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Unerschütterlich im kommunistischen Glauben: Erich Honecker – Ausschnitt aus dem Porträtfoto, das zu DDR -Zeiten in jeder Amtsstube hing.

Erich Honecker

Der Uneinsichtige

Das Bild, das sich die Öffentlichkeit von Erich Honecker macht, ist meist sehr simpel: der frühere DDR-Staats- und Parteichef gilt als ein Mann ohne Charisma und Visionen. Doch Honecker, der am 25. August 100 Jahre alt geworden wäre, war ein Mensch mit vielen Facetten.

Von Peter Pragal

Am 2. Oktober 1989, fünf Tage vor dem vierzigsten und zugleich letzten Jahrestag der DDR, empfing Erich Honecker den britischen Geschäftsmann Robert Maxwell. Der Verleger und Eigentümer mehrerer Zeitungen, der in einer Edition bekannter Politiker aus Ost und West auch Honeckers Biografie „Aus meinem Leben“ publiziert hatte, übergab dem SED-Generalsekretär das erste Exemplar einer DDR-Enzyklopädie. Die Männer kannten sich. Maxwell, der 1923 als Sohn eines jüdischen Landarbeiters in den Karpaten geboren wurde, während des Zweiten Weltkriegs nach England flüchtete und von dort aus gegen die Nazis kämpfte, fühlte sich der DDR als dem „guten neuen Deutschland“ verbunden.

Der ehemalige Labour-Abgeordnete sorgte sich um Honecker, denn ihm war nicht entgangen, dass dessen Staat in der Krise steckte. In Massen flüchteten DDR-Bürger und gelangten über die seit Kurzem offene ungarische Grenze in den Westen. Im ganzen Land protestierten Zehntausende gegen die Bevormundung durch die SED. Immer mehr durch die Misswirtschaft der Planbürokratie ausgelaugte Betriebe standen vor dem Zusammenbruch.

Maxwell wollte Honecker helfen und redete ihm bei der Begegnung im Staatsratsgebäude ins Gewissen. „Während der siebzig Minuten unseres Gesprächs drängte ich ihn, einige Reformen in seinem Land einzuführen“, hat der Verleger später im Hamburger Wochenblatt Die Zeit geschrieben. Honecker habe gelächelt. „Seine Antwort war weder Ja noch Nein“, erinnert sich Maxwell. Und dann: „Ich war schon immer ein Mann der Reformen.“

Leben in einer Fantasiewelt

Der durch eine Krebserkrankung geschwächte Honecker, der am 25. August 2012 100 Jahre alt geworden wäre, hatte zu dieser Zeit bereits den Bezug zur Wirklichkeit verloren. Umgeben von Hofschranzen lebte er in einer Fantasiewelt. Er berauschte sich an manipulierten Erfolgsbilanzen, schwärmte von sozialer Sicherheit und Vollbeschäftigung und redete sich sein Land schön. Unfähig und unwillig, den Wandel im sozialistischen Lager zu begreifen, lehnte er die Veränderungen in der Sowjetunion ab und beharrte trotzig auf dem von ihm kreierten Sozialismus in den Farben der DDR.

Bei seinen wenigen Auftritten, die er im Spätsommer des Jahres 1989 absolvierte, gab er seltsame Sätze von sich, die ihn nicht nur als politischen Traumtänzer auswiesen, sondern auch der Lächerlichkeit preisgaben. Etwa, wenn er die angeblich alte Erkenntnis der deutschen Arbeiterbewegung von sich gab: „Den Sozialismus in seinem Lauf, hält weder Ochs noch Esel auf.“

Zwei Wochen nach seiner Begegnung mit Maxwell wurde Honecker von der Realität eingeholt. Nachdem er beim Staatsjubiläum noch die Mahnungen von Michail Gorbatschow in den Wind geschlagen hatte, wurde er am 17.?Oktober 1989 von den eigenen Genossen im Politbüro entmachtet. Nach schlechter kommunistischer Tradition, bei der die Geschlossenheit der Parteiführung zur obersten Maxime erhoben wurde, stimmte er – obwohl innerlich tief verletzt – seiner Absetzung selbst zu. Erich Honecker, der achtzehn Jahre lang wie ein Autokrat an der Spitze der SED über Partei und Untertanen geherrscht hatte, stand von nun an als ein Mann da, der den mit Zwang zusammengehaltenen Staat in den Bankrott führte, politisch, ökonomisch und moralisch.

In der öffentlichen Wahrnehmung hat sich das Bild eines Apparatschiks erhalten, eines Mannes ohne Charisma und Visionen. Dabei wird freilich übersehen, dass es in seiner Amtszeit auch Perioden gab, in der er bei der Bevölkerung gar nicht so unbeliebt war wie etwa sein Vorgänger Walter Ulbricht. Zeiten, in denen er jenseits der Grenzen als Staatsmann geschätzt und hofiert wurde. Bundesdeutsche Politiker und Wirtschaftslenker suchten das Gespräch und ließen sich gern mit ihm fotografieren. „Honecker war keineswegs allein der farblose Politruk und unscheinbare Kümmerling, zu dem ihn die Nachwelt heute so gern macht“, urteilte in diesen Tagen der Historiker Martin Sabrow im Magazin Spiegel.

