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Trauer in Tasouki nahe der Stadt  Zahedan: Golbibi Najar,  Mutter des  15-jährigen  Hamid Keykhazadeh. Er wurde  von den Jundollah-Kriegern ermordet.
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Trauer in Tasouki nahe der Stadt Zahedan: Golbibi Najar, Mutter des 15-jährigen Hamid Keykhazadeh. Er wurde von den Jundollah-Kriegern ermordet.

Hinter den Kulissen des Iran

Unruhe in der Provinz

  • Martin Gehlen
    VonMartin Gehlen
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Bang blickt Irans Regierung in den Südwesten des Landes. In Baluchistan morden sunnitische „Soldaten Gottes“ vor allem Schiiten und gefährden damit die Einheit der Nation. Eine Reise an jene Orte, die bislang für Journalisten aus dem Westen gesperrt waren.

Bang blickt Irans Regierung in den Südwesten des Landes. In Baluchistan morden sunnitische „Soldaten Gottes“ vor allem Schiiten und gefährden damit die Einheit der Nation. Eine Reise an jene Orte, die bislang für Journalisten aus dem Westen gesperrt waren.

Er trägt graue Häftlingskleidung, die Füße stecken in Plastiksandalen. Das Glas Wasser, das ihm seine Bewacher anbieten, lehnt er ab. Sein Gesicht ist schmal, sein Blick wach und intelligent. Nur das ständige Kneten seiner schlanken Hände verrät die innere Anspannung, wenn Shir Ahmed Shirani von seiner Festnahme auf der Stadtautobahn von Teheran erzählt. Jetzt, sechs Monate später, ist er zurück in seiner Heimat und sitzt im Untersuchungsgefängnis von Zahedan, Hauptstadt der Grenzprovinz Sistan-Baluchistan nahe Pakistan. Die iranischen Ermittler halten Shir, dessen persischer Name auf Deutsch übersetzt Löwe bedeutet, für ein Mitglied aus dem inneren Zirkel der Terrorgruppe Jundollah. Er sei ein enger Vertrauter des im Juni 2010 hingerichteten Anführers Abdulmalik Rigi gewesen und sollte offenbar die „Aktionen nach Teheran tragen“, wie es im internen Jargon der Rebellen hieß.

Im Auftrag der Terrororganisation soll er eine konspirative Wohnung angemietet, sich zur Tarnung eine Verlobte zugelegt und im Grenzgebiet zur Türkei Waffen gekauft haben. „Dann ich habe nicht genug aufgepasst – es war Schicksal.“ Der 27-jährige Baluche wurde verhaftet, als er eine Ladung Kalaschnikows und Handgranaten in der iranischen Hauptstadt verstecken wollte.

Seit fünf Jahren macht Jundollah, die selbst ernannten „Soldaten Gottes“, durch brutale Gewalttaten von sich reden. Die Gruppe, die sogar ein Attentat auf die Wagenkolonne von Präsident Mahmud Ahmadinedschad versuchte, will nach eigenen Angaben über rund eintausend Kämpfer verfügen. Für die Regierung in Teheran zählt der Al-Qaida-Ableger inzwischen zu den größten Gefahren für den schiitischen Vielvölkerstaat. 60 Prozent der iranischen Bürger sind Perser. Sie fühlen sich als Kern der Nation. 40 Prozent gehören Minderheiten an.

Reisende werden aus ihren Autos gezerrt

Dem Terror verschrieben haben sich vor allem sunnitische Untergrundgruppen. So gingen seit 2005 auf das Konto des PKK-Ablegers PJAK, die in den kurdischen Bergen im Dreieck zwischen dem Iran, dem Irak und der Türkei operiert, über 550 Menschenleben. Jundollah am entgegen gesetzten Ende des Landes tötete im gleichen Zeitraum 230 Opfer. Knapp 700 Menschen wurden verletzt und 70 als Geiseln genommen, meist Grenzschützer, Polizisten oder Revolutionäre Garden.

„Ich bin da reingerutscht“, sagt Shirani heute. Er war ein guter Schüler, machte ein glänzendes Abitur und war nicht besonders religiös. Statt zu studieren, versuchte er sich im „Export-Import-Geschäft“ mit Pakistan, was in dieser Gegend ein Synonym für Schmuggel ist. Über seinen ältesten Bruder, der sich „irgendwo in den Bergen zwischen Pakistan und dem Iran“ versteckt hält, bekam er Kontakt zu Jundollah. Das war 2008. Seine Mutter weiß nicht, dass er inzwischen hinter Gittern sitzt. Sein Vater, ein pensionierter Armeeoffizier, besucht ihn gelegentlich in der Haftanstalt an der vierspurigen Azadi-Straße, einem grauen Kasten mit hohen Wachtürmen. Die übrigen sieben Geschwister, darunter drei Mädchen, leben noch zu Hause. „Ich habe die Waffen nicht eingesetzt, ich habe kein Blut an den Händen“, beteuert Shir Ahmed Shirani immer wieder in dem Gespräch.

