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Unerwartete Todesnachricht

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Von: Johannes Dieterich

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Ein Sambier erfährt, dass sein Sohn für die Russen gekämpft hat - und gefallen ist.

Edwin Nyirenda wollte seinen Augen nicht trauen. Vor einigen Tagen erreichte den Sambier eine Nachricht aus Moskau, wonach sein 23-jähriger Sohn Lemekhani an der russischen Front in Ukraine gefallen sei. Dass Lemekhani in der russischen Armee gekämpft hatte, war seinem Vater genauso wenig bekannt wie der Absender der Todesnachricht: Der Sohn habe ein Testament hinterlassen, hieß es darin weiter: Edwin solle zur Entgegennahme des Leichnams so schnell wie möglich nach Russland kommen, so die Aufforderung in der Nachricht.

Lemekhani war am Institut für Nuklearforschung in Moskau eingeschrieben: Der begabte Student hatte ein Stipendium der Regierung des Staates im südlichen Afrika erhalten. Die erste Schock-Nachricht hatte seine Familie bereits im April vor zwei Jahren erreicht, als sie erfahren musste, dass Lemekhani wegen angeblichen Rauschgiftbesitzes im Tyer-Gefängnis in einem Moskauer Vorort einsaß. Der Schilderung seines Vaters zufolge hatte sich Lemekhani noch ein Zubrot als Kurier verdient. Dabei habe die Polizei ein Päckchen mit Rauschgift bei ihm sichergestellt, dessen Absender der Student nicht zuordnen konnte. Das Urteil: neuneinhalb Jahre Haft in dem russischen Gefängnis.

Alles Weitere sind bislang nur vage Indizien. Anfang September suchte Russlands Präsident Wladimir Putin sein ausbleibendes Heil an der Front durch eine Teilmobilmachung wett zu machen: Hunderttausende von Reservisten wurden in die Armee eingezogen.

Als Häftling rekrutiert?

Jewgeni Prigoschin, der Finanzier der berüchtigten Söldnertruppe Wagner, soll sich in mehrere Gefängnisse des Landes begeben haben, um Häftlingen Straffreiheit zuzusprechen, die sich der Armee anschlossen. „Ich kann euch lebend aus dem Gefängnis – aber nicht unbedingt auch lebend nach Hause bringen“, ist Prigoschin auf einem heimlich aufgenommenen Video zu hören, das seitdem im Internet kursiert. Vermutlich hat Lemekhani Nyirenda das Angebot von „Putins Koch“ angenommen: Das nächste, was man von dem Studenten der Nukleartechnik weiß, ist, dass er bereits im September an der Front in der Ukraine starb. Bis sich sein Tod schließlich zu seinen Eltern durchsprach, vergingen mehr als sechs Wochen.

Wie in zahlreichen anderen Staaten der Welt können auch nicht-russische Staatsbürger der russischen Armee beitreten. Die Soldaten der Fremdenlegion sind nicht unbedingt Franzosen, und die Gurkhas der britischen Streitkräfte stammen mehrheitlich aus Nepal. Selbst die Bundeswehr will sich für nicht-deutsche Europäer:innen in Berufssparten öffnen, die wie Ärzt:innen schwer zu besetzen sind.

Auch in der ukrainischen Armee kämpfen dem Vernehmen nach zahlreiche ausländische Staatsbürger mit. Ob sich außer Lemekhani noch andere Menschen aus afrikanischen Ländern mehr oder weniger freiwillig der russischen Armee anschlossen, ist indessen nicht bekannt.

Forderungen an Moskau

Genauso wenig weiß man bislang über die genauen Umstände des Todes des sambischen Studenten. Sambias Außenminister Stanley Kakubo äußerte sich am vergangenen Montag in der Hauptstadt Lusaka vor der Presse „tief betrübt“ über das Schicksal des 23-Jährigen: „Ich stehe mit der Familie in ständigem persönlichem Kontakt.“

Der Minister forderte Moskau und den Kreml auf, mehr Licht in die Umstände des Todes Lemekhanis zu bringen. Sein Leichnam soll inzwischen in die südrussische Stadt Rostov-on-Don überführt worden sein. Von dort will ihn sein Vater so schnell wie möglich nach Hause, nach Sambia, holen.

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