Tatsächlich war Honecker ein Mensch mit vielen Facetten, kein Intellektueller, aber einer, der – wie sein zeitweiliger Weggefährte Heinz Lippmann bemerkte – die Fähigkeit besaß, „das Wesentliche schnell zu erfassen, schnelle Entscheidungen zu treffen und durchzusetzen“. Ein Funktionär, bei dem manche Gedanken und Handlungen als widersprüchlich erschienen. Als der für Sicherheit zuständige SED-Funktionär plante und überwachte er 1961 den Bau der Berliner Mauer, die er irreführend einen „antifaschistischen Schutzwall“ nannte. Aber er machte sie später auch durchlässig, zumindest in West-Ost-Richtung. Er tilgte die deutsche Nation aus der DDR-Verfassung. Doch mit der Bundesregierung in Bonn knüpfte er ein dichtes Netz innerdeutscher Abmachungen. Er hatte keine Skrupel, den SED-Staat immer stärker zu militarisieren. Dennoch warb er, mitunter zum Verdruss der Machthaber im Kreml, für Entspannung und Abrüstung. Der östlichen Raketen-Rüstung konnte er sich nicht widersetzen, aber eigentlich wollte er die SS?20, „das Teufelszeug“, in der DDR nicht haben.

Unerschütterlich war sein kommunistischer Glaube an die Gesetzmäßigkeit der Geschichte, die den Sozialismus über den ausbeuterischen Kapitalismus siegen lassen werde. Schon als Kind war er damit vertraut. Vater Wilhelm, Bergmann von Beruf, der mit seiner Ehefrau und sechs Kindern im saarländischen Ort Wiebelskirchen lebte, war von der SPD zur KPD gewechselt. Er wurde für Sohn Erich, der bereits mit zehn Jahren der örtlichen kommunistischen Kindergruppe angehörte, zum politischen Lehrmeister. In seinen Lebenserinnerungen schreibt Honecker: „Damals, in den Tagen der Novemberrevolution, erklärte mir mein Vater in seiner einfachen Art, warum die Reichen reich und die Armen arm sind, woher die Kriege kommen, wer an den Kriegen verdient hat und wer unter ihnen leidet. Ich gewann ein klares Weltbild. Ich nahm mir vor, mein Leben dem Kampf für eine Welt des Friedens und des Sozialismus zu widmen.“

Rascher Aufstieg

Fortan ließ ihn diese Mission nie mehr los. Im Jugendverband und danach in der KPD stieg er rasch auf. Zwar absolvierte er eine Dachdeckerlehre, aber übte den Beruf nicht aus. Stattdessen konzentrierte er sich auf eine Laufbahn als Parteifunktionär. Als er 1930 von der Partei nach Moskau geschickt wurde, war er von der Sowjetunion und von Stalin so beeindruckt, dass er das Land Lenins zu seinem Vaterland erklärte. Nach der Machtübernahme der Nazis im Saarland floh er nach Frankreich. Die Auslandsleitung der KP in Paris stattete ihn mit einem falschen Pass und neuer Identität als holländischer Seemann aus und schickte ihn auf dem Weg über mehrere europäische Länder zur illegalen Arbeit nach Berlin. Die Gestapo kam ihm bald auf die Spur. Er wurde verhaftet und vom Volksgerichtshof zu zehn Jahren Zuchthaus verurteilt. Die verbrachte er bis auf eine kurze Zeit gegen Kriegsende, als er als Angehöriger einer Baukolonne in Berlin Bombenschäden reparieren musste, in der Strafanstalt Brandenburg-Görden.

Nach Kriegsende fand Honecker Kontakt zu Walter Ulbricht und seiner Gruppe, die aus dem Moskauer Exil nach Berlin zurückgekehrt war. Den Saarländer zog es eigentlich in seine Heimat, wo er am Wiederaufbau der KP mitwirken wollte. Ulbricht riet ihm ab. Das Gebiet werde an Frankreich fallen, sagte er. Honecker blieb in der sowjetischen Zone und machte dort Karriere.

Als nach der Gründung der DDR am 7. Oktober 1949 Wilhelm Pieck zum ersten Präsidenten des neuen Staates gewählt wurde, organisierte Honecker als FDJ-Chef ihm zu Ehren einen Fackelzug, an dem etwa 200.000 Mitglieder der Jugendorganisation teilnahmen. Später, als er selbst die Hauptperson war, berauschte er sich an solchem inszenierten Jubel, den er für Zuneigung hielt.

