der Bevölkerung infiziert würde und besonders verletzliche Gruppen nicht mehr speziell geschützt werden könnten, bekäme die Minderung der Folgen die höchste Priorität.

Phase 4: Erholung: Nach dem Höhepunkt der Seuche würde es darum gehen, Bilanz zu ziehen und die Bekämpfungsstrategie anzupassen.

Deutschland lahmlegen – es wäre für viele Experten eine sinnvolle Maßnahme, um nicht in Phase 2 eintreten zu müssen.

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