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Die Waldbesetzer machen es den Kletterern von der Polizei so schwer wie möglich, sie aus den Bäumen zu holen.

Hambacher Forst

"Und all das für die Kohle, die das Klima aufheizt"

Die Polizei beginnt mit der Räumung des Hambacher Forstes, der dem Braunkohle-Abbau weichen soll. Umweltschützer verurteilen die aus ihrer Sicht gefährliche Eskalation.

Freddy sitzt zehn Meter hoch über dem Waldboden. Er trägt Mütze, Brille und Gesichtsvermummung. Sein Körper ist in goldschimmernde Rettungsfolie gehüllt, gegen die Kälte. Freddy ist, das muss man ihm in jedem Fall lassen, ein Kommunikator. Immer wieder appelliert er mit lauter Stimme an die Polizisten am Boden: Wollen Sie wirklich dabei mithelfen, einen alten Wald zu vernichten? Wollen Sie Baumhäuser zerstören, in denen manche Menschen schon sechs Jahre wohnen? Und all das für die Kohle, die das Klima anheizt? „Die Befehle, die ihr ausführt, sind Verbrechen!“, ruft er. In 20, 30 Jahren werde niemand mehr verstehen, was an diesem Septembertag im Hambacher Forst geschehen sei.

Tief unter Freddy spielt sich eine merkwürdige Szene ab. Joachim Schwister, Baudezernent der Stadt Kerpen, spricht in ein Megafon: „Achtung! Achtung!“ In peniblem Verwaltungsdeutsch verkündet er dann das, was die Eskalation um den Hambacher Forst, in dem RWE im Herbst weiter roden will, auf eine neue Stufe hebt. „Die Baumhäuser verfügen nicht über erforderliche Rettungswege“, sagt er. Sie seien unverzüglich zu räumen. Auch der Brandschutz sei ein Problem. „Bitte nehmen Sie beim Verlassen der Baumhäuser Ihre persönlichen Gegenstände mit.“

Baumhäuser im Hambacher Forst sind Symbol des Widerstands

Die Gegenseite reagiert mit Gelächter. Ein junger Mann mit Vollbart lehnt sich hinunter und ruft: „Heißt du Darth Vader oder Lord Voldemort?“ Es ist nicht etwa Widerstand gegen die Staatsgewalt oder RWE, der den Waldbesetzern zu diesem Zeitpunkt vorgeworfen wird, es sind Verstöße gegen das Baurecht, den Brandschutz. Kurios dabei: Während der großen Trockenheit im Sommer geschah nichts, jetzt ist der Wald nach stundenlangem Regen feuchtnass. 

Das Ultimatum von einer halben Stunde verstreicht. Dann fährt ein Forstfahrzeug mit Greifer auf den Waldweg und räumt die erste Barrikade aus Stöcken und Ästen weg. Polizisten lösen eine Sitzblockade am Boden auf – die Kirchenleute lassen sich ohne Widerstand wegtragen. Ein Laster mit Hebekran fährt vor. Unter Freddys Pfahlbau pumpen Polizisten ein großes weißes Luftkissen auf. „Seid vorsichtig“ mahnt er. „Wenn ich hier runterfalle, bin ich tot.“ Kurz darauf wechselt er an einem Seil von seiner Einzelplattform auf eine größere: „Ich hab’ keine Lust, mich verhaften zu lassen.“

Mit einem massiven Polizeiaufgebot haben die Behörden im Braunkohlerevier Hambacher Forst damit begonnen, die Baumhäuser der Umweltaktivisten zu räumen. Für den jahrelangen Protest der Braunkohlegegner ist das eine Zäsur. Denn die in den vergangenen Jahren errichteten Baumhäuser sind längst ein Symbol des Widerstands gegen die Braunkohle geworden. 

Der Energiekonzern RWE will im Herbst mehr als die Hälfte des noch verbliebenen Waldstücks zwischen Köln und Aachen roden, um weiter Braunkohle baggern zu können. Dagegen gibt es seit langem Proteste. Aktivisten haben in bis zu 25 Metern Höhe rund 50 bis 60 Baumhäuser errichtet und halten den Wald damit seit sechs Jahren besetzt.

Begründet wurde die Räumung allerdings nicht mit dem geplanten Braunkohleabbau. Vielmehr argumentiert das NRW-Bauministerium unter anderem mit dem fehlenden Brandschutz in den Baumhäusern.

