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Der Hutton-Bericht greift die BBC massiv an und wirft ihr ein "defektes Management" vor.

Unmut über Blairs "Reinwaschung"

Briten zweifeln an dem Urteil zur Kelly-Affäre / Druck auf die BBC wächstIn der britischen Öffentlichkeit wachsen Skepsis und Kritik an dem Urteil des Lordrichters Hutton über die Affäre um den Selbstmord des Waffenexperten Kelly - und an den Gründen der Regierung Blair für den Krieg gegen Irak. Dossier: Die Kelly-Affäre

Von PETER NONNENMACHER

London · 29. Januar · Wachsender Unmut über die Schlüsse des Hutton-Berichts, die Tony Blair und seine Regierung von aller Schuld in der Kelly-Affäre freisprachen, war in London am Donnerstag unüberhörbar. Politiker aller Parteien und fast die gesamte Presse des Königreichs warfen Richter Brian Hutton vor, "extrem einseitig" geurteilt, bestehende Widersprüche ignoriert und "im Zweifelsfalle für die Staatsgewalt" entschieden zu haben.

Der Hutton-Bericht, meinte der Labour-Abgeordnete Austin Mitchell, sei "so einseitig, dass er an Glaubwürdigkeit verliert". Das Ganze sei ein Unternehmen gewesen, mit dem Blair "weißer als weiß gewaschen" werden sollte: "Das glaubt doch kein Mensch." Anthony Skriver, ein prominenter früher Sprecher der britischen Anwaltskammer, meinte: "Wenn man sich einen konventionellen, konservativen Richter aussucht, ist das Ergebnis ziemlich klar vorherzusagen." Kommentatoren sprachen von einem "erstaunlichen Bericht", dem "jegliche Ausgewogenheit" fehle.

Einige Kritiker, wie Blairs Ex-Außenminister Robin Cook, beanstandeten, mit dem Bericht sei von wichtigeren Fragen, etwa der Rechtfertigung Blairs für den Irakkrieg, abgelenkt worden. Auch der Vorsitzende der Liberaldemokratischen Partei, Charles Kennedy, sagte: "Einer Antwort auf die Frage, warum unser Land überhaupt unter falschen Voraussetzungen in den Krieg gezogen ist, sind wir noch immer nicht näher gekommen." Er forderte eine unabhängige parlamentarische Untersuchung dieser Frage.

Auch in der Bevölkerung bestehen Zweifel an Lord Huttons Urteil. Einer Umfrage des Evening Standard zufolge sind nur 35 Prozent der Briten der Ansicht, dass Huttons Verdikt fair sei. 56 Prozent halten es für unfair.

Von der BBC erzwang Blair eine förmliche Entschuldigung, für "falsche Behauptungen" im Zusammenhang mit der Kelly-Affäre. Diese "uneingeschränkte Entschuldigung" der Anstalt gab deren amtierender Rundfunkrats-Präsident, Lord Ryder, ab. Unter dem Druck des Hutton-Reports war am Vorabend Präsident Gavyn Davies zurück getreten. Am Donnerstag gab auch BBC-Intendant Greg Dyke sein Amt auf, "um einen Schluss-Strich unter diese Sache zu ziehen".

In Huttons Bericht war die BBC massiv angegriffen worden, unter anderem für "ein defektes Management". Prompt erneuerte die Konservative Partei nun ihre Forderung nach "einer externen Kontrolle der Anstalt". Kultusministerin Tessa Jowell erklärte sich bereit, den Hutton-Report bei der Planung der Zukunft der BBC "zu berücksichtigen". Die Zeitung Independent warnte dagegen: "Die Gefahr ist, dass der Bericht das Selbstverständnis der BBC in Frage stellt. Die Folgen für den öffentlichen Rundfunk in Großbritannien wären beängstigend."

Dossier: Die Kelly-Affäre

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