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Das Ponte-Haus ist mit 173 Metern höchste Wohngebäude auf der südlichen Erdhalbkugel - und steht in einem Viertel mit miserablem Ruf.

Steinmeier in Südafrika

Ein unerwarteter Gast in Hillbrow

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"Er ist der erste Politiker von Rang und Würde, der sich zu uns wagt." Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier besucht auf seiner Südafrika-Reise das Johannesburger Ponte-Haus.

Nickolas Bauer fühlt sich zuweilen etwas abgeschnitten. Wenn der Fernsehjournalist Gäste einlädt, hagelt es spätestens bei der Nennung seiner Adresse an Absagen. Die einen müssen plötzlich verreisen, andere haben partout keinen Babysitter gefunden, wieder andere wurden von einer akuten Familienkrise überrascht. Dass sie sich nicht zutrauen, Bauers Wohnung im Johannesburger Ponte-Haus zu finden, kann nicht der Grund der massenhaften Körbe sein, denn das 54-stöckige Gebäude kennt hier jeder, es ist auch von fast allen Ecken und Enden der acht Millionen Menschen zählenden Metropole zu sehen. Das mit 173 Metern höchste Wohngebäude auf der südlichen Erdhalbkugel ragt wie ein ausgestreckter Mittelfinger aus der Skyline der Stadt des Goldes. Ein Wahrzeichen, das bereits in zahllosen Reportagen, in Spielfilmen und Romanen die bedrohliche Kulisse für schaurige Geschichten abgab.

Der wahre Grund für die chronischen Absagen von Bauers Gästen: Sie haben Angst. Das Ponte steht in Hillbrow, einem Stadtteil, den ehrbare Bürger wie der Teufel das Weihwasser meiden. Hier werden auf offener Straße Drogen verkauft, Sex wird für wenig Geld in schmierigen Etablissements angeboten und Jahr für Jahr werden 70 von 100.000 Menschen umgebracht – eine Quote, welche die deutsche um das Hundertfache übersteigt. 

Steinmeier-Besuch überrascht  

Umso verblüffter war Nickolaus Bauer, als sich kürzlich ein Besucher ankündigte, den er zu allerletzt in seinem Milieu erwartet hätte: Seine Exzellenz, Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, der Südafrika derzeit einen Besuch abstattet. Dermaßen heikel ist dessen Visite im Ponte, dass Journalist Bauer dem deutschen Sicherheitsteam versprechen musste, kein Wort über Steinmeiers Besuch nach außen zu tragen. Um den Präsidenten sicher ins Wahrzeichen schleusen zu können, musste sogar der längst abgesperrte einstige Hauptzugang zu dem berüchtigten Gebäude vorübergehend wieder zugänglich gemacht werden. „Und wozu das alles?“, fragt Ponte-Manager Glenn Kraut ziemlich verwirrt.

An der gestalterischen Qualität des Wohnturms kann das Interesse des hohen Besuchers nicht liegen. Es ist ein architektonisches Monstrum, dessen raue Betonfassade dem „Brutalismus“ zugerechnet wird. Wer sich dem bedrohlichen Moloch trotzdem zu nähern wagt und auch noch die strenge Sicherheitskontrolle ins Innere überwindet, stößt auf Pontes verborgenes Kuriosum. Der Wohnturm ist innen hohl – von seinem in den nackten Fels gesprengten Fundament kann man wie durch ein riesiges, senkrecht gestelltes Kanonenrohr in den Himmel schauen. Und ganz oben, wo sich das Gebäude mit der Unendlichkeit vereint, lebt Nickolas Bauer.

Topografie einer aufgewühlten Stadt 

Bundespräsident Steinmeier wird es dort oben, im 54. Stock, vermutlich erst einmal die Sprache verschlagen. Der Blick über die hügelige Goldgräberstadt hinweg ist atemberaubend. Das Beste, was Afrika südlich der Sahara an urbanen Einblicken zu bieten hat. Neben Abraumhalden aus dem Goldbergbau, Industrievierteln und Slums sind auch die grünen Villenviertel der einst ausschließlich weißen Südafrikaner zu sehen. Topografie einer aufgewühlten Stadt, die auch heute noch – 130 Jahre nach ihrer Gründung und ein Vierteljahrhundert nach dem Ende der Apartheid – zu den ungerechtesten Orten dieser Welt zählt. Hätte der Bundespräsident genügend Zeit, hier könnte er bestens über den Kolonialismus und seine grüne Fassade, über die Ausbeutung der Natur und den Menschen als Wolf des Menschen sinnieren.

Aber nicht nur der Blick nach außen hat es in sich. Auch was Nickolas Bauer dem Bundespräsidenten über das Gebäude selbst erzählen wird, kann manche trockene Lektion in Geschichte und Geographie ersetzen. Die Wurzeln des Wohnturms reichen einerseits in eine finstere Zeit zurück und breiten sich inzwischen außerdem über den gesamten Kontinent aus. Weit mehr als die Hälfte der derzeit rund dreitausend Ponte-Bewohner kommen aus anderen Ländern Afrikas – vor allem aus Simbabwe und dem frankophonen Kongo, aus dem portugiesisch sprachigen Mosambik oder aus Kamerun. Studenten, Immigranten, Menschen, die am Kap ihre Hoffnung festgemacht haben. Biblisch fundierte Südafrikaner nennen das Ponte den „Turmbau zu Babel“. Wer sich seiner Sprache und seinen Gewohnheiten folgend abgrenzen zu müssen meint, hat hier nichts verloren. Noch immer unter den Moloch-Bewohnern sind auch ein knappes Dutzend Weiße. 

Ehemals ein begehrtes Quartier für Weiße  

Das war nach der Fertigstellung des Monstrums Mitte der 70er Jahre noch anders. Damals, im Zenit der Apartheid, stand das futuristische Projekt – wie der Stadtteil Hillbrow und Johannesburg überhaupt – als Wohnort ausschließlich Weißen zur Verfügung. Dunkelhäutige Einheimische durften hier zwar arbeiten, mussten sich zum Schlafen jedoch in Townships wie Soweto zurückziehen, während das Pontes vor allem von jungen Weißen und europäischen Einwanderern in Beschlag genommen wurde. Die 486 Appartements des Wohnturms waren ständig ausgebucht. Selbst die sechs dreistöckigen Penthäuser mit ihrem Weinkeller, der Sauna, den vier Schlafzimmern und dem Grillplatz auf dem Dach. Der hippe Tower verfügte über Tennisplätze, einen Swimmingpool, ein eigenes Einkaufszentrum und eine Kegelbahn – wer hier wohnte, war noch cooler als Hillbrow selbst, mit seinen Cafés, seinen Nachtclubs und den flanierenden Bohemiens. Das Ponte sei „der Himmel auf Erden“, titelte damals eine Zeitung.

Doch der „Honey Moon“ währte nicht lange. Wenige Monate nach der Fertigstellung des Renommierobjekts wurde das Land im Juni 1976 vom Schüleraufstand in Soweto erschüttert. Die weiße Herrschaft befand sich seitdem in der Defensive. Zunehmender Druck aus dem In- und Ausland zwang die Rassentrenner zu Zugeständnissen. Als erster Johannesburger Stadtteil wurde das Immigrantenparadies Hillbrow stillschweigend auch für Dunkelhäutige geöffnet, europäische Einwanderer wagten sich ohnehin nur noch wenige ins erschütterte Land. Hillbrow wurde erst zur „grey area“, zum Graugebiet. Heute sieht man hier fast keinen hellhäutigen Menschen mehr. 

„Es war die Hölle“ 

Mit dem Ergrauen des Stadtviertels war ein steiler sozialer Abstieg verbunden. Die Stadtwerke kümmerten sich immer weniger um das Schmuddel-Arrondissement, die Müllabfuhr blieb immer häufiger aus, die Polizei wagte sich immer seltener in das raue Terrain, die Besitzer renovierten ihre Appartementblocks nicht mehr. Im Ponte gingen die Bewohner dazu über, ihren Müll statt in die Tonne ins Kanonenrohr zu werfen. Bald hatte sich der hohle Kern des Turms bis in den dritten Stock mit stinkendem Abfall gefüllt. Die Belegschaft wurde immer ärmer und zahlreicher. Als Luba Siparty nach der großen politischen Wende 1994 ins Ponte einzog, hausten in manchen Einzimmerwohnungen bis zu 20 Menschen – statt wie geplant 3500 hatte das Gebäude 10 000 Bewohner. „Es war die Hölle“, sagt der Veteran.

Nigerianische Vormieter hätten in seinem Dreizimmer-Appartement im 43. Stock die Teppiche aufgeschlitzt, um unter ihnen ihre heiße Ware, Kokain, zu verstecken, sagt Siparty. Im elften und zwölften Stock hatten sich gleich mehrere Bordelle eingenistet. Man könne im Ponte innerhalb von fünf Minuten einen Schuss Heroin, einen gefälschten Pass oder einen Revolver erstehen, schrieb ein Reporter damals beunruhigt. Die acht Aufzüge des Turms waren so gut wie immer kaputt. Wer in den 54. Stock gelangen wollte, musste 848 Stufen erklimmen. Der Rekord für einen Ponte-Aufstieg lag bei fünf Minuten und 19 Sekunden. Kein Wunder, dass sich Ordnungshüter höchstens einmal im Schaltjahr in das Gebäude wagten, und wenn, dann gleich mit einer halben Hundertschaft. Das Ponte galt als gefährlichster Ort des Landes, als erster „vertikaler Slum“ der Welt. 

