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Wo sie nicht in Schutt und Asche gelegt worden sind, zeugen Städte wie Aden im Süden oder Sanaa im Norden des Landes von der einstigen Schönheit Vorderasiens.

Jürgen Todenhöfer

"Die Not ist unbeschreiblich"

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Im Jemen tobt seit Jahren ein komplizierter Stellvertreterkrieg. Der Publizist Jürgen Todenhöfer hat das Land durchquert und berichtet im Interview von Trümmern, Patrouillen und Hunger, aber auch von der Hoffnung auf Frieden.

Herr Todenhöfer, täglich erreichen uns Schreckensmeldungen aus dem Jemen. Menschen sterben – durch Hunger oder Gewalt. Wie ist es überhaupt möglich, einzureisen?
Schwer. In die Hauptstadt Aden im Süden darf man nur mit Visum und Zustimmung der ‚nationalen Sicherheitskräfte‘. Ich habe ein Jahr gebraucht, um beides zu bekommen. Sanaa und das Einflussgebiet der Huthi-Rebellen im Norden sind aus dem Ausland fast gar nicht zu erreichen. Doch dort finden die schweren Kämpfe statt, dort droht eine humanitäre Katastrophe. Dort wollte ich hin.

Aber das geht nur über den Süden?
Man kommt nur über den Süden in die Rebellengebiete im Norden. Doch als ich in Aden war, wurde im Norden gerade der frühere Präsident des Jemen, Saleh, von Huthi-Rebellen getötet. Es kam zu schweren Kämpfen in Sanaa. Die Zusagen der Huthis, mich von Aden nach Sanaa zu schleusen, waren nicht mehr realisierbar. Nach langem Überlegen habe ich eine ganz simple Lösung gewählt: Ich habe zusammen mit dem Fotografen Ali Nouraldin den Linien-Bus genommen, der in dem Bürgerkriegsland noch immer zwischen Nord und Süd pendelt. Eine 16-Stunden-Fahrt. Das Problem war, dass man etwa hundert bewaffnete ‚Check-Points‘ passieren muss. Dort kann jeder stehen. Soldaten, Rebellen, Kriminelle, Al Kaida, der IS.

Sind Sie nicht aufgefallen?
Natürlich. Es gibt ja keine Europäer mehr im Jemen. Ich wurde mehrfach aus dem Bus geholt und verhört. Dann wurde meist wild telefoniert. Irgendwann durften wir dann weiter.

In Sanaa wird gekämpft, die Stadt systematisch bombardiert. Wie sieht es dort aus?
Fast jede Nacht werden militärische Ziele Sanaas bombardiert. Und oft völlig Unbeteiligte getroffen. Nachts waren immer Flugzeuge über uns. Während meines Aufenthaltes dort wurde nicht weit von meinem Hotel eine Kriegsgefangenen-Unterkunft getroffen. 40 Menschen starben. 

Wer kämpft gegen wen?
Im Norden Saudi-Arabien gegen die Huthi-Rebellen, die wegen der Blockade der Grenzen militärisch nur begrenzt vom Iran unterstützt werden können. Der Süden steht unter der strengen Kontrolle der Vereinigten Arabischen Emirate. Er kämpft gegen den Norden. Letztlich ist das ein komplizierter Stellvertreter-Krieg. Kaum noch erklärbar und für alle kontraproduktiv. Auch für Saudi-Arabien und den Iran.

Welche Auswirkungen hat das auf das Leben der Menschen? Gibt es noch so etwas wie Alltag?
Es ist überall schlimm. Auch im Süden habe ich schwerste Zerstörungen gesehen. Die Wirtschaft ist zusammengebrochen. Doch nur im Norden, wo unter der Huthi-Regierung bis zu 70 Prozent der Jemeniten leben, ist es zu Epidemien und schwerer Hungersnot gekommen. Dass im 2200 Meter hohen Sanaa die Temperaturen inzwischen nachts auf Null Grad sinken, hat wenigstens die Ausbreitung der Cholera gebremst.

Sind die Menschen im Norden sich selbst überlassen?
Weitgehend. Seehäfen, Flughäfen und Landesgrenzen sind zu. Das Huthigebiet wird systematisch ausgehungert. Medikamente kommen kaum noch durch. Mehrere Krankenhäuser sind zerstört, wichtige Spezialisten geflohen.

Wer blockiert den Jemen und vor allem: warum?
Das Land war 50 Jahre der Hinterhof Saudi-Arabiens. Dann kam der arabische Frühling, die Bevölkerung erhob sich gegen den seit 33 Jahren herrschenden pro-saudischen Präsidenten Saleh. Ein neuer wurde gewählt, sein Stellvertreter Hadi. Nichts änderte sich. Schließlich wurde Hadi vor zweieinhalb Jahren von den Huthi-Rebellen zur Flucht gezwungen. Er regiert den Süden jetzt von Saudi-Arabien aus. Nach seiner Vertreibung hat eine von Saudi-Arabien geführte, vom Westen unterstützte Militärallianz beschlossen, die Huthi-Revolution durch Bombenangriffe niederzuschlagen. Ohne Erfolg. Der Krieg trifft vor allem Kinder. 