Umso länger ist die Liste der Jundollah-Verbrechen. Reisende auf Überlandstraßen in Sistan-Baluchistan wurden wahllos aus Autos gezerrt und auf der Stelle exekutiert. Von Terrorchef Abdulmalik Rigi existiert ein Video, auf dem er einem sich verzweifelt wehrenden Opfer eigenhändig den Kopf abschneidet. 2009 und 2010 schließlich richteten sich drei schwere Selbstmordattentate gegen schiitische Moscheen und eines gegen die Revolutionären Garden. Zuerst traf es im Mai 2009 die Iman Ali Moschee in Zahedan mit ihren beiden komplett vergoldeten Minaretten. 20 schiitische Gläubige starben. Der damals bis an die Decke mit Blut bespritzte Gebetsraum ist inzwischen wieder weiß gestrichen, nur die Splitter in den Innensäulen sind noch zu sehen. Der jüngste Anschlag Mitte Dezember in der Hafenstadt Chahbahar am Persischen Golf kostete 39 Betende das Leben, darunter Frauen und Kindern. Bereits vier Tage später ließ die Justiz als Vergeltung elf Jundollah-Häftlinge aufhängen – der Name Shir Ahmed Shirani stand nicht mit auf der Liste dieser Massenexekution. „Allah ist mein Verteidiger“, murmelt er. Der Prozesstermin für den Gefangenen steht noch nicht fest. Von seinen politischen Forderungen aber rückt er nicht ab. Die Rechte der Baluchen würden im Iran nicht geachtet, in Baluchistan werde zu wenig investiert. „Wir haben kein gutes Leben“, sagt er in Gegenwart seiner Bewacher.

US-Regierung könnte Attentäter unterstützt haben

Die Stadt Zahedan mit ihren 800.000 Einwohnern hat in der Tat nicht viel zu bieten. Staubige Ladenzeilen, ein paar Textilbetriebe, Ziegeleien, Reismühlen und Hühnerfarmen. Industrie gibt es keine. Zehntausende müssen sich als Tagelöhner oder Kleinhändler durchschlagen, die „Arbeitslosigkeit reicht bis zum Himmel“, wie sich ein örtlicher Journalist ausdrückte. Dafür pflastern umso mehr Großplakate des Obersten Religiösen Führers des Iran, Ali Chamenei, die Stadt, die im Juni 2009 offenbar mit Mehrheit die grüne Opposition wählte und für Mir Hossein Mussawi votierte.

2,4 Millionen Menschen leben in Sistan-Baluchistan, der größten und ärmsten Provinz des Iran. Die große Mehrheit sind Sunniten. Viele haben Verwandte in Pakistan, das den Jundollah-Terroristen Unterschlupf gewährt und sie mit falschen Papieren versorgt. Die Fäden im Hintergrund aber ziehen nach Überzeugung der iranischen Führung der US-amerikanische und israelische Geheimdienst.

Indizien dafür steuerte der US-Journalist Seymour Hersh 2008 in dem Magazin The New Yorker bei. Danach ließ der damalige US-Präsident George W. Bush mit einem 400-Millionen-US-Dollar Geheimprogramm auch Jundollah finanzieren, um die Islamische Republik zu destabilisieren und das Atomprogramm zu stören. Mit dem Amtsantritt des neuen US-Präsidenten Barack Obama allerdings scheint sich der Wind gedreht zu haben. Im vergangenen November setzte Washington Jundollah auf die Terrorliste, ein Schritt, den Teheran mit verhaltenem Lob registrierte.

Das ändert jedoch nichts an der „wachsenden Unruhe“, die US-Diplomaten in Sistan-Baluchistan registrieren. Irans Sicherheitskräfte sind ihrer Einschätzung nach drauf und dran, die Kontrolle über Teile der gebirgigen Landschaft zu verlieren, wo sich Schmuggler, Drogenbosse und religiösen Fanatiker tummeln.