Fast keine Mieteinnahmen 

Kaum einer der Bewohner des Turms zahlte damals noch Miete. Der Eigentümer, die Kempston-Gruppe, nahm praktisch nur noch die 50 000 Rand (damals rund 20 000 Euro) des Mobilfunkgiganten Vodacom ein, der auf der Spitze des Mittelfingers eine riesige, weit ins Land strahlende, rote Leuchtreklame angebracht hatte. Die Jugendorganisation des regierenden Afrikanischen Nationalkongresses (ANC) schlug vor, den Turm in ein Gefängnis zu verwandeln. „Die Gangster sind ja schon drin“, vermerkten Spötter. „Keiner ging damals noch davon aus, dass das Ponte überleben würde“, erinnert sich Siparty. 

Dann kam, mit dem Jahr 2010, die Fußball-WM. Von den nach Osten ausgerichteten Appartements des Turms kann man direkt ins Ellis-Park-Stadion schauen, wo außer mehreren Vorrunde-Spielen auch ein Viertelfinale ausgetragen wurde. Grund zur Hoffnung, dass im Zug des Großereignisses auch Hillbrow aufgewertet würde. Die Johannesburger Entwicklungsagentur JDA wollte 900 Millionen Rand (weit über 100 Millionen Euro) in den Stadtteil investieren. Zwei risikofreudige Investoren kauften Kempston seine in den Himmel ragende Bürde ab, sie wollten den Mietsturm in luxuriöse Eigentumswohnungen verwandeln. Ihr Kalkül ging allerdings spektakulär schief: Sie verkauften – auch wegen der Weltwirtschaftskrise, die selbst die hochfliegenden Pläne der Stadtväter wieder zunichte machte – nicht einmal eine einzige Wohnung. 

Strenge Sicherheitsmaßnahmen 

Kempston holte sich seinen Leuchtturm wieder zurück – und zog als Lehre aus ihrem einstigen Scheitern das Primat der strikten Kontrolle über das Massenquartier. Die Firma brachte biometrisch gesteuerte Schleusen am Eingang an, regelte den Besuchsverkehr und stellte einen Ex-Polizisten als Manager ein: „Ich habe in kürzester Zeit für Ordnung gesorgt“, brüstete sich Danie Celliers damals. Sein Nachfolger, ein ehemaliger Wildpark-Manager, hatte sich sogar zur Aufgabe gesetzt, seinen schwarzen Klienten das Wohnen in einem Appartementhaus zu lehren. „Die leben ja sonst auf dem Land mit ihren Tieren“, meinte Jaap Breedt: „Denen muss man das Leben in einem Wolkenkratzer ja erst einmal beibringen.“

Auch Glenn Kraut, der das Ponte heute schon wesentlich gelassener managt, ist von der Notwendigkeit eines strikten Regimes überzeugt, soll der Ruf des Wohnturms wieder aufgemöbelt werden. Wer dreimal seine Miete nicht bezahlt, fliegt raus, wer Müll zum Fenster rausschmeißt, wird angezeigt, wer Besuch haben will, muss diesen an der Schranke abholen und im Fall einer Übernachtung seine Daten angeben. Tut er das nicht, muss er eine Geldbuße bezahlen. Kraut prüft jeden Mietswunsch eingehend auf die Finanzkraft des Antragstellers. Wer mit einem Monatsgehalt von 6000 Rand eine 5000 Rand teure Wohnung mieten will, braucht gar nicht erst anzutreten. Für den Manager zahlt sich die eiserne Hand auch wirtschaftlich aus. Das inzwischen vom Kopf bis Fuß renovierte Ponte hat eine Belegrate von fast 90 Prozent, bis zur Rezession in diesem Jahr gab es sogar eine Warteliste. Was sich Kraut allerdings wünscht: Dass wieder mehr Mieter aus dem Mittelstand, Lehrer, Anwälte oder Bankangestellte einziehen.

Wenn Nickolas Bauer während des Ponte-Besuchs des Bundespräsidenten (zu dem andere Journalisten allein schon aus Platzgründen nicht zugelassen sind) noch etwas Zeit bleibt, wird er ihm auch sein Projekt „Dlala Nje“ vorstellen, mit dem der Johannesburger Reporter sowohl die Lebensqualität wie die Reputation des Turms verbessern will. Im Erdgeschoss steht Schlüsselkindern am Nachmittag eine Krippe offen, Gästetouren sollen das vertikale Ghetto mit der Welt verbinden, über „Air B&B“ werden bald auch Touristen den einzigartigen Flair des Symbolgebäudes kennenlernen können, in Bauers Club im 54. Stock gibt es gelegentlich Weinproben und politische Debatten. „Wir erleben hier phantastische Veränderungen“, schwärmt der Fernsehjournalist: Gewiss werde auch Steinmeier in dem afrikanischen Schmelztiegel eine „prima Zeit“ verbringen.

Selbst Glenn Kraut hat seine Skepsis inzwischen aufgegeben. „Vielleicht kann euer Präsident hier ja doch eine Menge lernen“, sinniert der Moloch-Manager mit deutschem Vater. „Und so gesehen: Hut ab! Er ist der erste Politiker von Rang und Würde, der sich überhaupt zu uns wagt.“

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