Wann haben Sie die Not der Menschen am stärksten gespürt?
Wenn wir irgendwo im Restaurant aßen, rissen sich kleine Jungen darum, unsere Tabletts abzuservieren. Auf dem Weg zur Küche machten sie sich über die Reste her. Überall sah ich halb verhungerte, bettelnde Kinder. Die Not im Norden ist unbeschreiblich. Zwar gibt es in Sanaa noch immer die Altstadt, die an ein Märchen aus Tausend und einer Nacht erinnert, mit malerischen Gewürzläden. Doch die Händler verkaufen nichts. Oft packen sie abends wieder ihre kompletten Auslagen ein.

Es heißt, sieben Millionen Menschen seien vom Hungertod bedroht.
Die Ärzte, die ich traf, befürchten das, wenn die Blockade nicht aufgehoben wird. Der Jemen war auch früher arm. Doch jetzt wird die Armut zur humanitären Katastrophe.

Gibt es in Berlin eigentlich noch eine Botschaft des Jemen?
Es gibt einen Botschafter, der von seinem Wohnsitz in Berlin aus arbeitet. Er vertritt die pro-saudische Regierung Hadi. Er hat mir sehr geholfen. Ein toller Mann! Er versucht für alle Jemeniten zu sprechen. Das ist überhaupt das Verblüffende: Nur wenige Menschen in Nord und Süd sprechen schlecht übereinander. Es gibt ja auch keinen Religionskrieg, wie oft behauptet wird – Schiiten, oder genauer ‚Zeidis‘ gegen Sunniten. 20 Prozent der Huthis sind ja selbst Sunniten. Fast alle Jemeniten, die ich traf, selbst schwer verletzte Kämpfer, können sich eine Aussöhnung mit ihren heutigen Feinden sehr gut vorstellen. Wenn es gelänge, einen nationalen Dialog herbeizuführen, könnte es wieder Frieden geben. Aber nur ohne Einmischung von außen. Saudi Arabien und der Iran müssten sich raushalten.

Könnte eine aus dem Jemen abgefeuerte Rakete eines Tages Riad, die Hauptstadt Saudi Arabiens, treffen? 
Klar! Das sind allerdings keine iranischen, sondern vor langer Zeit aus Russland und Nordkorea eingeführte Raketen. Ex-Präsident Saleh ist früher von allen Seiten mit Waffen zugeschüttet worden. Er hat damals hunderte Kurzstrecken-Raketen bekommen, die jetzt relativ leicht zu Mittelstrecken-Raketen umgerüstet werden können. Die täglich bombardierten Huthi-Rebellen versuchen mit diesen Raketen ihre Stärke zu demonstrieren. Das ist gefährlich. Sollte eine der Raketen ein wichtiges Ziel in Saudi-Arabien treffen, kann es zu einer noch schlimmeren Eskalation kommen.

Haben Sie die Reise in den Jemen als ähnlich gefährlich empfunden wie Ihre Reise in den sogenannten Islamischen Staat?
Bedingt! Als ich vor drei Jahren in den ‚IS-Staat‘ reiste, war das, wie in einen dunklen Schacht zu springen. Dieses Mal kam es mir vor, als beträte ich einen dunklen Raum. Ich wusste nie genau, wie die Reise enden würde. Immer wieder trafen wir auf schwer bewaffnete, finstere Gestalten in alten russischen Armee-Mänteln oder zerrissener Kleidung, denen wir völlig ausgeliefert waren. Aber ich hatte im Norden wie im Süden Telefonnumnern, die ich in kritischen Situationen anrufen konnte und die uns dann halfen. Ich hatte die Reise ja lange genug vorbereitet. 

Was können wir im Westen tun, damit sich die Situation der Menschen verbessert?
Unsere Medien sollten mehr über diesen vergessenen Krieg berichten. Deswegen bin ich ja auch hingefahren. Wir sollten uns dafür einsetzen, dass die Bombardements aufhören und die völlige Blockade des Nord-Jemen aufgehoben wird. Ich bekomme jetzt noch Gänsehaut, wenn ich an den Jemen denke. Man steht in einem Krankenhaus und es kommen ständig Menschen mit halb verhungerten Babys. Man sieht die Hoffnung in den Augen der Mütter und weiß doch, dass jede Hilfe zu spät kommt. Ohne die Waffenlieferungen des Westens und seine logistische Unterstützung wäre dieser Krieg nicht möglich. Der Westen liefert Saudi-Arabien Waffen und dem Jemen Pflaster. Das kann nicht richtig sein. Darüber sollten wir in Deutschland offener diskutieren.

Interview: Jochen Arntz

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