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Viele der nach 1994 Geborenen wissen nicht, welcher der 48 Parteien sie ihre Stimme geben sollen.

Wahlen in Südafrika

Südafrikas Jugend hadert mit dem ANC

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25 Jahre nach Nelson Mandelas Wahlsieg steht Südafrika erneut am Scheideweg. Besonders die Jüngeren hadern mit dem politischen Personal und der Situation im Land.

Samstagmittag um zwölf, in der Mhlanga-Straße im Herzen von Soweto wird das Wochenende gefeiert. Eine Gruppe von Männern mittleren Alters sitzt vor einer Kneipe auf dem Gehweg und trinkt Bier, Frauen schlendern auf der Teerstraße vom Einkaufen nach Hause, ein paar Teenager spielen Fußball. Die adretten, mitunter sogar zweistöckigen Häuser der Straße sind mit Mauern vor begehrlichen Blicken geschützt, in jeder zweiten Toreinfahrt ist ein Fahrzeug geparkt. „Du siehst, hier hat sich viel verändert“, sagt Lawrence. „So trostlos wie damals ist es längst nicht mehr.“

Als wir uns vor 25 Jahren hier kennenlernten, war die Mhlanga Road noch eine Staubstraße mit winzigen Häuschen. Mauern, Kneipen oder Fahrzeuge gab es so gut wie keine. Nachts sorgte ein Flutlichtmast aus der Nachbarschaft für fahle Beleuchtung. Nach Einbruch der Dunkelheit eilte ohnehin jeder nach Hause, weil es draußen viel zu gefährlich wurde. Fast täglich lieferten sich ANC- und Inkatha-Anhänger, weiße Sicherheitskräfte und schwarze Jugendliche Gefechte: Das „neue Südafrika“ wurde unter blutigen Geburtswehen geboren. „Man mag gar nicht mehr daran denken“, sagt Lawrence.

Trotzdem drängt sich dieser Tage die Erinnerung auf. Denn die Südafrikaner sind diesen Mittwoch wieder zu den Wahlurnen gerufen – wie fast auf den Tag genau vor einem Vierteljahrhundert, als die schwarze Bevölkerung des Landes erstmals in ihrem Leben abstimmen durfte. Die kommende Wahl wird die wichtigste in der Geschichte des reformierten Landes sein, sind sich Experten einig. Von ihr hängt ab, ob der 55-Millionen-Einwohner-Staat weiter den afrikanischen Weg in die Vetternwirtschaft, die ökonomische Unsicherheit und soziale Konflikte geht oder einen Sonderweg zu einem sozialen und ökonomischen Modellstaat findet.

„Let’s grow South Africa together“ heißt das Motto des Afrikanischen Nationalkongresses (ANC), der einstigen Befreiungsbewegung Nelson Mandelas, die in den vergangenen Jahren zu einer Partei von Dieben verkam. Für den Fall seines Wahlsiegs kündigte der neue ANC-Chef Cyril Ramaphosa eine radikale Reinigungskur der Organisation an. Dass er es ernst meint, soll oder muss man ihm einfach mal glauben.

Mmabatho Mokwena, die wenige Häuser von dem von Lawrence entfernt wohnt, wäre dazu sogar bereit: „Man muss dem ANC mehr Zeit geben. Die weißen Kolonialisten haben unser Land über 300 Jahre lang beherrscht.“ Mit Nelson Mandela habe es vor 25 Jahren auch gut begonnen: Die schwarzen Townships wurden aufgemöbelt, der Staat ließ mehr als drei Millionen kleine Häuser für mittellose Familien bauen, selbst in die entlegensten Regionen des Landes wurden Stromleitungen gespannt, Rohre für Trinkwasser verlegt sowie ein bescheidenes Wohlfahrtsystem mit Staatsrente, Kindergeld und Behindertenstütze eingeführt. Die Schulausbildung ist bis zum Abitur kostenlos. Fast alle jüngeren Bewohner der Mhlanga-Straße haben zumindest für ein paar Jahre die nahegelegene Highschool „Morris Isaacson“ besucht, von der im Juni 1976 der Schüleraufstand gegen das Apartheidregime ausging.

