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2. Weltkrieg: Dresden nach Bombenangriffen 1945

Zweiter Weltkrieg

„Dresdens Zerstörung begann bereits 1933“

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Bundespräsident Steinmeier warnt vor einer Instrumentalisierung des Gedenkens – und ruft zum Widerstand gegen Nationalismus auf.

Auf dem Altmarkt mitten in der Stadt, wo sie damals die Leichen zu meterhohen Bergen türmten und mehr als 6000 Tote verbrannten, ballt sich an diesem Tag noch einmal alles. Das stille Gedenken. Der Schrecken, der immer noch wirkt, aber im Alltag in Vergessenheit gerät. Die Rituale. Und der Streit, der sich in Dresden immer wieder entzündet, wenn es um die Erinnerung geht an jene Tage vor 75 Jahren, in denen die Stadt durch alliierte Bombenangriffe im Zweiten Weltkrieg in Schutt und Asche gelegt wurde.

An diesem Jahrestag brechen die Konflikte wieder auf, unversöhnlich wie eh und je. Neu ist nur, dass zum Streit über die Schuld der deutschen Opfer, der zwischen rechts und links seit jeher tobt, eine neue Frage hinzu kommt: Hält der Konsens der bürgerlichen Mitte noch, wonach man sich als Lehre aus Weltkrieg und Naziverbrechen strikt von Rechtsaußen abgrenzen muss? Auch in Ostdeutschland, auch nach Thüringen?

Wie es dazu kam, dass diese Frage im Raum steht, lässt sich an einem 13. Februar in Dresden zumindest ahnen. Die Stadt hat sich seit jeher schwer getan mit dem Gedenken. Dabei ist das Trauma unbestritten. Rund 25 000 Menschen starben durch britische und amerikanische Bomben, haben Historiker inzwischen rekonstruiert. Den Überlebenden blieb nichts, die Stadt war nie wieder dieselbe.

Die AfD blieb seiner Gedenkrede fern: Frank-Walter Steinmeier im Dresdner Kulturpalast.

„Lieber Vati!“, schrieb die kleine Lina Skoczowsky damals auf eine Postkarte. „Deine 3 sind zusammen. Alles verloren.“ Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier zitiert den Satz in seiner Gedenkrede, die er am Nachmittag im Kulturpalast hält, auf den man vom Altmarkt blickt. Unter den 1600 geladenen Gästen sind Überlebende, aber auch Besucher aus Großbritannien und den USA. Steinmeier, heißt es, habe hohen Druck gespürt, treffende Worte zu finden: zum Gedenken an die deutschen Opfer, die in einem Krieg starben, den Deutschland angezettelt hat.

Gespannt war die Rede aber auch erwartet worden, weil sich zwischen Steinmeiers Ansprache zum Gedenken an „75 Jahre Auschwitz-Befreiung“ Ende Januar und diesem 13. Februar unweit von hier ein Tabubruch ereignete, der einen Schatten auf das Gedenken wirft: Konservative und Liberale taten sich in Thüringen mit der Rechtsaußen-AfD von Björn Höcke zusammen, um einen rot-rot-grünen Ministerpräsidenten zu verhindern und einen gemeinsamen Kandidaten zu wählen. Ein Hauch von Weimar lag in der Luft, fanden Kritiker. Sollte der Bundespräsident, obwohl er seit Jahren zur Abgrenzung von Rechtsradikalen und Geschichtsvergessenen aufruft, in Dresden dazu schweigen?

Steinmeier will das nicht, er stellt die Verbindung her. Zum Gedenken gehöre, zu „versuchen, die Angst, den Schmerz und die Verzweiflung der Opfer und Hinterbliebenen des Bombenkrieges zu ermessen“. Eine heikle Passage: Von Revisionisten wird seit jeher versucht, Leid und Zahl der Dresdner Opfer mit den Verbrechen der Nationalsozialisten aufzurechnen.

Schon die Nazis hatten 1945 die Zahl massiv übertrieben und von „angloamerikanischem Bombenterror“ gesprochen. Zu DDR-Zeiten knüpfte die SED direkt daran an, um den westlichen Imperialismus zu geißeln. Auf dem Heidefriedhof, wo die meisten Opfer bestattet sind, ließ sie die Namen Auschwitz, Leningrad, Coventry und Dresden gleichwertig in Stelen meißeln. Ehe sich Dresden nach der Wende neu sortiert hatte, marschierten Neonazis auf, um deutscher Opfer zu gedenken. Der regierenden CDU in Stadt und Land fiel kein Mittel dagegen ein, von linker Seite hieß es bald, sie schweige und stärke so die Neonazis.

