+
„Wenn wir das schaffen, sollte es Deutschland auch gelingen“, sagt Asselborn über das Einfliegen von Kindern aus Lagern.

Flüchtlinge

„Unser Beispiel könnte motivierend sein“

  • schließen

Der luxemburgische Außenminister Jean Asselborn zur Aufnahme von Flüchtlingskindern aus den griechischen Lagern.

Herr Asselborn, Luxemburg setzt ein Zeichen und will zwölf minderjährige Flüchtlinge aus Griechenland aufnehmen. Wann kommen sie an?

In Zeiten des Coronavirus-Ausbruchs ist das alles sehr kompliziert. Wir können nur über Telefon- und Videoschalten verhandeln. Eigenes Personal haben wir nicht in Griechenland. Ich hoffe aber, dass wir die zwölf Kinder und Jugendlichen nächste Woche nach Luxemburg fliegen können.

Werden sich jetzt auch Deutschland und Frankreich bewegen? Immerhin ist es schon mehr als einen Monat her, dass sich mehrere EU-Staaten bereit erklärt haben, insgesamt 1600 Kinder und Jugendliche aus den griechischen Flüchtlingslagern aufzunehmen.

Wenn wir das als kleines Land schaffen, dann sollte es in Deutschland und Frankreich auch gelingen, unbegleitete Minderjährige aufzunehmen. Wir reden von etwa zehn Kindern und Jugendlichen pro halbe Million Einwohner. Das sind nun wirklich Zahlen, die verkraftbar sind.

Dennoch warnen manche EU-Staaten weiter von einem Pull-Effekt. Sie fürchten, dass solche Verteilungsaktionen neue Flüchtlinge anlocken.

Jean Asselborn, 70, ist luxemburgischer Außenminister

Das Argument lasse ich nicht gelten. Es kommen momentan keine neuen Flüchtlinge in Griechenland an. Außerdem haben wir in den letzten Wochen wegen des Virusausbruchs 300 000 EU-Bürger aus der ganzen Welt in die Europäische Union zurückgeflogen. Da sollte es doch möglich sein, einige tausend Jugendliche aus humanitären Gründen aus Griechenland zu holen.

Muss Bundesinnenminister Horst Seehofer denn warten oder könnte er Ihrem Beispiel folgen?

Ich habe Horst Seehofer keine Ratschläge zu geben. Ich hoffe aber, dass das Luxemburger Beispiel dazu führt, dass die großen Staaten ihre Zurückhaltung aufgeben. Wenn Luxemburg mit seinen 600 000 Einwohnern das schafft, sollte das Deutschland mit mehr als 80 Millionen Einwohnern auch schaffen. Unser Beispiel könnte motivierend sein.

Wie stark gefährdet der Coronavirus-Ausbruch den Zusammenhalt in der EU?

Wir müssen uns tatsächlich die Frage stellen, ob Europa immun ist gegen den Nationalismus, den wir seit drei Jahren beim US-Präsidenten Donald Trump kritisieren. Mich treibt die Sorge um, dass viele EU-Mitgliedsstaaten zu Beginn der Krise nur auf sich selbst geschaut haben. Menschen mussten zum Teil stundenlang in Transitbereichen von europäischen Flughäfen warten, wenn sie in ein anderes EU-Mitgliedsland fliegen wollten. Und denken wir nur an den anfänglichen Stopp von Lieferungen medizinischen Materials nach Italien. Das war für mich mit meiner Vorstellung von Europa nicht vereinbar.

Interview: Damir Fras

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion