Großbritannien

Boris Johnson in der Coronakrise: Ungeeignet fürs seriöse Fach

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Die Coronakrise macht auch vor Großbritannien nicht Halt. Die, die führen sollten, wirken überfordert. Der tiefe Fall der Brexit-Frohnatur Boris Johnson.

  • Die Coronakrise macht auch vor Großbritannien nicht Halt
  • Nach dem Brexit wirkt Boris Johnson plötzlich überfordert
  • Großbritannien zögert in Zeiten des Coronavirus Sars-CoV-2 - zu lange?

Tiefe Ringe haben sich unter die müden Augen gegraben. Fort ist der Strahlemann, nur drei Monate nach seinem Wahlsieg im Dezember 2019. Der gerade noch so alterslos wirkende 55-Jährige, der demnächst in Downing Street seine dritte Hochzeit feiern will und die Ankunft seines mindestens sechsten Kindes erwartet. Großbritanniens Premierminister Boris Johnson wirkt dieser Tage, als erdrücke ihn die Last des Amtes, auf das er Jahrzehnte lang zäh hingearbeitet hat.

Nach Brexit: Boris Johnson ohne Führungsstärke in Coronakrise

Wie sehr die Verantwortung auf dem jeweiligen Bewohner von Number 10 lasten kann, hat sich auch schon bei Vormietern beobachten lassen: Labour-Premier Tony Blair schien während der Irak-Krise 2003 täglich zu altern. Seinem Nachfolger Gordon Brown stand 2008 die globale Finanzkrise ins Gesicht geschrieben. Beide Männer aber strahlten Kompetenz und Führungskraft aus, beschritten mit Überzeugung den einmal eingeschlagenen Weg – wenn auch in Blairs Fall mit verheerenden Folgen.

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Johnson vermittelt weder Führungsstärke noch Gewissheit, von Sachkenntnis ganz zu schweigen. Die Briten haben ihn für seinen immerwährenden Optimismus und seine Art gewählt, alles auf die leichte Schulter zu nehmen. Kaum war die Wahl gewonnen und damit der Brexit endgültig besiegelt, hielt sich der Regierungschef von den Medien fern und vermittelte mehr und mehr den Eindruck einer Teilzeitkraft.

„Herdenimmunität“ in Coronakrise? Boris Johnson nach Brexit ohne Führungsstärke

In der Coronakrise sind aber plötzlich seriöse Politiker mit ständiger Medienpräsenz gefragt. Johnson reagierte darauf, indem er demonstrativ die Nähe zu Forschern und Ärzten suchte. Als wollte er die Verantwortung von sich abschieben oder wenigstens mit Berufeneren teilen.

Entscheidungen aber trifft die Regierung, und eine nach der anderen stellte sich als falsch heraus. Lang propagierte Johnson lediglich eifriges Händewaschen; Menschen mit Symptomen wie Fieber und trockenem Husten wurden zur Selbstisolierung aufgefordert, aber nicht getestet, wie es die WHO fordert. 

Statt harte Maßnahmen gegen das Virus durchzusetzen sprachen Johnsons Berater emotionslos über hohe Ansteckungsraten, die hoffentlich zu einer „Herdenimmunität“ führen würden: Dabei infizieren sich größere Bevölkerungsteile mit dem Virus, erkranken jedoch nicht, was die Verbreitung verlangsamt.

Großbritannien zögert bei Coronakrise - Labour punktet

Nach Protesten von Wissenschaftlern und Öffentlichkeit – eine vielzitierte Studie des Londoner Imperial College sagte eine Viertelmillion Tote voraus – hat Johnson nun das Ruder herumgerissen. Anfang vergangener Woche hieß es: Die Briten sollten ihre sozialen Kontakte einschränken, möglichst wenig reisen, auf Pub- und Theaterbesuche verzichten.

Doch die Gastronomie machte weiter – bis Freitagabend, da war auch für sie alles vorbei. Täglich werden nun 6.000 Menschen getestet, großspurig ist von demnächst 25.000 Tests pro Tag die Rede. Doch damit kaschiert die Regierung nur ihr sträfliches Versäumnis der ersten Wochen. Bis Mittwoch hatten die Briten insgesamt 54.000 Menschen auf Covid-19 untersucht; Deutschland schafft das Doppelte in einer Woche. 

Johnson ringt nach Brexit in Coronakrise um Worte

Vor der Presse ringt der eigentlich mit Sprachgewalt und Mutterwitz gesegnete Johnson plötzlich um Worte. Die sonst so strömenden billigen Pointen bleiben ihm im Hals stecken, fürs ernste Fach hat der Mann schlicht kein Skript. Erst am Montag kündigte Downing Street tägliche Unterrichtungen der Bevölkerung durch Johnson oder einen seiner Minister an. 

