Leichtes Spiel für das Virus: Vielerorts leben die Menschen eng beieinander – und getestet wird nach wie vor relativ wenig.
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Leichtes Spiel für das Virus: Vielerorts leben die Menschen eng beieinander – und getestet wird nach wie vor relativ wenig.

Indien

Unermüdlich in Slums unterwegs

  • vonAgnes Tandler
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Von Tür zu Tür durch Indiens Armenviertel: Die riskante Arbeit der Gesundheitspflegerinnen.

Die Corona-Krise hat den Alltag von Kundan drastisch verändert: „Wir gehen jeden Tag raus, um den Überblick über alle Haushalte zu behalten“, erzählt die 49-Jährige dem „Indian Express“. Ihre Arbeit im VP Singh Camp, einem Slum am südlichen Rand von Indiens Hauptstadt Neu-Delhi, ist alles andere als einfach. Zwischen Schnellstraße, Eisenbahnlinie, Container-Depot, einer Müllhalde und einer stillgelegten Zementfabrik leben etwa 10 000 Menschen dichtgedrängt in einfachen Behausungen. Die Familien sind groß, Platz und sanititäre Einrichtungen sind kaum vorhanden.

Kundan geht von Tür zu Tür. Sie fragt nach, ob Bewohner irgendwelche Corona-Symptome haben, bereitet Unterlagen für Tests vor und schaut nach den Quarantäne-Fällen. Dafür verdient sie 3000 Rupien (etwa 36 Euro) im Monat. Kundan trägt zwar Maske und Handschuhe, doch die Qualität ist mangelhaft. Eine ihrer Kolleginnen steckte sich Anfang Juni an. Sie werde nun gemieden, obwohl sie inzwischen wieder gesund sei, sagt Kundan. Sie und viele andere Gesundheitspflegerinnen kämpfen jeden Tag gegen Stigma und Vorurteile. Manchmal werde ihr einfach nicht geöffnet, wenn sie an die Tür klopfe, sagt sie. Und wer positiv getestet wurde, wolle oft nicht, dass es jemand erfahre. Wer Symptome habe, verstecke sich lieber vor ihr und den Frauen vom staatlichen Gesundheitsdienst.

Indien hat um die 900 000 Gesundheitspflegerinnen,“Accredited Social Health Activists“ (Asha), alles Frauen zwischen 25 und 50 Jahren. Sie unterstehen dem indischen Gesundheitsministerium und erhalten für ihre Dienste je nach Region zwischen 2000 und 10 000 Rupien (zwischen 24 und 120 Euro) im Monat. Die Bezahlung ist oftmals sehr schleppend. Im Januar traten die 42 000 Pflegerinnen im Bundesstaat Karnataka in einen Streik, nachdem sie 15 Monate lang kein Gehalt ausgezahlt bekommen hatten. Am Freitag traten die Asha-Pflegerinnen in Karnataka in einen unbefristeten Streik, um bessere Gehälter und Schutzkleidung durchzusetzen.

„Manche Männer fragen, warum sie auf eine Frau hören sollen“

In normalen Zeiten bedeutet der Job der Asha, Eisentabletten zu verteilen, Tuberkulose-Patienten zu besuchen und Impfkalender für Kinder zu kontrollieren. In der Pandemie besuchen die Frauen im Schnitt 25 Haushalte am Tag. Das ist riskant: 20 Asha-Mitarbeiterinnen sind bereits an den Folgen einer Covid-19-Erkrankung gestorben. Auch gibt es immer wieder Angriffe auf die Gesundheitspflegerinnen. In Kozhikode im Süden beschädigte eine Gruppe verärgerter Männer den Motorroller einer Pflegerin, nachdem sie von ihr gebeten worden waren, sich während des Lockdowns nicht zu versammeln. „Manche Männer fragen, warum sie auf eine Frau hören sollen“, klagt P.P. Prema, eine Asha-Pflegerin aus Kerala der Zeitung „The Hindu“ ihr Leid.

Von der Regierung wird die Arbeit der Frauen immer wieder gelobt. „Die Asha-Arbeiterinnen haben eine ausgezeichneten Job als Corona-Kämpferinnen gemacht“, sagte der Gesundheitsminister des Bundesstaates Karnataka kürzlich.

Indien registrierte am Sonntag 849 553 Infektionen und 22 674 Todesfälle – bei 28 637 Neu-Infektionen innerhalb von 24 Stunden. Bei der Zahl der Ansteckungen liegt das südasiatische Land weltweit auf dem dritten Platz nach den USA und Brasilien. Mit 7400 Test pro eine Million Einwohner testet Indien relativ wenig. Die Zahl der Infektionen dürfte also in Wirklichkeit höher sein.

Indien hatte im März überraschend eine strikte Ausgangssperre für das gesamte Land erlassen. Im Juni wurden trotz steigender Infektionszahlen die Beschränkungen schrittweise gelockert, um die Wirtschaft wieder zu beleben. Kritiker wenden ein, der harte Lockdown habe der Wirtschaft geschadet, aber der Verbreitung des Virus wenig entgegengesetzt. Das Land habe die Zeit der Ausgangssperre nicht genutzt, um Kliniken, Krankenhäuser und Testkapazitäten auszubauen. Schlampige Nachverfolgung von Corona-Fällen durch die Behörden, mangelnde Schutzkleidung für Klinikpersonal und die teilweise Weigerung von Krankenhäusern, Corona-Patienten aufzunehmen, haben Indiens Ansteckungsraten in die Höhe schnellen lassen.

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