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Die 24-jährige Mmabatho hat wie Palesa Ndlovu Abitur gemacht, ein Studium konnten sich die beiden Freundinnen allerdings nicht leisten. Wenn sie heute einen Job bekommen, dann nur gelegentlich als Produktwerberinnen. In einem Supermarkt versuchen sie dann, Shoppenden neue Hühnersuppen oder Haferkekse schmackhaft zu machen, und werden dafür auf Kommission bezahlt. Das größte Problem im neuen Südafrika seien die mangelnden Arbeitsplätze, sagt Mmabatho: „Das ist unter ‚Msholozi‘ aus dem Zululand nur noch viel schlimmer geworden.“

Msholozi ist der Clanname des vorigen ANC-Chefs Jacob Zuma, der das Land an den wirtschaftlichen Abgrund führte: Seine zehnjährige korrupte Herrschaft soll das Kap der Guten Hoffnung mehr als 500 Milliarden Rand, gut 30 Milliarden Euro, gekostet haben. Die Südafrikaner sind heute ärmer als vor sechs Jahren, dafür steigt die Arbeitslosenquote unaufhaltsam an. Sie liegt heute bei fast 30 Prozent, während Staatsunternehmen wie der Stromkonzern Eskom und die Fluggesellschaft SAA mit öffentlichen Subventionsspritzen in Milliardenhöhe über Wasser gehalten werden müssen.

Zusammen mit seinen Freunden und der indischstämmigen Gupta-Familie plünderte Msholozi Staatsunternehmen, den Haushalt und Pensionskassen. Sie manipulierten die Steuerbehörde und die Staatsanwaltschaft und scherten sich einen Dreck um die roten Flaggen der Ratinginstitute. Eine Untersuchungskommission bringt derzeit immer haarsträubendere Details ans Licht. Ob der ANC von seinem Ausflug nach Korruptistan tatsächlich zurückfinden wird, ist längst nicht ausgemacht.

Tshepo Setlhodi wohnt am Fußende der Mhlanga-Straße in einem Zweizimmerhäuschen mit Anbau – gemeinsam mit seiner Großmutter, der Mutter, dem Bruder sowie vier Cousinen und Cousins. Als Beruf gibt der 26-Jährige lächelnd „loan shark“ an. Als Leihhaie werden jene skrupellosen Finanziers bezeichnet, die in akute Zahlungsnot geratenen Südafrikanern zu schwindelerregenden Zinssätzen Kredite zukommen lassen. Tshepos Anfangskapital waren die 35 000 Rand, die er als Entschädigung für eine rechtswidrige Verhaftung vom Staat erhielt: „Hier wird mal mein Ferrari stehen“, zeigt er auf den staubigen Vorplatz vor seinem Häuschen. Tshepo weiß, dass er zur Erfüllung seiner Träume nicht auf den regierenden ANC setzen kann: „Die versprechen im Wahlkampf das Blaue vom Himmel und lassen sich danach nicht mehr sehen.“ Den Weg zum Wahllokal will er sich sparen: „Ich habe keine Partei gefunden, der ich vertrauen könnte.“

Mehr als ein Viertel der 36 Millionen erwachsenen Südafrikaner ließen sich für die Wahlen erst gar nicht registrieren, weitere fünf Millionen werden nach Prognosen von Demoskopen keine Stimme abgeben – und das in einem Land, in dem zahllose Befreiungskämpfer ihr Leben für die Einführung des allgemeinen Wahlrechts opferten. Vor allem die nach dem Befreiungsjahr 1994 geborenen „Born Free“ klagen, dass sie nicht wüssten, welcher der unappetitlichen Parteien sie ihre Stimme geben sollten. Viele haben sich aus dem politischen Geschehen auch schon ganz verabschiedet. „Ich versuche, zur Politik den größtmöglichen Abstand zu halten“, sagt Tshepo.