Für die Polizei ist es einer der größten Einsätze in der jüngeren NRW-Geschichte. Aus dem gesamten Bundesgebiet wurden Einsatzkräfte zur Verstärkung in den Hambacher Forst geholt, darunter Spezialisten für Einsätze in großer Höhe. Die Polizei stellt sich auf einen tagelangen und schwierigen Einsatz ein. Auch Wasserwerfer und schweres Räumgerät wurden zum Hambacher Forst gebracht. Laut Polizei gab es bis zum Mittag eine vorläufige Festnahme. Ein Beamter sei leicht verletzt worden, Steine und Molotow-Cocktails seien geflogen und Einsatzkräfte mit Zwillen beschossen worden, hieß es. 

Aktivisten wollen Rodung im Hambacher Forst stoppen

Am Donnerstag bekommt man einen Eindruck davon, wie mühsam und damit langsam ihre Räumung der Baumhäuser abläuft. Die Aktivisten in den Hütten halten den Forst besetzt, um seine Rodung zu verhindern. Einige von ihnen haben sich seit Jahren auf diese Situation vorbereitet und machen es den Polizisten so schwer wie möglich.

Mit sieben Eilanträgen wollen Privatpersonen die Räumung im Hambacher Forst in letzter Minute juristisch stoppen. „Es liegen mittlerweile sieben Anträge vor, die Kammer berät nun darüber“, sagte eine Sprecherin des Verwaltungsgerichts in Köln auf Anfrage. Eine Entscheidung solle so schnell wie möglich getroffen werden. Unklar sei, ob dies noch im Laufe des Donnerstags möglich sei. Die Sprecherin wollte sich nicht dazu äußern, wer die Anträge gestellt hat. Der Umweltverband BUND versucht mit Eilanträgen, Baumfällungen im Zusammenhang mit der Räumung der Baumhäuser zu verhindern. Das bestätigten die Sprecher der Verwaltungsgerichte Köln und Aachen. 

Aktivisten kündigten als Reaktion auf den Polizeieinsatz eine „bundesweite Massenmobilisierung“ an. In den sozialen Netzwerken riefen die Baumbesetzer dazu auf, den Protest im Hambacher Forst zu verstärken und in den Wald zu kommen. „Wir werden deshalb ab diesem Wochenende mit Aktionen massenhaften zivilen Ungehorsams die Räumungen und Rodungen von Polizei und RWE verhindern. Durch diese Aktionsform nehmen wir unsere Zukunft selbst in die Hand“, sagte Jan Pütz von der Aktion Unterholz.

Baumbesetzer am Frankfurter Flughafen zeigen sich solidarisch

Die Baumbesetzer in einem Wald am Frankfurter Flughafen zeigen sich solidarisch mit den Aktivisten im Hambacher Forst in Nordrhein-Westfalen. Die Aktivisten im Treburer Wald harren wie die Besetzer im Hambacher Forst in Baumhäusern aus. Sie protestieren so gegen die Pläne des Flughafenbetreibers Fraport, südöstlich des Airports zwischen dem Neu-Isenburger Stadtteil Zeppelinheim und Mörfelden-Walldorf sechs Hektar Wald zu roden, um für das neue Terminal einen Zubringer zur Autobahn 5 zu bauen. 

RWE will im Hambacher Forst den schon in großen Teilen abgeholzten Wald zwischen Köln und Aachen im Oktober weiter roden, um die Braunkohle unter ihm ausbaggern zu können. RWE gehört der Wald auch. Vor einer Rodung muss er geräumt werden, das war allen klar. Dass die Behörden – an erster Stelle das NRW-Bauministerium – nun mit dem Baurecht argumentieren und nicht mit der Braunkohle, ist eine Pointe des jahrelangen Ringens um den Wald.

Aus Sicht von RWE ist die Abholzung unvermeidbar, um die Stromproduktion in den Braunkohlekraftwerken zu sichern. Ein RWE-Sprecher betonte am Donnerstag, der Konzern sei nicht „unmittelbarer Veranlasser“ des Einsatzes. „Die Rodungsarbeiten auf unserem widerrechtlich besetzten Grundstück sollen wie geplant erst im Oktober beginnen.“

Die in der Kohleausstiegs-Kommission vertretenen Umweltverbände DNR, BUND und Greenpeace sprachen von einer überflüssigen und gefährlichen Eskalation. Der Konflikt um den Forst könnte die Verhandlungen über den Kohleausstieg stören, da die Umweltverbände einen Rodungsaufschub fordern, bis ein Ergebnis vorliegt. Auch Grüne und Linke verurteilten die Räumung als Machtdemonstration und Provokation. Denkbar ist, dass ein oder mehr Umwelt-Vertreter die Kommission verlassen. (dpa)

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