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„Unsere Wahrnehmung der Welt ist eine Fantasie, die mit der Realität zusammenfällt“, schreibt Chris Frith.

Du gehörst zu mir

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Wir können noch so liberal sein: Vorurteile gehören zu uns. Denn die Welt ist kompliziert – und um sie zu verstehen, sortiert unser Gehirn viele Informationen vor. Aber neueste Forschungen zeigen, dass wir aktiv an unseren Vorurteilen arbeiten können.

Unser Gehirn trifft ständig Entscheidungen, meist ohne, dass wir es merken. Es sucht nach Regeln und Zusammenhängen, es versucht, zu kategorisieren und in einem Wust von Details das Gemeinsame zu finden. Daraus fällen wir Urteile über Dinge und Menschen, und manche dieser Urteile sind Vorurteile, also Übergeneralisierungen, die die Welt auf unzulässige Art und Weise vereinfachen.

Wer gehört zu wem? Was hält in Deutschland, in Europa die Gesellschaft zusammen? Was lässt sich tun, um Spaltungen zu überwinden? Fragen, die sich in diesem Jahr mit besonderer Dringlichkeit stellen: Das Grundgesetz wurde am 8. Mai 70 Jahre alt, am 23. Mai 1949 wurde es verkündet und trat zwei Tage später in Kraft.

Am 26. Mai haben Europas Bürgerinnen und Bürger ein neues Parlament gewählt – und im November feiert Deutschland den 30. Jahrestag des Mauerfalls. Mit all dem befasst sich unsere Serie „Du gehörst zu mir“ seit dem 4. Mai.

Das Serien-Thema „Du gehörst zu mir“ wird in den kommenden Monaten von allen Ressorts der FR mit einem jeweils eigenen Schwerpunkt bearbeitet. Das Ressort Wissen und Bildung startet mit zwei Doppelseiten zum Thema Vorurteile. Heute schreibt der Neurobiologe Martin Korte darüber, wie sich Vorurteile gewissermaßen in unser Hirn schleichen – und wie wir aktiv mit ihnen umgehen.

„Unsere Wahrnehmung der Welt ist eine Fantasie, die mit der Realität zusammenfällt“, schreibt Chris Frith. Was der britische Gehirnforscher hier meint, ist, dass wir keine rohen Sinnesdaten erleben, sondern deren Simulation durch das Gehirn. Wir nehmen nicht die Wellenfrequenz des Lichtes wahr, sondern eine Farbe. Und eine ganze Menge Dinge registrieren wir erst gar nicht – Infrarotlicht oder Ultraschall -, da unsere vorhandenen Sinne nur bestimmte Aspekte aus dem Spektrum des Wahrnehmbaren herausfiltern. Aus dem vielfältigen Spektrum möglicher physikalischer Signale wählen unsere Sinnessysteme nur einige wenige aus. Obwohl im Vergleich zu den vielen möglichen Wahrnehmungen nur wenige Signale überhaupt herausgefiltert werden, konstruieren wir daraus ein kohärentes Bild der Welt. Und zwar auf eine Weise, die uns glauben lässt, dies sei alles, was es in der Welt wahrzunehmen gibt. Doch trotz dieser enormen Filterung kommen weit mehr Sinnessignale in unserem Gehirn an, als wir bewusst erleben. Wir nehmen die Welt nur teilweise wahr. Und nur Bruchstücke davon gelangen aufgrund unserer selektiven Wahrnehmung ins Bewusstsein.

Dies bedeutet aber auch, dass die ersten Stufen der sensorischen Verarbeitung, von denen man bisher annahm, dass sie evolutiv bedingt stereotyp eine erste Prozessierung der Sinnesinformationen vornehmen, stärker veränderlich sind, als bis vor wenigen Jahren angenommen. Erfahrungen verändern alle Informationsprozess-Ebenen im Gehirn. Beim Wahrnehmungslernen erinnert man bestimmte Charakteristika aufgrund von Vorerfahrungen besser. Dies gilt für die Wahrnehmung von Musik (Rhythmen und Tonfolgen erkennen) ebenso wie für die Fähigkeit, bestimmte Muster in der Sehwahrnehmung besser einordnen zu können. Ein Botaniker oder Zoologe sieht in freier Natur viel mehr Tiere und Pflanzen als ein Biologiestudent im ersten Semester, und ein erfahrener Zeitungsmacher erkennt in der Komposition einer Titelseite viel schneller Fehler, etwa eine ungünstige Bild-Text-Gewichtung.

