Sanitäterinnen helfen einem Soldaten, der während der Parade in Ohnmacht fiel.
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Sanitäterinnen helfen einem Soldaten, der während der Parade in Ohnmacht fiel.

Frankreich

Ein unglücklicher Nationalfeiertag

  • Stefan Brändle
    vonStefan Brändle
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Frankreich zelebriert wegen der Corona-Pandemie ohne den ganz großen Pomp – und sieht harte Zeiten kommen.

Es schien ein unverrückbares, ewiggleiches Ritual: Am 14. Juli feierte Frankreich seinen republikanischen Widerstandswillen mit einer Militärparade vor Zehntausenden von Zaungästen entlang der Pariser Champs-Elysées. Nach den Tanzbällen am Vorabend endete der „Quatorze Juillet“ jeweils mit einem Feuerwerk vor der grandiosen Kulisse des Eiffelturms. Dann entließ der Staatschef seine Mitbürgerinnen und Mitbürger mit ein paar gewählten Worten in den verdienten Sommerurlaub, begleitet vom Ende der Tour de France.

Kurz: Es war das Ritual eines glücklichen Landes. 2020 ist alles anders. Am Dienstagmorgen war die Prachtavenue der „Champs“ gähnend leer. Wegen der Ansteckungsgefahr beschränkte die Staatsführung die Zeremonien auf den Place de la Concorde. Dort gab es nur eine verkümmerte – im Fachjargon: statische – Parade. Einheiten in Galauniform drehten mit Sicherheitsabstand eine Runde vor der Ehrentribüne; dünn gesäte Flugzeugstaffeln brausten über den größten Platz der Hauptstadt.

Emmanuel Macron, Präsident von Frankreich, und seine Ehefrau Brigitte Macron schauen bei der Militärparade anlässlich des französischen Nationalfeiertages zu. Die traditionelle Militärparade auf der Prachtstraße Champs-Élysées fällt wegen der Corona-Krise aus. 

Zahlreicher waren Krankenschwestern, Pfleger und Ärzte, aber auch andere Berufsgattungen von der Corona-Front – Kassiererinnen, Reinigungsequipen, Feuerwehrleute. Ihnen war der diesjährige Nationalfeiertag gewidmet. Zu Ehren der 30 000 Pandemie-Opfer in Frankreich übertönte schwere Blasmusik die publikumslose Stille.

Präsident Emmanuel Macron dankte auch den Vertretern Deutschlands, Österreichs, der Schweiz und Luxemburgs, die Anfang April zahlreiche Notfallpatienten aus dem hart getroffenen Elsass aufgenommen hatten. Aus Berlin war Gesundheitsminister Jens Spahn gekommen, aus Düsseldorf Armin Laschet. Militärische Delegationen der vier Länder beteiligten sich auch an dem Umzug, der sich erstmals seit 40 Jahren nicht über die Champs-Elysées bewegte.

Entlassungswelle droht

Gewiss, vormalige Staatspräsidenten wie Valéry Giscard d’Estaing (1974 bis 1981 im Amt) hatten die Truppenparade auch schon von den schnurgeraden Champs-Elysée an andere Pariser Orte wie etwa den Bastille-Platz verlegt. Aber noch nie musste sich die Nation mit einem Mini-Defilee wie 2020 begnügen; noch nie fanden die abendlichen Festivitäten für das Pariser Volk – Konzerte, Feuerwerk – unter weitgehendem Ausschluss der Öffentlichkeit statt.

Sogar die Tour de France, die sonst wochenlang Postkartenbilder aus dem Reiseland in die ganze Welt ausstrahlt, ist akut gefährdet. Im besten Fall soll das Radrennen im September ausgetragen werden. Also nicht wie üblich zum Ferienbeginn, sondern zur Rückkehr in die Schule oder an den Arbeitsplatz.

Und diese Rückkehr wird besonders schwierig. Eine Entlassungswelle droht, dazu eine zweite Covid-19-Welle. Macron räumte am Dienstag in einem Fernsehinterview ein: „Ja, es gibt Zeichen, dass es wieder beginnt.“ Aus diesem Grund will Macron in geschlossenen öffentlichen Räumen – von Kinos über Restaurants bis zu Ämtern – ab dem 1. August wieder eine generelle Maskenpflicht einführen.

Noch düsterer sind die wirtschaftlichen Aussichten: Macron räumte ein, dass in Frankreich 900 000 Arbeitsplätze gefährdet seien – namentlich in den vom Virus besonders stark betroffenen Branchen wie Luftfahrt, Automobil oder Tourismus.

Zum Thema Rentenreform sagte Macron, er halte zwar an ihrem Prinzip fest; Regierung und Sozialpartner sollten aber noch diese Woche eine „neue“ Auslegeordnung vornehmen. Ohne es klar zu sagen, schiebt Macron seine hoch umstrittene Reform damit auf die lange Bank. Dahinter steht sicher auch die Einsicht, dass den Franzosen derzeit schon genug zugemutet wird. Ihr jüngster Quatorze Juillet gehörte auf jeden Fall nicht zu den glücklichsten.

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