+
PTM-Anhänger und -Aktivisten in Karatschi vor dem Beginn einer Demo.

Pakistan

Der unerhörte Traum der Paschtunen

  • schließen

In Pakistan kämpft eine Graswurzelbewegung mit gewaltlosen Mitteln für die Gleichberechtigung der Bewohner von Waziristan.

Der junge Paschtune, der Pakistans Generälen das Fürchten lehrt, springt im strömenden Regen aus dem Auto. Die schummrige Stimmung samt einiger Gestalten, die sich in dunklen Ecken des Markaz, des Marktes im Sektor E 11 von Islamabad herumdrücken, scheinen den erst 24 Jahre alten Mansur Pashteen ebenso kaltzulassen wie die Gefahren, die in dem von fanatischer Gewalt geplagten Land überall lauern können. „Manchmal schlafe ich hier“, sagt Pashteen, als er sich erschöpft auf ein Sitzkissen, die einzige Einrichtung einer ansonsten leeren Wohnung im fünften Stock eines Gebäudes, fallen lässt. Leutselig legt er seine Hand auf die Schulter des Besuchers und fügt hinzu: „Ich bleibe nie lange an einem Platz.“

Dabei verlangt der junge Veterinär aus dem Ort Dera Ismael Khan in Pakistans verrufener Region Waziristan, der seit seinem Examen vor zwei Jahren noch kein einziges Tier behandelt hat, mit seiner Bewegung Pashtun Tahaffuz Movement (PTM) eine Selbstverständlichkeit: „Wir wollen nur, dass Pakistans Verfassung für uns gilt. Wir Paschtunen müssen gleiche Rechte wie alle Pakistaner haben.“

Das pakistanische Parlament hat gerade ein Gesetz verabschiedet, wonach die lange als unregierbar verschriene Stammesregion entlang der Grenze zu Afghanistan, als Verwaltungseinheit aufgelöst und in den Rest des Landes eingegliedert wird. Doch das reicht Pashteen und seinen Mitstreitern nicht. Wortreich und mit ausladenden Gesten schildert der frühere Studentenführer die Missstände in seiner Heimat: „14 000 unserer Ältesten sind während der vergangenen Jahre ums Leben gekommen oder spurlos verschwunden. Wir wollen wissen, wer verantwortlich ist. Wir wollen endlich Gerechtigkeit.“ Dabei bleibt Pashteens Mazari-Kappe stets fest auf dem dunkelgelockten Haupt. Die traditionelle Kopfbedeckung aus rauem, für Teppiche benutztem Stoff, benannt nach der afghanischen Stadt Mazar-i-Sharif, ist längst so populär, dass Händler im Basar von Peschawar kaum Nachschub heranschaffen können. Niemand fragt nach „Mazari“ – alle wollen nun eine „Pashteen“-Kappe.

Seit vier Jahren kämpft Pashteen mit seiner PTM für die Rechte der Paschtunen. Nationale Bedeutung erlangten sie erst, als der Tierarzt sich mit einigen Getreuen im März auf den Weg in die Hauptstadt machte. Er rief zu einem langen Marsch auf und plötzlich fand Pashteen sich an der Spitze einer Protestbewegung mit Tausenden von Anhängern wieder. „Ich konnte es nicht glauben. Auf einmal folgten uns so viele Autos zu dem geplanten Sit-in in der Hauptstadt.“

Auslöser des Protests war der Mord an dem jungen Paschtunen Naqibullah Mehsud in der Wirtschaftsmetropole Karatschi. Sein offensichtlicher Mörder, der Polizeibeamte Rao Anwar behauptet bis heute, der aufstrebende Geschäftsmann sei ein verkappter Taliban-Anhänger gewesen. Der Polizist gilt Eingeweihten schon lange als Auftragskiller der Sicherheitskräfte. Vor Mehsud setzten seine Auftraggeber ihn auf Gangsterbosse in Karatschi an, um langwierige Gerichtsprozesse zu umgehen.

„Paschtunen werden überall außerhalb des Grenzgebiets diskriminiert oder drangsaliert“, sagt ein erfahrener Journalist in Karatschi. Das weltweit bekannte Klischee des wilden Stammeskriegers mit langem Bart, noch längeren Haaren, den Ehrenkodex Paschtuwali im Kopf, den Koran in der Rechten und eine durchgeladene Kalaschnikow in der Linken gilt auch in Pakistan.