Was wie eine Win-win-Situation aussieht, kann allerdings auch in die Irre führen, denn dank dieser Form des Gedächtnisses neigen wir manchmal – ohne dass es uns bewusst wäre – dazu, zu schnell zu urteilen und zu übergeneralisieren. Wir sehen dann nur, was wir erwarten zu sehen und nehmen an, dass bestimmte Eigenschaften zu bestimmten Volksgruppen, Geschlechtern oder alten und jungen Menschen gehören – Vorurteile eben.

Deutsche Missgunst

„Die Deutschen gehen mir bisweilen unheimlich auf die Nerven. Ich mache Missgunst und Rüpelhaftigkeit aus. Jeder schaut auf sich, keiner versucht, sich in seine Mitmenschen hineinzuversetzen. Es geht darum, wie jeder einzelne noch mehr für sich rausschlagen kann, anstatt darauf zu schauen, wie man gemeinsam mehr erreicht – für alle. So behandelt man sich gegenseitig, aber so tritt man auch seinen europäischen Nachbarn oder Migranten gegenüber auf. Solange man jemanden nicht persönlich kennt, behandelt man in dieser Gesellschaft jeden wie einen Feind, einen Gegner, eine Belästigung. Andererseits: in persönlichen Begegnungen sind viele Mitbürger doch sehr nett.“ (anonym)

Bei kleinen Kindern bekommen wir diese Fähigkeit des Gehirns, Dinge und Menschen in Gruppen einzuteilen, sehr gut vorgeführt: alle vierbeinigen Lebewesen sind ein „Hund“, auch wenn es eine Katze ist, alle Fahrzeuge sind erst „Tütü“, dann Auto, bevor es sprachlich differenzierter wird. Aber die Art des Denkens in Schubladen bleibt uns erhalten, manchmal reichen nur einzelne Erlebnisse, um Menschen fremder Herkunft oder im Urlaub die einheimische Bevölkerung in grobe Kategorien einzuteilen. Wir nennen das dann Vorurteil, Klischee, Stereotype. Das Interessante dabei: Vorurteile haben immer nur die anderen. Dabei verrät so mancher Witz, über den wir spontan lachen, viel über unsere eigenen Vorurteile.

Aber: Vorurteile werden nicht aktiv erworben – im Gegenteil. Sie schleichen sich in unser Denkgebäude ein und bestimmen dann ebenso unauffällig unsere Wahrnehmung und unser Handeln. Sie enthalten meist Informationen, die wir gehört oder erlebt haben, sind aber in ihrer Verallgemeinerung falsch. Nicht selten widersprechen sie unseren Überzeugungen und wir merken gar nicht, wie sehr unser Handeln unserer Weltanschauung widerspricht. Nehmen wir ein harmloses Beispiel, um das zu erklären: Enten legen Eier. Die meisten von uns würden dies für richtig halten, dabei trifft es für eine Mehrheit der Enten nicht zu, denn männliche Enten legen keine Eier. Hinzu kommt, dass junge und alte Entenweibchen auch keine Eier legen. Auf ähnliche Weise fällen wir unbewusst Urteile über ältere Menschen (können nichts Neues lernen, sind starrsinnig), verteilen Geschlechterrollen und haben klare Meinungen über anders aussehende Menschen.

Martin Korte, Jahrgang 1964, ist Professor für zelluläre Neurobiologie an der TU Braunschweig und Direktor des Zoologischen Institutes.

Dies bestätigen auch Studien aus New York und Boston: Die Forscher hatten Versuchsteilnehmer verschiedener ethnischer Herkunft zunächst mittels Fragebogen über ihre Einstellungen gegenüber hell- und dunkelhäutigen Menschen interviewt. Außerdem ermittelten sie die unbewussten Vorurteile der Teilnehmer: Bei diesem Verfahren werten Wissenschaftler Unterschiede in den Reaktionszeiten als Indiz für verborgene Vorurteile. Wer etwa eine Taste, die zuvor mit negativen Begriffen verbunden war, deutlich schneller bei Bildern von dunkelhäutigen Menschen betätigt als von weißen, zeigt so unbewusste Vorurteile gegenüber der betreffenden Bevölkerungsgruppe. Als nächstes, und das ist der spannende Teil, testeten die Wissenschaftler, für wie vertrauenswürdig die Probanden Personen unterschiedlicher Herkunft hielten, deren Fotos sie betrachtet hatten. Siehe da: Die unbewussten Urteile – nicht jedoch das Selbstbild, das die Versuchsteilnehmer von sich hatten („Wir haben als gute Amerikaner keine Vorurteile gegen schwarze Mitbürger“ gaben die Probanden in Fragebögen an) – waren für die Bewertungen ausschlaggebend. Als es nämlich darum ging, einem Geschäftspartner eine hohe Summe anzuvertrauen, zeigte sich ein ähnlicher Effekt: Die gewährte Finanzspritze hing stärker mit den unbewussten Einstellungen zusammen als mit dem, was die Probanden in der Befragung zu Protokoll gegeben hatten – sie konnte sogar in krassem Widerspruch zur ausdrücklichen Meinung stehen. In Einstellungsgesprächen konnte dann ähnliches gezeigt werden, ohne dass sich die Personen ihrer stereotypen Vorurteile bewusst waren.

