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Für diejenigen, die keinen Bezug nach außen haben, ist es sehr schwierig. Sie sind quasi der Institution ausgeliefert.
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Für diejenigen, die keinen Bezug nach außen haben, ist es sehr schwierig. Sie sind quasi der Institution ausgeliefert.

Corona-Psyche

„Und keine Umarmung! Das macht traurig“

  • Sabine Hamacher
    vonSabine Hamacher
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„Eigentlich geht es mir also sehr gut, aber seit Anfang des Jahres denke ich immer öfter: Ich will nicht mehr.“ Eine ehrenamtliche Seniorenbegleiterin erzählt.

Doris Reinecke , 63, ehemalige Krankenschwester:

„Mir geht die Corona-Situation tageweise schon sehr gegen den Strich. Aber wenn ich stöhne, ist das auf sehr, sehr hohem Niveau. Ich wohne im Eigenheim mit großem Garten, direkt am Waldrand. Ich bin eine sehr sportliche Person, fahre viel Fahrrad und spiele Tennis – das geht ja trotz Corona. Außerdem habe ich drei kleine Enkelkinder, die mich auf Trab halten und erfreuen, und ich kümmere mich um meine alten Eltern. Die sind beide in der zweiten Hälfte der 80er und wohnen 300 Kilometer entfernt.

Eigentlich geht es mir also sehr gut, aber seit Anfang des Jahres denke ich immer öfter: Ich will nicht mehr. Ich möchte weg, in Urlaub fahren, einfach irgendwohin. Und ich frage mich: Wenn es mir schon so geht, wie geht es erst denjenigen, die wirklich eingeschränkt sind?

Ich bin seit zehn Jahren ehrenamtliche Seniorenbegleiterin und betreue schon lange eine alte Dame. Sie ist weit über 90 und lebt in einem Altenpflegeheim. Das Personal hat jetzt wegen der vielen Corona-Reglementierungen noch weniger Zeit als sonst für die Menschen, die dort leben. Für diejenigen, die keinen Bezug nach außen haben, ist es sehr schwierig. Sie sind quasi der Institution ausgeliefert.

Die alte Dame ist fast blind und zierlich, körperlich sehr reduziert. Sie musste wochenlang auf ihrem Zimmer bleiben, ich konnte nicht zu ihr. Nach einer gewissen Zeit durfte sie dann raus, ich habe sie sporadisch abgeholt. Aber wie verbringt man bei Regen oder Minusgraden draußen Zeit mit einem alten Menschen? Ich mag es kaum sagen, aber in der Adventszeit haben wir zusammen im Auto gesessen: Ich hatte ein batteriebetriebenes Teelicht dabei und habe einen Tannenzweig vorne auf die Ablage gelegt, und dann haben wir Tee getrunken.

Sie hat im Prinzip keine Familie mehr, die Kinder sind bereits verstorben. Im Grunde genommen verkraftet sie die Situation für ihr Alter fantastisch, sie ist auch politisch noch sehr interessiert und geistig voll da – wobei sie das manchmal anzweifelt, wenn sie stundenlang mit niemandem spricht. Worte und Sätze kommen nicht mehr flüssig. Die Folge sind ein Gefühl von Nutzlosigkeit und die Frage: Bin ich noch ganz richtig im Kopf?

Dreimal am Tag kommt jemand ins Zimmer, stellt ihr das Essen hin und geht wieder. Ich habe sie oft angerufen und ihr am Telefon etwas vorgelesen. Zwischendurch war sie schon tief verzweifelt und hat gesagt: Soll jetzt mein Leben so enden, dass ich hier einsam und allein bin? Weil sie praktisch blind ist, kann sie nicht lesen oder fernsehen. Ich bestelle ihr pausenlos Hörbücher. Manchmal ist sie wirklich sehr, sehr traurig und sagt, ich sitze hier den ganzen Tag, es hat noch niemand angerufen, es hat sich keiner gemeldet.

Ihre Bewegungsfähigkeit nimmt immer mehr ab. Einmal die Woche kommt zwar eine Physiotherapeutin, aber die geht mit ihr nur den Gang hoch und runter. Die eingeschränkte Bewegungsfreiheit wirft die alten Menschen weit zurück. Die meisten werden das nicht umkehren können, wenn mal wieder so etwas wie Normalität eintritt. Auch das Tragen der Masken bei Kontakt erschwert alles. Und keine Umarmung! Das macht einsam und traurig.

Aufgezeichnet von Sabine Hamacher

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