Güterzüge zwischen Iran und Pakistan würden regelmäßig mit Raketen beschossen, heißt es laut Wikileaks in internen Vermerken. Zusätzlich angefacht habe der iranische Präsident Mahmud Ahmadinedschad den Konflikt, als er mit seinem politischen Kampfgefährten Habibullah Dehmordah einen „dummen, brutalen“ Gouverneur installierte, der als ausgesprochener „Sunniten-Hasser“ galt. „Zusammen mit hoher Arbeitslosigkeit, dem Gefühl der Diskriminierung und schlechter öffentlicher Versorgung habe das den Ärger unter den Baluchen angefacht und dazu geführt, dass die Zentralregierung als „Feind wahrgenommen wird“, bilanzierte ein anonyme Beobachter aus den USA.

Erst 2008 wurde der nach US-Ansicht unfähige Gouverneur durch Ali Mohammad Azad ersetzt, der einen deutlich konzilianteren Kurs fährt. Sein Stellvertreter ist Jalal Sayah, ein scheu wirkender Mann mit leiser Stimme, der seine Worte mit Bedacht wählt. Auf den breiten Fluren seines Amtssitzes tönen zum Mittagsgebet fromme Korangesänge, hinter seinem Schreibtisch hängen Fotos des Spitzenduos Ajatollah Khomeini und Ali Chamenei. „Die Gefahr ist keinesfalls beendet, auch wenn die Terrortaten in der Bevölkerung keinerlei Zustimmung finden“, sagt er und lässt Datteln mit schwarzem Tee reichen.

Nach Sayahs Angaben hat die erste Regierung von Ahmadinedschad eine „Hülle und Fülle“ neuer Projekte in den Grenzregionen begonnen. „Die Investitionen 2005 bis 2007 waren zehnmal so hoch wie alle zusammen seit 1979“, beteuert er. Man habe neue Straßen gebaut, Arbeitsbeschaffungsprogramme aufgelegt, mit der Bahntrasse Zahedan-Bam den Anschluss an das nationale Schienennetz hergestellt sowie die Universitäten kräftig erweitert. An der medizinischen Fakultät gebe es inzwischen viermal mehr baluchische Studenten als früher. Bis Ende 2011 sollen alle Baluchen krankenversichert sein. Der Aufbau der Wirtschaft habe gerade richtig begonnen, sagt er, da sei dieser Terroristenchef Abdulmalik Rigi aufgetaucht.

"Ich weiß nicht, ob sie mich leben lassen"

Nicht weit entfernt von der Gouverneursresidenz wohnt Familie Lashkali in einer schmalen Gasse nahe der Altstadt. Im Wohnzimmer in einer Nische gerahmt von roten Rosen steht das Foto eines jungen Mannes mit offenem Hemdkragen, freundlichen Augen und schlecht sitzender Brille. Als Mustafa Lashkali am Abend des 16. Juli 2010 die erste Explosion vor der nahen schiitischen Freitagsmoschee hörte, sprang er in sein Auto, um zu helfen. Kaum war er ausgestiegen, als ein zweiter Attentäter seine tödliche Ladung zündete, welche dem 30-jährigen Vater das linke Bein abriss. Er verblutete auf der Stelle, mit ihm starben 26 weitere Opfer – alle Schiiten, kein sunnitischer Baluche war darunter.

Tür an Tür mit Mustafas Witwe und ihrer vierjährigen Tochter wohnt Mas-sud Rigi, der – angelockt durch den ausländischen Besuch – auf einem Tee herüberkommt. Er besitzt ein kleines Sanitärgeschäft und stammt aus dem gleichen Clan wie der Jundollah-Gründer Abdulmalik Rigi. 37 Zweige mit fast 40.000 Namensvettern habe die Großfamilie, weiß er zu berichten. „Uns allen hat Abdulmalik nur Probleme gebracht“, sagt er. Dessen Ideen stammten „aus Amerika“, glaubt Massud Rigi. Persönlich habe er den Chefterroristen nicht gekannt, auch wenn er ihm verblüffend ähnlich sieht.

Mit den schiitischen Nachbarn habe man stets friedlich zusammengelebt. Erst als Jundollah auftauchte, hätten die Probleme angefangen. „Wir haben uns gefreut, als er aufgehängt wurde“, sagt er schließlich.

Shir Ahmed Shirani ahnt, was ihm bevorsteht. „Ich habe einen Fehler gemacht. Ich weiß nicht, ob sie mich leben lassen“, sagt er beim Händedruck zum Abschied, bevor es zurück in die Zelle geht. „Die Warterei macht mich verrückt.“

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