Das französische Wort ‚Steréotype‘ kommt aus der Sprache der Drucker und bezeichnet eine Druckplatte, mit der unzählige identische Seiten gedruckt werden können. Einmal gesetzt, verändern sich Druckplatten nicht mehr. Aber genau hier liegt der Unterschied zu menschlichen Stereotypen: Wenn wir uns unserer unbewussten Vorurteile bewusst werden (und uns diese eingestehen), können wir gegen diese vorgehen, differenzierter handeln und beurteilen – und offen sein für neue Erfahrungen im Miteinander. Wer dagegen Vorurteile nur bei anderen sieht, übersieht bei sich selbst Wesentliches.

Hinzu kommt, dass wir sorgfältig mit der Informationsmenge umgehen sollten, die wir zu verarbeiten versuchen. Wir evaluieren ständig unbewusst, was wir wie in der Welt sehen und interpretieren dies aufgrund unserer gespeicherten Erfahrungen – und die meisten sind hier unbewusst. Ja, wir können das, was wir aktuell erleben, nur verstehen im Lichte dessen, was wir über die Welt um uns herum abgespeichert haben. Ein müdes Gehirn kann nachweislich weniger neue Informationen verarbeiten als ein ausgeruhtes.

Dealer und Diebe

„Ich steige in die U-Bahn, und mein ängstlicher Blick bleibt sofort an ihnen hängen: Zwei oder drei junge Männer, Undercut-Frisuren, T-Shirts, gerne mal Jogginghosen, die das regelmäßige Richten des Inventars im Intimbereich erheblich erleichtern. Sie stehen so, dass ich zwischen ihnen durch muss, wenn ich das Stück zum nächsten Sitzplatz gehen will, breitbeinig, irgendwie bedrohlich, und sie rufen sich Wortfetzen zu, von denen ich nur „Digga“ verstehe. Ich weiß, dass ich es nicht denken sollte. Ich weiß, dass es eine unzulässige Verallgemeinerung ist, aber ich denke es trotzdem: Marokkaner! Mein Kopf weiß, dass „die Marokkaner“ natürlich nicht alle so sind und dass nicht alle, die so sind, Marokkaner sind. Aber mein Bauchgefühl ist infiziert: vom Vorurteil gegen die dealenden und klauenden „Marocs“. (anonym)

Und vor allem sucht das Gehirn in unserer Umgebung zunächst mal immer nach bekannten Gegenständen und Zusammenhängen. Dies bezeichnen Wissenschaftler als „confirmation bias“. Das bedeutet: Wir nehmen vor allem und zu allererst wahr, was unserer Erwartung entspricht. Menschen widmen Informationen mehr Aufmerksamkeit, wenn diese ihre Vorerfahrungen bestätigen. Es gehört zu den Paradoxien unseres modernen Lebensstils, dass wir versuchen immer mehr Informationen pro Zeiteinheit zu prozessieren, was uns dann aber weniger offen macht für neue Sachverhalte und neue Informationen, da das Gehirn nur auf die Zusammenhänge schaut, die es schon zu kennen meint. Dieser „information overflow“ macht uns sogar weniger offen für Neues. Was wir entwickeln müssen, ist also eine Antenne dafür, wie wichtig und wertvoll neue Informationen sind (die nicht den bestehenden Stereotypien entsprechen) und wie wir diese in den Raum unseres vorhandenen Wissens einbauen können, so dass dieser Wissensraum sich auch in seiner Struktur und nicht nur in seiner Ausdehnung ändern kann.

