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Unterstützer von Hillary Clinton besuchen eine Wahlkampfveranstaltung in Miami - verkleidet als Donald Trump und Hillary Clinton. Auch die echten Kandidaten werben derzeit in Florida um Stimmen.

Swing State Florida

Bei den Unentschiedenen

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Donald Trump oder Hillary Clinton? Die Wähler im Swing State Florida sind unberechenbar. Damir Fras war dort zu Besuch, wo sich die Vielfalt des Wahlvolks wie unter einem Brennglas betrachten lässt.

Wayne Liebnitzky steht in der prallen Sonne, wischt sich den Schweiß aus der Stirn und macht nebenher Faxen. „Gucken Sie mal“, sagt er und zieht behände eine Visitenkarte aus der Tasche. Sie ist beinahe so dick wie ein Bierdeckel, und das hat seinen Grund: „Die können Sie verwenden, wenn das Tischbein im Restaurant wackelt. Und dann können Sie sagen: Hey, das Dinner gestern Abend ging auf Wayne. Und mich kostet diese Werbung keinen Cent.“ Jetzt kichert Liebnitzky über seinen eigenen Scherz. Der hoch gewachsene Mann von 59 Jahren steht im Wahlkampf. Der Republikaner will bei der Wahl am 8. November ein Mandat für das Repräsentantenhaus in Washington erringen. Da muss der eine oder andere Witz doch möglich sein.

Ingenieur Liebnitzky, der früher bei der US-Marine diente, ist ein fröhlich-freundlicher Mensch. Er sagt, dass es auch in einem Wahlkampf immer respektvoll zugehen müsse, so gut das eben gehe: „Ich will mich nicht mit meinem Konkurrenten um des Streites willen streiten.“ Liebnitzky hofft, dass sich seine freundliche Art auszahlt und ihn die Wähler von Kissimmee in Florida demnächst nach Washington schicken. Er nimmt die schwarze Baseball-Mütze mit Veteranensymbol ab, streicht sich über sein graues Haar und sagt mit einem verschmitzten Lächeln auf dem Gesicht: „Ich bin nicht so reich wie Donald Trump, aber ich habe die bessere Frisur.“ Wieder lacht der Mann hell auf. Er ist Republikaner, aber mit dem bizarren Gebaren Trumps will er nichts zu tun haben.

Friedlich und gelassen läuft der Wahlkampf in Kissimmee. Hier geht es auch, wenn man so will, nur um ein einziges Abgeordnetenmandat. Eine Autostunde weiter im Westen ist es mit der Ruhe jäh vorbei. Dort geht es um die ungleich wichtigere Frage, wer demnächst Präsident der USA sein wird. Wie so oft in der Vergangenheit könnten die Wählerinnen und Wähler in dieser Region über Sieg oder Niederlage der Präsidentschaftskandidaten entscheiden.

Die US-Autobahn Nummer 4 führt von Daytona Beach am Atlantik an Orlando vorbei bis nach Tampa am Golf von Mexiko. Im sogenannten I-4-Korridor lässt sich die Vielfalt des US-amerikanischen Wahlvolks wie unter einem Brennglas betrachten. Auf einer Strecke von gerade einmal 230 Kilometern leben Weiße, Schwarze, Latinos, Reiche, Arme, Mittelstand, Unterschicht Demokraten und Republikaner eng nebeneinander.

Swing States werden im amerikanischen Politjargon jene Bundesstaaten genannt, deren Wähler unberechenbar sind, weil sie sich nicht auf den Kandidaten einer Partei festlegen lassen. Weil sie mal so, mal so wählen. Florida ist ein Swing State, und der I-4-Korridor ist gewissermaßen der Swing State innerhalb des Swing States. Wer ins Weiße Haus will, darf die Auffahrt auf die Autobahn Nummer 4 nicht verpassen. Entsprechend hektisch bemühen sich Hillary Clinton und Donald Trump in den letzten Tagen vor der Wahl am 8. November um die Gunst der Wählerinnen und Wähler.

In Tampa sind an diesem Tag die Wütenden versammelt. Donald Trump hält Hof. Tausende seiner Anhänger lassen sich im Freiluftheater auf dem Messegelände von dem Populisten aus New York in Wallung bringen. Es ist wie immer. Trump schimpft auf Hillary Clinton. Er sagt, sie könne es nicht. Er nennt sie korrupt und kriminell. Er brüllt, seine Anhänger brüllen zurück.

An der Treppe, die zu den Sitzplätzen hinaufführt, steht Cassie Syska. Sie ist eine 46 Jahre alte Frau mit rundlichem Gesicht. Eigentlich, erzählt sie, sei sie eine Anhängerin des Clinton-Konkurrenten Bernie Sanders gewesen. „Der hatte wenigstens eine Idee, was er machen will. Hillary Clinton ist viel zu sehr Teil des Systems.“ Aber Sanders ist in den Vorwahlen der Demokratin Clinton unterlegen, und Syska hat jetzt das Problem, dass sie nicht so recht weiß, wen sie wählen soll. Am Ende werde es vielleicht doch auf Trump hinauslaufen, sagt sie: „Der wird sich wenigstens darum kümmern, dass die Schulden weniger werden.“ Vielleicht werde sie aber auch gar nicht zur Wahl gehen.

Cassie Syska und ihre Freundin Sharlene Friday halten ein Schild mit der Aufschrift „Frauen für Trump“ hoch. Dass inzwischen mehr als zehn Frauen Trump vorwerfen, er habe sie sexuell belästigt, ist für Syska gar kein Problem. John F. Kennedy habe auch jede Woche eine andere Geliebte gehabt, sagt sie. Und das Video, in dem Trump damit prahlt, dass er jede Frau haben kann, weil er ein Star ist? Syska verzieht die Lippen und sagt: „Man darf einen Menschen nicht immer nur nach seiner Vergangenheit beurteilen. Menschen verändern sich.“ Sie wisse, wovon sie rede: „Ich bin mit elf Jahren von zu Hause weggelaufen und war viele Jahre lang Stripperin.“ Erst seit kurzer Zeit habe sie einen Job in einer Telemarketing-Firma.

Solche Verniedlichungen treiben Saul Senders, dem pensionierten Professor aus Pennsylvania, fast die Tränen der Verzweiflung in die Augen. Senders, 69 Jahre alt, lebt seit dreieinhalb Jahren in Orlando und geht dort regelmäßig in die Synagoge. Gleich beginnt im jüdischen Gemeindezentrum im Südwesten der Disney-Stadt Orlando eine Feierstunde. Doch Senders nimmt sich Zeit für mahnende Worte.

Er sagt, er könne es nicht fassen, dass so viele seiner Landsleute dem Populisten Trump aufgesessen seien. „Es macht mir Angst, wenn er sagt, dass er vielleicht das Ergebnis der Wahl gar nicht akzeptieren wird. Das geht nicht, nicht in den USA.“ Senders schüttelt den Kopf und sagt leise: „Meine Eltern haben den Holocaust überlebt. Ich weiß einfach nicht, warum dieser Hass wieder aufbricht. Trump jedenfalls hat den Hass gegen Andersdenkende und Menschen, die anders aussehen, wieder hoffähig gemacht. Er hat die Büchse der Pandora geöffnet.“ Senders und seine Frau sagen, ihre Stimmen gehörten Hillary Clinton. „Ich kann doch nicht für jemanden stimmen, der die schlimmste Seite meines Landes repräsentiert“, schimpft Marylin Senders.

Am Freitag wurde Präsident Barack Obama in Orlando erwartet. Dort sollte er am Abend eine Rede vor Anhängern Hillary Clintons halten. Obama sagt seit Wochen, Clinton sei die beste Kandidatin für seine Nachfolge. Trump dagegen sei schlichtweg fachlich und charakterlich ungeeignet, Präsident zu werden.

Ob die Wählerinnen und Wähler im I-4-Korridor sich von der Wahlkampfrede des ersten schwarzen Präsidenten in der Geschichte der USA beeindrucken lassen, ist noch nicht ausgemacht. In den Umfragen für Florida hat Clinton derzeit nur einen kleinen Vorsprung. Die Reise durch den I-4-Korridor ist wie eine Fahrt durch einen Graben, an dessen Rändern sich die Clinton-Anhänger und Trump-Anhänger feindselig gegenüber stehen. Egal, wie die Wahl ausgeht: Das wird so bleiben in den USA.

In den vergangenen Wochen hat Hillary Clinton gezielt um die Stimme einer immer stärker wachsenden Bevölkerungsgruppe in Florida geworben. Eine Wirtschaftskrise auf Puerto Rico hat dazu geführt, dass inzwischen Woche für Woche Hunderte von Bewohnern von der Karibikinsel nach Florida ziehen. Auf Puerto Rico dürfen sie den Präsidenten nicht wählen. Sobald sie allerdings auf dem US-Festland leben, sind sie wahlberechtigt. Und weil Donald Trump beständig Wahlkampf gegen Latinos macht, sie als Vergewaltiger und Drogenschmuggler bezeichnet, hofft das Clinton-Lager, die Puertoricaner auf seine Seite ziehen zu können. Die Latinos machen inzwischen 18 Prozent der Wahlberechtigten in Florida aus.

Bei Lizbeth Martell hat Clinton schon Erfolg gehabt. Die heute 43 Jahre alte Frau kam als Teenagerin mit ihrer Mutter aus Puerto Rico nach Kissimmee. Sie sitzt im Restaurant ihrer Mutter an einem Tisch, stochert im Essen und sagt: „Donald Trump ist ein Schwein. Die meisten Frauen aus Puerto Rico, die hier leben, hassen Donald Trump.“ Das ist eine bemerkenswert deutliche Ansprache der eigentlich sehr gelassen wirkenden Frau, die als Verwalterin einer Wohnanlage arbeitet und der Politik der Republikaner durchaus etwas abgewinnen kann. Einen Mindestlohn von 15 Dollar pro Stunde, wie ihn Clinton vorschlägt, findet Lizbeth Martell zum Beispiel unmöglich. Und auch die Sache mit der Krankenversicherung Obamas, die immer teurer werde, müsse schleunigst ein Ende haben, sagt die Frau.

Doch deswegen Trump zu wählen, das komme nicht in Frage. „Es ist doch total verrückt. Er soll endlich Pläne vorlegen und nicht nur immer behaupten: Ich kann es, ich kann es, glaubt mir nur. Da kann ich auch sagen: Bald bin ich die Königin von England.“ Dann muss Lizbeth Martell aufbrechen. Zu Hause wartet ihr Mann Rafael. Er wähle übrigens Trump, sagt die Frau zum Abschied.

Die andere Bevölkerungsgruppe, die von Hillary Clinton gezielt umworben wird, sind Floridas Afro-Amerikaner. Goldsboro, eine der ältesten Schwarzen-Siedlungen in den USA, ist Hillary-Land. LaShant Hawkins, die in einem Gemeindezentrum arbeitet, sagt, dass sie nicht vorstellen kann, wie jemand auf den Gedanken kommen könne, für Trump zu stimmen. „Man kann einen Staat doch nicht wie ein Unternehmen führen“, sagt die 41 Jahre alte Frau: „Die Leute, die Trump glauben, sind einfach nicht gebildet genug.

Zwar habe sich einiges im Vergleich zur Wahl von 2008 geändert, als mit Barack Obama „einer von uns“ Präsident wurde. Dass Hillary Clinton die Chance habe, erste Präsidentin der USA zu werden, sei in den Augen vieler ihrer Freunde gar nicht so bedeutsam. Es gehe eher darum, Trump zu verhindern: „Nicht einmal meine weißen Freunde wollen einen Rassisten im Präsidentenamt haben.“

Dass ihr Held Rassist genannt werde, weist Penny Smith ganz weit von sich. Die Mittsiebzigerin steht vor dem Gerichtsgebäude des Städtchens DeLand und wirbt für Trump. Seit Anfang der Woche dürfen die Wähler in Florida bereits ihre Stimmen abgeben. Ergebnisse liegen noch nicht vor, und Penny Smith würde sie ohnehin nicht glauben. Was immer gegen Trump gesagt wird, das zieht die zierliche Frau in Zweifel. Sie sagt, alle Vorwürfe gegen Trump seien aus dem Kontext gerissen, konstruiert oder Propaganda der liberalen Medien.

Um den kleinen Wahlstand in DeLand schwirren die Verschwörungstheorien wie Motten um eine Lampe. Penny Smith sagt, sie bete dafür, dass die Wahl gut ausgehe. Das soll natürlich heißen, dass Trump Präsident werden soll. Dann beugt sich die Frau nach unten, lächelt und streichelt ihren kleinen Hund. Sie hat ihm einen Trump-Aufkleber auf den Rücken gepappt.

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