Während viele der älteren deutschen Kommunisten strenge Vorstellungen von Sitte und Moral hatten, führte Honecker einen lockeren Lebenswandel. „Er war ein rechter Bruder Lustig“, schreibt Norbert F. Pötzl in seiner Biografie. Nach einer kurzen Ehe mit einer neun Jahre älteren Justiz-Wachtmeisterin lebte Honecker dann von 1947 an mit Edith Baumann zusammen, seiner Stellvertreterin im FDJ-Vorsitz. Auf Druck der Parteiführung haben sie nach zwei Jahren wilder Ehe geheiratet. Als Tochter Erika 1950 zur Welt kam, hatte der junge Vater bereits eine Affäre mit Margot Feist, der attraktiven Leiterin der Pionierorganisation. Die war Anfang zwanzig und entschlossen, ihrer Nebenbuhlerin den Mann auszuspannen. Obwohl Erich Honecker und seine herrschsüchtige Frau Margot später privat zeitweise eigene Wege gingen, hielt ihre Ehe bis zu Honeckers Tod am 29. Mai 1994. Wenn sie früher stürbe, hatte er einmal gesagt, möchte er nicht länger leben.

Nachdem Honecker im Mai 1971 SED-Chef Ulbricht mit intriganten Tricks aus dem Amt gedrängt und sich selbst an die Spitze der Partei hatte wählen lassen, begannen die erfolgreichsten Jahre seines Lebens. Unter seiner Führung erlebte die DDR die langersehnte weltweite diplomatische Anerkennung. Bis zum Ende seiner Amtszeit bereiste er als Staatsgast drei Dutzend Länder und empfing mehr als fünfzig Staatsoberhäupter und Regierungschefs. Auch innenpolitisch setzte er Zeichen, welche die Bürger auf bessere Zeiten hoffen ließen. Künstlern und Intellektuellen räumte er, wenn auch nur vorübergehend, mehr Freiheiten ein. Das Konsumangebot wurde erweitert, ein Wohnungsbauprogramm aufgelegt, ein Bündel sozialer Maßnahmen beschlossen. Er übersah dabei, dass seine Wohltaten die Volkswirtschaft überforderten und auf Pump finanziert wurden.

Für Honecker, der sich im Laufe seiner Amtszeit wie ein Sonnenkönig aufgeführt hatte, war die Zeit nach seinem Sturz die schlimmste seines Lebens. Er war schockiert, als er, das ehemalige Staatsoberhaupt, kaum von einer Operation genesen, in der Berliner Charité festgenommen und von Staatsanwälten und Kriminalbeamten der DDR verhört wurde. Nach der Entlassung aus dem Haftkrankenhaus war er mittel- und obdachlos. Sein Haus in Wandlitz war gekündigt, sein Konto gesperrt. Vorübergehend kam er in einem evangelischen Pfarrhaus in der Nähe von Berlin unter. Der Versuch des DDR-Ministerpräsidenten Hans Modrow, Honecker und seine Frau in einem Gästehaus unterzubringen, scheiterte. Menschen, die vor einigen Monaten vielleicht noch vor ihm strammgestanden hätten, empfingen ihn mit Sprechchören („Honecker weg, wir wollen keinen Dreck“) und drohten, das Ehepaar mit Gewalt zu vertreiben. Aber noch waren die sowjetischen Streitkräfte da. Ihr Oberbefehlshaber nahm die Honeckers auf und brachte sie im Militärkrankenhaus Beelitz unter.

Todkrank nach Chile

Nach der deutschen Vereinigung am 3. Oktober 1990 erließ das Amtsgericht Berlin-Tiergarten Haftbefehl gegen Honecker. Seine Beschützer flogen ihn nach Moskau aus. Die Bundesregierung verlangte seine Auslieferung, um ihn wegen des Schießbefehls an der Mauer vor Gericht zu stellen. Nach einigem diplomatischen Tauziehen durfte Margot nach Chile ausreisen, ihr Mann wurde jedoch nach Berlin gebracht. In Moabit, wo er als junger Genosse schon einmal inhaftiert war, bezog er nun erneut eine Zelle. Seine Verbitterung darüber schrieb er sich in den „Moabiter Notizen“ von der Seele, deren Hauptthese lautet, sein Sturz sei ein Komplott von Gorbatschow und untreuen deutschen Genossen gewesen. Zu einem Urteil in dem Verfahren kam es nicht. Mit Rücksicht auf seine Gesundheit wurde der Haftbefehl aufgehoben. Honecker durfte als todkranker Mann nach Chile fliegen.

In diesem Jahr wurden noch einmal Aufzeichnungen des früheren Staatschefs publik. Auch seine letzten Notizen sind Sätze eines Uneinsichtigen, der die Schuld für sein Scheitern bei anderen sucht. Kein Wort der Selbstkritik, kein Wort der Reue gegenüber Menschen, die in der DDR drangsaliert worden sind. Wolf Biermann, den er einst ausbürgern ließ, hatte den Tod Erich Honeckers seinerzeit mit den Worten kommentiert: „Er besaß nicht die menschliche Größe, sich zu schämen, denn er war starr, stur, stumpfsinnig und störrisch. Aber eines war er gewiss nicht: ein Wendehals.“

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