Vorurteile sind unbewusste, schnelle und übergeneralisierende Aspekte unserer impliziten, also unbewussten, Gedächtnisprozesse. Sie sind der Preis, den wir zahlen, um die komplexen Abläufe in der Welt um uns herum einordnen zu können. Sie verändern nicht nur auf fast unheimliche Weise, wie wir Menschen begegnen und welche Urteile wir über sie fällen, sie haben einen erheblichen Einfluss darauf, wie wir die Welt wahrnehmen und erleben. Sie sind ein wichtiger Aspekt, der belegt in welchem Maße unsere Gedächtnisprozesse erst die Welt erschaffen, die wir erleben. Wir können eine komplexe Situation immer nur „verstehen“, indem wir Vorannahmen machen und versuchen, das Erlebte mit diesem Raster an Hypothesen zu verstehen. Das ist harmlos – und meist richtig – wenn wir davon ausgehen, dass in unserer Welt die Zeit vergeht, wir in einem dreidimensionalen Raum leben, es Objekte gibt, die belebt oder unbelebt sein können und so fort. Aber diese Einordnungen können zu Vor-Urteilen anderen Menschen gegenüber werden. Da all das unbewusst stattfindet, scheinen wir hier diesem Aspekt unseres impliziten Gedächtnisses gegenüber schutzlos ausgeliefert zu sein.

Was also tun, um Vorurteilen zu begegnen? Auch hierzu gibt es eine Reihe von Studien aus der Psychologie, den Sozialwissenschaften und mittlerweile auch mit neurowissenschaftlichen Methoden. Allerdings haben 90 Prozent dieser Studien in Laborsituationen stattgefunden und nur wenige haben gemessen, ob Interventionen gegen Vorurteile auch einen langfristigen Effekt haben. Umso bemerkenswerter ist eine aktuelle Studie der US-Wissenschaftler um David Brockman und Joshua Kalla. Sie konnten zeigen, dass ein zehnminütiges Gespräch nachhaltig Vorurteile beeinflussen kann, im dem konkreten Fall über Vorurteile gegenüber Menschen, die ihr Geschlecht gewechselt haben oder eine genetische Disposition haben, die damit einhergeht, dass ihr Geschlecht nicht eindeutig festgelegt ist.

In diesem Feldversuch haben als Stimmenwerber getarnte Forscher in der Vorwahlzeit in Florida mit möglichen Wählern zehn Minuten nach einem genauen Ablaufplan gesprochen – entweder zu Themen, über die es Vorurteile gab oder über neutrale Themen. Nach drei Monaten (einem vergleichsweise langen Zeitraum) wurden die Gruppen hinsichtlich ihrer Vorurteile, etwa über Menschen mit einem nicht eindeutigen Geschlecht, befragt. Hierbei zeigte sich, dass bereits dieses kurze Aufklärungsgespräch die Einstellung der Menschen zu einem offeneren Weltbild hin verändert hat.

Man könnte jetzt denken, dass die befragten Menschen von betroffenen Minderheiten, wie Menschen, deren Geschlecht nicht eindeutig ist, selbst informiert wurden, so dass der Effekt noch stärker war. Aber zur Überraschung der Forscher war das nicht der Fall, was auch die Hypothese stärkt, dass schon ein einfacher Kontakt ausreicht, die meisten Vorurteile zu beseitigen. Aus dem Experiment ergeben sich aber auch weitere wichtige Schlussfolgerungen: Dass Aufklärung und sachliche Informationen tatsächlich helfen; und dass Minderheiten andere Menschen brauchen, die für ihre Rechte und ein offenes Weltbild jenseits von Vorurteilen einstehen.

Vorurteile sind also das Ergebnis meist unbewusster Übergeneralisierungen von Informationen, die entweder falsch oder zu stark vereinfacht das Ergebnis von Gedächtnisprozessen in unseren Gehirnen sind – und denen wir nur durch kritische Reflexion, neue Begegnungen und mit erhöhter Wachsamkeit begegnen können. Bei anderen, aber zuallererst bei uns selbst.

Das Vorurteil

Wir schreiben täglich dagegen an – und trotzdem gehört es zu uns, das Vorurteil. Für den Serien-Schwerpunkt im Ressort Wissen und Bildung machen wir das Vorurteil zum Thema. Wo kommt es her? Sind wir davor gefeit, nur weil wir uns für liberal und weltoffen halten? Und wie gehen wir damit um, wenn wir merken: tief in uns, da schlummert doch ein Vorurteil? Wir haben nicht nur einen Hirnforscher und einen Soziologen um einen Artikel zu Vorurteilen gebeten, sondern auch die Kolleginnen und Kollegen in der Redaktion gefragt, ob sie bereit wären, für diese Seiten über ihre Vorurteile zu sprechen. Natürlich anonym.  (boh)

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