Auch vor dem diesjährigen Gedenktag gab es Protest dagegen, dass erstmals nicht allein die Namen jüdischer Opfer verlesen werden, sondern – auf dem Heidefriedhof – auch die von rund 4000 dort bestatteten Toten aus der Bombennacht. Steinmeier sagt: „Wen die Bomben trafen, blieb dabei dem Zufall überlassen. Sie gingen auf Kinder, Frauen und Männer nieder, auf Dresdner und auf Flüchtlinge aus Ostpreußen und Schlesien. Sie fielen auf Soldaten wie auf Kriegsgefangene; auf überzeugte Nazis und Gestapo-Leute wie auf Widerstandskämpfer, Zwangsarbeiter und KZ-Häftlinge.“

Der Ausgangspunkt aller Greuel waren aber die Nazi-Verbrechen, betont er: „Die Zerstörung der Kulturstadt Dresden begann bereits 1933.“ Vor der Semperoper habe die Sempersynagoge gebrannt. Dann schlägt er den Bogen ins Heute: Die Gefahren „nationalistischer Selbstüberhebung und Menschenverachtung“, von Antisemitismus und Rassenwahn „sind bis heute nicht gebannt“. Der Wunsch nach Abschottung und autoritärer Politik wachse, auch in Deutschland würden „demokratische Institutionen verächtlich gemacht“, so Steinmeier: „Wenn gewählte Abgeordnete heute die Parlamente, in denen sie sitzen, vorführen und lächerlich machen, dann ist das der Versuch, die Demokratie von innen zu zerstören.“ Das Wort Thüringen fällt nicht, aber der Bezug ist klar.

Draußen auf dem Altmarkt kommen solche Worte nicht bei allen gut an. „Das gehört sich nicht“, sagt Stephan Rose, Ur-Dresdner, 39 und im Kreisvorstand der AfD, die hier einen Infostand und drei riesige schwarzweiße Fotowände aufgebaut hat, die die Leichenberge von Dresden zeigen. „Sehen Sie sich doch all die offiziellen Veranstaltungen heute an“, sagt Rose. „Da wird das Gedenken immer mit Tagespolitik vermischt und politisch gedeutet.“ Der Rede des Bundespräsidenten war die AfD deshalb ferngeblieben. An ihrem Infostand fordert sie „eine zentrale Gedenkveranstaltung unabhängig von Tagespolitik und politischer Ansicht“.

Der Oberbürgermeister von Dresden, Dirk Hilbert (FDP), war bereits am Morgen hier, ehe die AfD da war, um an der bestehenden kleinen Gedenkstätte für die Verbrannten Blumen niederzulegen. Der FDP-Mann Hilbert gewann 2015 die Stichwahl als konservativer Kandidat, unterstützt auch von CDU und AfD. Trotzdem musste seine Familie vor zwei Jahren unter Polizeischutz gestellt werden, weil er Hetze und Morddrohungen auf sich gezogen hatte mit dem Satz: „Es gibt immer noch Versuche, die Geschichte umzudeuten und Dresden in einem Opfermythos dastehen zu lassen. Dresden war keine unschuldige Stadt.“ Auch an diesem Morgen sagt er: „Dresden darf keine Bühne bieten für Ewiggestrige und Geschichtsleugner.“

So deutlich hat man das aus dem Rathaus früher nicht gehört. Und Dresden hat inzwischen auch Wege gefunden, das Gedenken nicht den Neonazis zu überlassen. Vor zehn Jahren kam die „AG 13. Februar“ darauf, eine Menschenkette um die Innenstadt zu bilden. Zunächst, um den Nazis den Weg zu versperren – inzwischen, um ein Signal von Zusammenhalt und Vielfalt zu senden. An diesem Donnerstagabend schließt sich die Kette aus mehr als 10 000 Menschen durch einen Handschlag von Steinmeier.

Zwei Tage später folgt dann der Aufmarsch der Neonazis: Die alljährliche Demonstration ist für den Samstag angemeldet, selbstredend wird auch bereits für die Gegendemo mobilisiert. Und am Montag hat sich Björn Höcke zur Pegida-Demo angekündigt. Der Osten bleibt aufgewühlt, Dresden hat seinen Frieden mit der Geschichte längst nicht gemacht.

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