Am Donnerstag schon war dem Premierminister die Aufgabe erkennbar lästig: Er kündigte an, man werde bald auf virtuelle Briefings umschalten. Begründet wird dies mit der Seuchengefahr, in Wirklichkeit flieht Johnson vor unangenehmen Nachfragen live vor Millionenpublikum.

Coronakrise: Boris Johnson läuft der Musik in Großbritannien hinterher

Zweimal nacheinander musste er sich in der allwöchentlichen Fragestunde im Unterhaus dem rhetorisch eher staubtrockenen Oppositionsführer Jeremy Corbyn geschlagen geben. Wenn die Labour-Party ihre quälend lange Prozedur für die Corbyn-Nachfolge Anfang April endlich abschließt, dürfte allen Umfragen zufolge Keir Starmer sein Nachfolger werden: ein Langweiler, wie er im Buch steht, ohne Charisma und fetzige Slogans, dafür aber als früherer Leiter der englischen Staatsanwaltschaft ausgestattet mit Qualitäten, nach denen sich das Land plötzlich sehnt: Genauigkeit, Verlässlichkeit, Kompetenz, ein rasiermesserscharfer Verstand.

Einstweilen wirkt der Premierminister vor allem, als laufe er der Realität steigender Ansteckungsraten nur noch hinterher. Demnächst muss er auch vor einer funktionierenden Opposition davonlaufen. Aus seinem Kabinett kommt keine Hilfe. In der Krise rächt sich Johnsons Beharren auf absoluter Gefolgschaft in der Brexit-Frage. Erfahrene Leute aus Theresa Mays Regierung traten gar nicht mehr zur jüngsten Wahl an, bei der Kabinettsumbildung im Februar feuerte der Premier dann die letzten Routiniers.

Inkompetenz in Großbritannien in Coronakrise - Boris Johnson überfordert

Dem Unterhaus präsentiert sich so ein überforderter oder inkompetenter Regierungsvertreter nach dem anderen. Der Haushaltsplan von Finanzminister Rishi Sunak war nach zwei Tagen bereits obsolet; ein neues Hilfspaket für die abstürzende Wirtschaft enthielt diese Woche manch Versprechen an Firmen, aber keine klare Hilfe für Mieter und Niedrigverdiener, also ausgerechnet für die, denen die Krise als erstes die Existenz raubt. 

Für Angestellte übernimmt der Staat – einmalig in der Nachkriegsgeschichte – 80 Prozent des Gehalts bis zu einer Höhe von 2.500 Pfund (2.708 Euro); die mehr als fünf Millionen (häufig unfreiwilligen) Selbstständigen wurden nicht einmal erwähnt.

Coronakrise in Großbritannien: Die Torys wirken naiv

Dem Nationalen Gesundheitssystem NHS werde in der Coronakrise alles Notwendige zur Verfügung gestellt, sagt Sunak, Kosten spielten keine Rolle. „Whatever it takes.“ Aber Ärzte und Sanitäter beklagen fehlende Schutzbekleidung, und fachfremde Firmen wie der Baufahrzeughersteller JCB sollen Beatmungsgeräte herstellen, die in vielen Krankenhäusern fehlen. 

Landwirtschaftsminister George Eustice beteuert treuherzig, es gebe keinerlei Versorgungsengpässe bei Lebensmitteln. Gleichzeitig flimmern Bilder von leeren Supermarkt-Regalen und immer länger werdenden Kundenschlangen über die Bildschirme.

Coronakrise in Großbritannien: Boris Johnson wirkt überfordert

Erst nach langem Zögern verfügte Bildungsminister Gavin Williamson die Schließung von Schulen und Universitäten, viele Bildungseinrichtungen hatten das da schon längst selbst getan. Die überhastete Absage der Prüfungen zu GCSE und A-Level (vergleichbar der Mittleren Reife und dem Abitur) im Sommer empörte selbst die eigenen Fraktionskolleginnen. 

Längst sind die Totenzahlen auf der Insel in die Höhe geschossen, die Mortalitätsrate lag gegen Ende der Woche bei 4,5 Prozent, deutlich näher an Italien (6) als an Deutschland (0,2). Den Briten steht Schlimmes bevor – und bisher deutet nichts darauf hin, dass ihr Schicksal bei ihrem Premierminister in kompetenten Händen ist.

Rubriklistenbild: © REUTERS

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