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Ostermarsch anno 1968 in Frankfurt.

Rückblick

Unsere 68er

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Der Rückblick auf "1968" hatte im Laufe der Jahrzehnte seine Konjunkturen. War er auch eine Fortschrittsgeschichte?

Wir mal wieder - diesen Gedanken haben „die 68er“ nicht verkommen lassen, seit 50 Jahren nicht. Ergo seit einem halben Jahrhundert haben sie die Erinnerung gepflegt. Wir schon wieder: 1968 haben die „68er“ ihren Protest, ohne dass „68“ schon ein Begriff gewesen wäre, vor allem auf der Straße vorgeführt. Seitdem, denn die politische Geschichte der Bundesrepublik (BE-ER-DE) war stets auch eine sehr private Erzählung, wurde „68“ in den eigenen vier Wänden rebellisch verteidigt. 

Allemal ist aus der Generation der 68er was geworden, kein Thema. Das war bereits nach zehn Jahren so, 1978. Das war wiederum zehn Jahre später nicht anders, 1988, als sich die 78er als die Zuspätgekommenen fühlten, nurmehr als „Zaungäste“, so ein programmatischer, 1992 nachgereichter Buch-Titel. Zugleich handelte es sich bei dem aufschlussreichen Buch um ein Geständnis bezogen auf den Gang der Geschichte. Nur zu offensichtlich war die Entwicklung der Bundesrepublik an den 78ern träge vorbeigezogen, von ihnen unbearbeitet. Kein Eingriff der 78er in das historische Kontinuum; gemessen an den 68ern waren sie posttragische Beobachter oder auch zynische. 

Die „68er“ haben nicht locker gelassen

Weitere zehn Jahre später, 1998 also, wenn wir richtig rechnen. In besonderer Weise wurde der 30. Jahrestag von „68“ wie ein Firmenjubiläum der jüngeren Geschichte der Bundesrepublik Deutschland begangen. Anstelle der Phantasie war Pragmatismus an die Macht gekommen (und das nicht etwa als Kalauer, sondern realpolitisch). Offensichtlich war die Genugtuung des rotgrünen Kabinetts Schröder/Fischer. Konservativen erschienen der ehemalige Juso, der SPD-Aktivist Schröder, und der ehemalige Straßenaktivist Fischer nicht so sehr als Inkarnation einer zweiten Gründung der Bundesrepublik, sondern weiterhin als Heimsuchung der Leibhaftigen, der Umstürzler von „68“. Im rotgrünen Gegenlager dagegen die Gewissheit: Diese „68er“, sie waren was geworden. Allein ehemalige Kombattanten sahen dem Wohlgefallen skeptisch zu. 1998 waren nicht alle was geworden, aber doch so etwas wie eine (satte) Mehrheit. 

Über „68“ ist seit fünf Jahrzehnten vielerlei gesagt, verbreitet und geschrieben worden. Ein kluger Gedanke könnte von dem deutschen Gebildeten Jacob Bernays stammen. Nicht dass der Philologe, gestorben 1881, zum Augenzeugen oder Chronisten der 68er geworden wäre. Aber sein Satz bezog sich auf eine große Zeit Griechenlands, vielleicht nicht ein goldenes Zeitalter, aber doch ein größeres. Was sagte Bernays? Er gab zu bedenken, dass diese Aufsehen erregende Ära der Griechen jeden Gebildeten geläufig sei, aber keinem Denkenden verständlich.

Das könnte ein produktiver Gedanke für Gebildete sein, erst recht für Denkende.  Im Rückblick auf „68“ ist es, wie schon im Jahr 1968 selbst, auch zu überschießenden Reaktionen gekommen. „68“ war nicht das klassische Zeitalter der Bundesrepublik – geschweige dessen goldenes Zeitalter. Es war eine Zeit des Widerstreits zwischen zivilem Widerstand und Veränderungselan einerseits und zum anderen und gleichzeitig präpotentem Größenwahn. Zeit war nicht ausschließlich für besonnene Skepsis sondern häufig für Skrupellosigkeit der brutalen Art.

Für diejenigen, die 68 antraten, war es eine Großdemonstration gegen den Obrigkeitsstaat. Für diejenigen, die es todernst meinten, war es eine Revolte gegen die verfassungsmäßige Ordnung, und dieses Ziel verfolgten nicht nur die Terroristen. Im Rückblick auf sich selbst als Staatsfeind haben gerade die Handelnden Gnade vor Recht ergehen lassen. 

Auch der Rückblick auf „68“ hatte seine Konjunkturen. War dieser Rückblick auf „68“ auch eine Fortschrittsgeschichte – vor allem eine solche der Reflexion? Zweifellos dann, wenn man den langen Marsch durch die gute alte Institution Buch antritt, angefangen mit den Darstellungen der 68er Wolfgang Kraushaar und Gerd Koenen oder Heinz Bude, einem 78er. „68“ hat die Republik umgetrieben und nachhaltig verändert. Denn die „68er“ haben nicht lockergelassen. Keine Erfolgsgeschichte ohne einen immer wieder überschießenden Elan.

Sie immer wieder. Zur Entwicklungsgeschichte von „68“ gehört, dass es auch ein Medienereignis war, deswegen auch eine Fortschrittsgeschichte? Ja, kein „68“ ohne die Medien. Erst die Medien haben „68“ mächtig gemacht, eine kritische Presse, bald schon eine Untergrundpresse, auch Radio und Fernsehen, unfreiwillig sogar die bösartige Springerpresse. Zwangsläufig werden wir Medien in den nächsten Monaten auf „68“ zurückkommen müssen.

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