Vietnam-Veteran der 10. Kavallerie-Einheit, auch bekannt als „Buffalo Soldiers“ - ein Ehrentitel aus Zeiten des Bürgerkriegs für Angehörige der schwarzen Regimenter - auf einer Parade des Veteranentages in New York 2014.
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Vietnam-Veteran der 10. Kavallerie-Einheit, auch bekannt als „Buffalo Soldiers“ - ein Ehrentitel aus Zeiten des Bürgerkriegs für Angehörige der schwarzen Regimenter - auf einer Parade des Veteranentages in New York 2014.

Afro-Amerikaner in der US-Armee

Ungeliebt und unverzichtbar

  • Peter Rutkowski
    vonPeter Rutkowski
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Lange Zeit taten Schwarze Dienst in eigenen Einheiten auf allen Schlachtfeldern der US-Armee. Heute spiegelt das US-Militär den ethnischen Mix der Gesellschaft - und ebenso die ethnischen Unterschiede.

Die Geschichte beginnt auf der Gegenseite: Im Unabhängigkeitskrieg 1775 - 1783 rekrutiert die britische Armee entflohene Sklaven im Kampf gegen die Rebellen. Ihr Lohn: die Freiheit. Gut 30 000 werden in Guerillas, rückwärtigen Einheiten und als Pioniere den „Rotröcken“ helfen, die die proklamierte „Freiheit“ der nordamerikanischen Kolonisten unterdrücken sollen.

Jene Freiheit beinhaltet auch das Versklaven beliebiger Mengen an Afrikanern, ohne die die Güter großer Kolonisten wie George Washington überhaupt nicht gewinnbringend zu bewirtschaften wären. Die gleiche Geisteshaltung eines gewissenlosen Laissez-faire-Kapitalismus (wenn auch gegen Sklaverei eingestellt) herrscht auf britischer Seite vor und kostet die vernachlässigte Armee schließlich den Sieg. Die meisten „Neger“-Soldaten werden nach Kanada evakuiert.

Erst im Bürgerkrieg 1861 -1865 rücken Schwarze wieder in den Fokus der US-Armee: Der von mörderischen Amateuren gemanagte Krieg wird mit jedem Tag unpopulärer, die Armee findet immer weniger Freiwillige. Da proklamiert Präsident Lincoln 1863 die allgemeine und vollständige Befreiung aller Sklaven – 178 892 Schwarze werden in 166 Regimentern Dienst tun, werden sich auszeichnen, werden verwundet, verstümmelt und getötet. Und sie werden die ganze Zeit über einen Zweifrontenkrieg führen müssen – gegen die rückständigen Rassisten der Konföderierten Staaten und gegen den strukturellen Rassismus in den Nordstaaten. „Der Neger“ bleibt selbst als nachgewiesener Kriegsheld für die meisten weißen Amerikaner ein kindischer Halbaffe, eine erbärmliche Sicht, die sich in Teilen der USA bis in 1970er Jahre hinein ungebrochen halten wird.

1866 etabliert der US-Kongress sechs reguläre schwarze Regimenter in der auf Friedensgröße reduzierten Armee. Die Männer, die dort Dienst tun, werden im jahrzehntelangen Kampf gegen die Indianer von ihren Gegnern den Ehrentitel „Buffalo Soldiers“ erhalten (Bob Marley setzt ihnen unter dem gleichen Titel 1980 ein musikalisches Denkmal) – ,und sie werden im Wilden Westen ständig auf weiße Siedler treffen, die sich von der US-Regierung degradiert und diffamiert fühlen, weil die ihnen „minderwertige Niggers“ als Schutz zur Seite stellt. Weiße Soldaten dagegen werden schnell die schwarzen Kameraden schätzen lernen – weiße Offiziere weniger: Oft drangsalieren sie ihre Untergebenen allein wegen deren Hautfarbe, foltern und vernachlässigen sie (John Ford verfertigt 1960 mit „Sergeant Rutledge“ ein seltenes filmisches Plädoyer gegen die unmenschliche Diskriminierung schwarzer Soldaten im Wilden Westen).

Der erste schwarze Absolvent der elitären Offiziersakademie West Point, Henry O. Flipper, wird nach vier Jahren Dienst so absichtlich wie fälschlich der Veruntreuung von Sold beschuldigt und unehrenhaft entlassen. Erst 1999 wird Präsident Clinton ihn posthum begnadigen.

Schwarze tun Dienst in segregierten (nach Hautfarbe getrennten) Einheiten auf allen Schlachtfeldern der US-Armee vom Wilden Westen über die Philippinen, Kuba, Italien, Frankreich bis Korea. Zwar verfügte Präsident Truman 1948 das Ende der rassischen Diskriminierung in den Streitkräften, aber in den Koreakrieg unter UN-Flagge 1950 -1953 zogen immer noch getrennte Einheiten.

Der Vietnamkrieg 1965 - 1975 wurde schließlich als der Krieg der Unterprivilegierten bekannt: Wer zumindest aus der Mittelschicht kam, hatte mehr Chancen, sich um den verpflichtenden Wehrdienst (erstmals 1862 eingeführt) zu drücken. Proletariat und Sub-Proletariat, wo Schwarze, Hispanics, andere nicht-weiße Minoritäten und „white trash“ zusammengedrängt lebten, stellten den Großteil der Truppe.

Nach dem Vietnam-Desaster wird die desavouierte US-Army zur Freiwilligen- oder Berufsarmee – zieht aber noch über Jahre hinweg weiterhin nur die, die nirgends sonst eine Chance haben. Der Wandel vollzieht sich erst, als die Armee sich das für alle Soldaten zu eigen macht, was Schwarze schon die ganze Zeit über taten: den Militärdienst als Basis für den sozialen Aufstieg nutzen. Die US-Armee wird zwar in den 80er Jahren nicht zum exklusiven Club, aber Highschool-Abschluss muss sein, gerne auch höhere Bildung; in der Armee vervielfältigen sich die Bildungs- und Ausbildungsangebote, plötzlich ist die Sicherheit da, eine Familie gründen zu können, was der Armee im Gegenzug langfristiges Engagement ihrer Angehörigen sichert. 9/11 schließlich bringt auch noch den sozialen Umschwung: Die (immer noch dominant weiße) Mittel- und Oberschicht engagiert sich wieder. Dem Pragmatismus gesellt sich der Patriotismus hinzu. Die jüngsten Zahlen der US-Armee (Stand 2011) belegen, dass das Militär den ethnische Mix der Gesellschaft spiegelt. Und ebenso die ethnischen Unterschiede in der militärischen Hierarchie – die Elite-Militärakademie Westpoint absolvieren weiterhin 80 Prozent Weiße. Trotzdem: Nur in der US-Armee wird heute ohne größeres Tamtam akzeptiert, wenn die tradierte ethnische Schichtung umgekehrt wird und Schwarze, Asiaten oder Hispanics kommandieren.

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