Dabei blicken die Paschtunen auf eine lange Tradition der Gewaltlosigkeit zurück. Bacha Khan, einst Weggefährte von Mahatma Gandhi, verbrachte nach Pakistans Gründung mehr Zeit hinter Gittern als zuvor unter britischer Kolonialherrschaft. Aber er kämpfte zum Ärger der Generäle gewaltlos für Waziristans Eigenständigkeit. Aber „viele Paschtunen kennen den Namen Bacha Khan nicht, weil der im Lehrplan der Schulen nicht erwähnt wird“, weiß PTM-Chef Paschteen.

Auf die Frage, ob er den Fußstapfen des legendären Paschtunen-Führers der Gewaltlosigkeit folge, antwortet Pashteen ausweichend: „Für manche Leute bin ich Bacha Khan. Andere betrachten mich als Che Guevara. Ich bin einfach Mansur Pashteen.“

Sein eigentlich bescheidener Traum von einem Pakistan, in dem Paschtunen nicht mehr durch Gesetze aus der Kolonialzeit oder durch Verordnungen der Behörden gegenüber ihren Landsleuten benachteiligt werden, sendet Schockwellen durch die Ränge der mächtigen Generäle des Landes und der politischen Parteien.

Der Militärgeheimdienst ISI verschickte vor einigen Wochen eigens ein Schreiben mit Thementabus an die privaten Fernsehsender und Zeitungen. Die „Zehn Gebote der Militärs“, die auch der FR vorliegen, verbieten den Medien alle Kritik an dem früheren Kricket-Weltstar Imran Khan und dessen Partei PTI. Auch jedwede Kritik an den Streitkräften ist Tabu. Und über die PTM wird auch kein Wort verloren.

„Die PTM ist im Augenblick unsere einzige Hoffnung“, sagt in Islamabads Stadtteil Aphara dagegen der Arzt Aurangsib Khan, der mit seinem Clan schon vor Jahren aus Waziristan floh. „Die einzige Hoffnung“ der Paschtunen in Pakistan scheint freilich eine Modeerscheinung, die im Vier-Jahres-Rhythmus der pakistanischen Wahlen wechselt. Vor zwölf Jahren war der Hoffnungsträger in Waziristan die islamistische Allianz MMA. Dann folgte die regionale „Awami National Party“. Bei der jüngsten Wahl holte der frühere Kricketstar Imran Khan mit seiner PTI die Mehrheit im Grenzgebiet.

Die PTM will zwar nicht bei den für den 25. Juli avisierten Parlamentswahlen antreten. Aber die etablierten Parteien fürchten, dass der Einfluss des jungen Tierarztes sie wichtige Stimmen kosten könnte – die Paschtunen stellen immerhin rund 15 Prozent der etwa 200 Millionen Pakistaner. Als Pashteen für den 12. Mai einen Teil seines „langen Marsches“ in Karatschi abhalten wollte, organisierten etablierte Parteien Gegendemonstrationen. Pashteen ließ sich nicht beirren – er verlegte seine Veranstaltung kurzerhand um einen Tag. Kein Problem für die Anhänger der PTM: Die Paschtunen gehören zu den eifrigsten Nutzer sozialer Medien in Pakistan.

Die Behörden rotierten und versuchten ihn an der Anreise nach Karatschi per Flugzeug zu hindern. Tausende PTM-Anhänger wurden an Straßensperren aufgehalten. Am Versammlungsort gab es plötzlich keinen Strom mehr – die vor Ort Versammelten erleuchteten die Szenerie prompt mit ihren Mobiltelefonen. Und Pashteen, der Karatschi auf dem Landweg erreicht hatte, scheute sich nicht vor einer deutlichen Botschaft an Islamabad: „Die Gerichte, das Parlament, sie alle sind vom Militär gefangen genommen worden. Das müssen wir beenden!“ Die Entgegnung der Generäle: Pashteen verfolge „einen Kurs ausländischer Mächte“. Mit der Formulierung sind gemeinhin Indien und Afghanistan gemeint.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion