Unendlichkeit des Leids

Junge Studenten aus Deutschland erleben in Auschwitz die Machtlosigkeit vor der Geschichte - und den Sinn des Gedenkens am Ort

Von CHRISTIAN FUHRHOP

"Wir fahren das erste Mal nach Deutschland", erzählen die jüdischen Eheleute aus Israel, die auf dem Rückflug nach Berlin neben mir sitzen. Bisher haben sie keine deutschen Produkte gekauft. Doch nun wollen sie das "neue" Deutschland kennen lernen. Und zufällig kommen sie daher, wo auch wir, junge Studenten der Enkelgeneration, am Tag zuvor waren: von der KZ-Gedenkstätte Auschwitz. Sie organisieren "Gedächtnisfahrten" in polnische KZ. Wie es denn für uns gewesen sei, fragen sie. So als Deutsche. Ja, was haben wir eigentlich gefühlt?

Samstagmorgen. Noch ist nichts zu spüren von den Feierlichkeiten, die in einigen Tagen zum 60. Jahrestag der Auschwitzbefreiung auf die Gedenkstätte zukommen. Unsere polnische Begleiterin ist konzentriert. Geduldig erklärt sie uns Auschwitz I, II, III. Vieles kennen wir von Bildern, doch hier ist alles erschreckend nah: Vitrinen mit Kinderschuhen, Tonnen von Frauenhaar, unzählige Brillengestelle. Die Dunkelzellen, in denen Häftlinge ohne Nahrung und Luft viele Nächte eingesperrt waren, reichen kaum für zwei von uns.

Weiter unten der Foltertrakt mit der Zelle des polnischen Priesters Max Kolbe, der hier 1941 sein Leben für das eines inhaftierten Familienvaters ließ. Am Ende einer Kellertreppe mit verrostetem Geländer unversehens die erste Gaskammer in Auschwitz. An solchen Stellen offenbart sich dann Auschwitz in all seiner Entsetzlichkeit. Wir haben Bücher gelesen, Bilder gesehen. Hier sind zwei greifbare Meter Beton, die die Krematoriumsöfen der Firma Topf & Söhne, Hamburg, und die Gaskammer im Stammlager Auschwitz I verbinden. Zwei Meter zum Abschreiten, so wie es die Exekutionshelfer taten, die die Leichen aus der Gaskammer zerrten, um sie anschließend in den Öfen zu stapeln.

Ein kleiner Platz neben dem Krematorium, auf dem Lagerkommandant Höß gehängt wurde, ist letztes Ziel im Stammlager. Unweit davon die Villa, in der er einige Jahre mit Frau und Kindern friedvoll lebte. An der spanischen Reisegruppe gehen wir schweigend vorbei. Auch um nicht deutsch reden zu müssen.

Inbegriff des Grauens

Birkenau ist ungefähr drei Kilometer entfernt. Das 150 Hektar große Gelände sprengt jede Vorstellungskraft. Von dem Eingangsturm, durch dessen Tor "die Todesschienen" führen, kann man kaum das Lager überschauen. Die Selektionsrampe, die Holz- und Steinbaracken, die gesprengten Gaskammern. Ein unwirklicher Anblick. Dazu ein Wust von Zahlen: Nur sechs Stunden blieben viele der Deportierten im Lager, bis sie in der Gaskammer starben, 1000 Menschen wurden in eine Gaskammer gepfercht, 4000 bis 6000 betrug die "Tagesleistung" in der Hochphase 1944, eine bis anderthalb Millionen Juden starben insgesamt. Unvorstellbar. Und doch fügt sich dies polnische Stück Land mit den Zahlen zum Inbegriff des Grauens.

Ein etwas abseits gelegener Ort in Auschwitz-Birkenau. "An dieser Stelle", erklärt uns die polnische Begleiterin, "entstanden die wenigen, illegal gemachten Fotos in Auschwitz". Drei Fototafeln am Rande eines dieser kleinen Birkenwäldchen, die das Todesgelände säumen, vereinen sich zu einem schrecklichen Triptychon. Zu sehen sind Menschen, die sich im Freien entkleiden und in die Gaskammern getrieben werden. Auf dem rechten Bild das Verbrennen der Leichen auf offenem Feld. Das alles an diesem heute so verträumt wirkenden Birkenhain, an dem wir stehen. Diese unschuldigen Birken. So unschuldig wie all die Opfer.

Eine Ausstellung, die von den deutschen Bundesländern mitfinanziert wurde, zeigt private Fotos der Häftlinge, auf denen schöne Menschen in schönen Kleidern bei Festen und Spaziergängen zu sehen sind. Die namenlosen Opfer erhalten so eine Identität, ein Leben vor dem Holocaust. Ihre Porträts spiegeln sich im schwarzgläsernen Boden, suggerieren dem Betrachter die Unendlichkeit der Opferzahl und des Leids. Dieses Erinnern, gerade am Ort des Geschehenen, ist wichtig. Denn nicht nur der bauliche Verfall der Gedenkstätte ist bedenklich. Die Zahl der Überlebenden, die als Ehrengäste jeden Januar nach Auschwitz kommen, wird von Jahr zu Jahr kleiner. Irgendwann wird es keine Zeitzeugen mehr geben. Und dann? Dann bleiben einzig die Baracken, die Gaskammerruinen und die Birken als letzte Zeugen dieses Völkermords ohne Beispiel in der Geschichte.

Unsere Zweifel an einer deutschen Erinnerungskultur, die in den Medien oft in ritualisierten Formeln verharrt, haben sich bestätigt. Sie läuft Gefahr, von jungen Menschen nicht mehr angenommen zu werden. Es hat sich gezeigt: Erst am Tatort selbst begreift man Auschwitz. Die Eindrücke sind unauslöschlich, und aller Machtlosigkeit vor der Geschichte zum Trotz wissen wir, dass unser Besuch wichtig war.

Das Flugzeug setzt in Berlin-Schönefeld auf. Mit unseren israelischen Mitreisenden tauschen wir Adressen aus. Vielleicht sehen wir sie auf einer Gedenkveranstaltung mit deutschen und israelischen Jugendlichen wieder. Das ist der Weg: Dialog und gemeinsames Erinnern. Unter jungen Menschen - ganz gewöhnlichen Leuten. 60 Jahre nach Auschwitz.

Christian Fuhrhop, Jahrgang 1981, studiert an der Humboldt-Universität zu Berlin Geschichte.

Dossier: 60 Jahre Kriegsende

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