Was man von Mmeli Gebashe nicht sagen kann. Der 22-jährige Lehramtsstudent ist vier Häuser straßenabwärts von Lawrence zu Hause. Die meiste Zeit verbringt er auf dem Campus der Witwatersrand Universität in Johannesburg, die ihn kürzlich für ein Jahr vom Studium suspendierte. Als Mitglied der „Economic Freedom Fighter“ (EFF) hatte er an Protestaktionen gegen Studiengebühren teilgenommen, die in Straßenschlachten mit der Polizei endeten. Mmeli war einst ein „Comrade“ des ANC. Doch als dessen Jugendligapräsident Julius Malema aus der Partei geworfen wurde und postwendend die EFF gründete, schloss sich Mmeli dem „Commander in Chief“, dem Oberkommandierenden, an. „Wenn unser Commander sagt, dass wir in den Krieg ziehen müssen, dann ziehe ich in den Krieg“, sagt ein Mitkämpfer Mmelis.

Käme Malema an die Macht oder wäre er auch nur daran beteiligt, wäre es um Südafrika vollends geschehen, sind sich Beobachter einig. Dessen Forderung nach Enteignung weißer Farmer, der Verstaatlichung von Minen und Banken würden der lahmenden Wirtschaft vollends den Todesstoß versetzen. Mmeli Gebashe sieht das anders: „Es wäre der Anfang einer gerechten Verteilung der unglaublichen Reichtümer des Landes.“ Nach seiner Auffassung ist die Apartheid auch ein Vierteljahrhundert nach ihrer Abschaffung noch nicht tot. Solange das Schicksal eines Johannesburgers davon abhänge, ob er in einem weißen Vorort oder schwarzen Township geboren worden sei, sei die Rassentrennung nicht abgeschafft. „Wir sind noch immer die ‚field negroes‘ der weißen Herrschaft.“

Tatsächlich ist Südafrika nach wie vor zweigeteilt: hier die Mehrheit der schwarzen Bevölkerung, die an oder unter der Armutsgrenze lebt, dort die wohlsituierte weiße Minderheit, zu der sich inzwischen allerdings ein nicht unbedeutender schwarzer Mittelstand gesellt hat: die „house negroes“, sagt Mmeli. Die Kluft zwischen den Habenichtsen und Gutverdienern ist im vergangenen Vierteljahrhundert größer geworden: Südafrika gilt inzwischen als der ungerechteste Staat der Welt. Rund ein Viertel der Bevölkerung lebt den Lebensstil von Europäern, drei Viertel müssen sich Sorgen machen, wo morgen das Essen herkommt. In Mmelis Augen haben die Ökonomischen Freiheitskämpfer das Wohl des ganzen Landes im Auge: Werde sich an den Besitzverhältnissen nichts Grundsätzliches ändern, würde Südafrika irgendwann von Aufständen zerfetzt.

Aphelele Gqalane lebt zwar nicht in Sowetos Mhlanga Road. Doch der 19-jährige Abiturient kommt ebenfalls aus einem schwarzen Township, aus Motherwell bei Port Elizabeth. Heute schlendert Aphelele über den „Nelson Mandela Platz“ im Johannesburger Nobelgeschäftsviertel Sandton, wo schwarze und weiße Yuppies mit Ray-Ban-Brillen in überteuerten Straßencafés sitzen. Unter der überlebensgroßen Bronzestatue der südafrikanischen Ikone ist die Dichte der Wähler der liberalen „Demokratischen Allianz“ (DA) so groß wie nirgendwo anders im Land. Sie glauben an einen schlanken Staat und individuelle Leistung und gehören sowohl der schwarzen Bevölkerungsmehrheit wie der weißen Minderheit an.

„Wir sind seit 25 Jahren frei“, meint Aphelele, der den lilafarbenen Blazer der „Nationwide School for Academic Excellence“ trägt. „Auch wir Schwarzen haben inzwischen dieselben Chancen, wir müssen sie nur wahrnehmen.“ Der Abiturient will irgendwann mal seine eigene Firma gründen: „Aber eine, die nicht nur auf Staatsaufträge schielt.“ Nelson Mandelas Traum von der Regenbogennation ist für Aphelele nicht ausgeträumt. Wie schön, wenn es wirklich so wäre.

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