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Sozialdemokrat mit klarem Kompass: Erhard Eppler.

Erhard Eppler

Unermüdlicher Mahner in der SPD

Der SPD-Politiker Erhard Eppler ist im Alter von 92 Jahren gestorben. Seine klare Haltung bescherte ihm viele Anhänger in seiner Partei - aber auch Kritik.

Erhard Eppler, der am Samstag mit 92 Jahren in Schwäbisch Hall starb, war wohl der einflussreichste Machtlose in der deutschen Nachkriegspolitik. Zwar war er immerhin sechs Jahre lang Entwicklungshilfeminister unter Kiesinger, Brandt und Schmidt und danach fast ein Jahrzehnt die Nummer eins der SPD in Baden-Württemberg. Das aber zählte wenig im Vergleich zu der Rolle, die er nach der Alltagspolitik spielte: als unermüdlicher Warner vor Rüstungswahnsinn, Marktradikalismus, Naturvergessenheit und einem Lebensstil, den sich zwar befristet viele Einzelne leisten können, nicht aber ganze Kontinente auf Dauer.

Wird heute das Elend der SPD beschrieben, ertönt regelmäßig das Klagelied, die Leute wüssten nicht mehr so recht, wofür die älteste deutsche Partei eigentlich steht. Hätte sie in den vergangenen Jahrzehnten mehr gehört auf den protestantischen Ex-Studienrat, wäre ihr das eher nicht passiert. „Die Richtung muss erkennbar sein“, das war einer der Merksätze, mit denen Eppler die Sozialdemokratie im laut Ralf Dahrendorf post-sozialdemokratischen Zeitalter vor dem Abrutschen in programmatische Beliebigkeit bewahren wollte. Seine eigene Richtung war jedenfalls immer erkennbar, ob bei seinem Nein zur Kernkraft oder zur Dominanz kurzsichtigen Profitdenkens im Umgang mit der Dritten Welt.

Erhard Eppler: Zehntausende blieben seinetwegen der SPD treu

Kritik an dem unbequemen Mahner war deshalb kein Alleinstellungsmerkmal bürgerlicher und reaktionärer Politiker und Medien. Andererseits blieben Zehntausende seinetwegen der SPD treu, anstatt sich in den 80er und 90er Jahren den Grünen zuzuwenden. Epplers Scharfsinn, Bildung und eine herausragende Sprachbeherrschung machten ihn haushoch überlegen gegenüber so vielen, die den weltkundigen Moralisten als naiven Weltverbesserungszausel hinstellen wollten.

Große Genugtuung dürfte es Eppler vor diesem Hintergrund verschafft haben, dass der Deutsche Bundestag ihn einlud, 1989 die Gedenkrede zum 17. Juni 1953 zu halten – umso mehr, als alle dort vertretenen Parteien ihn nachher mit Lobreden überschütteten. Es war ja nicht so, dass Eppler frei von Eitelkeit gewesen wäre.

Eppler verstand nicht wenig von handfester Politik, und entgegen seinem Ruf war ihm machtpolitisches Kalkül keineswegs unvertraut: Die SPD-Landtagsfraktion beispielsweise, in der kaum mehr als eine Handvoll Gefolgsleute saßen und umso mehr skeptisch Abwartende, ächzte seinerzeit erheblich unter seinem gestrengen Regiment. Der nur scheinbar realitätsferne Theoretiker rettete ganz praktisch einem gewissen Gerhard Schröder die Mehrheit auf zwei Bundesparteitagen: als es um deutsche Soldaten im Balkankrieg ging und später um die Agenda 2010. Viele Anhänger hat dies irritiert oder gar abtrünnig werden lassen. Andere registrierten verwundert die Nachsicht, mit der Eppler in den letzten Jahren Wladimir Putin begegnete – aus Empathie für Russland und tiefsitzender Skepsis gegenüber den USA.

Oft wurde der langjährige EKD-Kirchentagspräsident als „Visionär“ gerühmt. Der Begriff ist schon deshalb problematisch, weil der vierfache Vater mitnichten immer nur ein rigoroser Idealist war. Das zeigt ein Satz wie „Wo Menschen um ihre Existenz bangen, ist ihnen mit Grundsätzen nicht zu helfen.“ Zudem verschiebt das Wort das, was heute und morgen getan werden könnte und müsste, nur allzu oft ohne Not in ferne Zukunft. Erhard Eppler wusste das, und er jedenfalls hat dem, was uns heute droht, nach Kräften widerstanden.

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