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Mitglieder des türkisch-arabischen Journalistenverbandes fordern ihren Kollegen Dschamal Chaschukdschi zurück.

Der Fall Khashoggi

Der unbequeme Skeptiker

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Von dem saudi-arabischen Journalisten Jamal Khashoggi fehlt weiter jede Spur. Ein Porträt.

Egal ob Diplomaten, Regierungsgäste oder Journalisten, fast jeder, der in den letzten dreißig Jahren über Saudi-Arabien gearbeitet hat, kennt Jamal“, twitterte dieser Tage der Nahost-Korrespondent der „New York Times. „Wo ist unser Freund Jamal Khashoggi?“, sekundierte Volker Perthes, Chef der „Stiftung Wissenschaft und Politik“ (SWP) in Berlin, und forderte: „Saudi-Arabien sollte uns eine überzeugende Antwort geben.“ Jamal Khashoggi, der am 2. Oktober spurlos im saudischen Konsulat von Istanbul verschwand, gehört zu den prominentesten Publizisten und Intellektuellen seiner Heimat. Er war ein gefragter Gesprächspartner, ein Mann der klaren Worte, der sich gerne mit ausländischen Besuchern traf. Am 13. Oktober 1958 in Medina geboren, stammt Khashoggi selbst aus dem saudischen Establishment. Zu seiner Verwandtschaft gehört der Multi-Milliardär Adnan Khashoggi, der sein Vermögen im Waffenhandel verdiente. Einer der Vorfahren war Leibarzt des Staatsgründers Abd al-Aziz ibn Saud.

Als Reporter berichtete Khashoggiin den achtziger Jahren aus Algerien, Kuwait, Sudan und Afghanistan. Wochenlang reiste er in der Entourage des damals noch relativ unbekannten Osama bin Laden. 1988 schrieb der Journalist das erste große Portrait des Al-Kaida-Chefs für ein saudisches Wochenmagazin. Als junger Mann tief religiös und Mitglied der Muslimbrüder, wurden Khashoggis Ansichten mit zunehmenden Alter säkularer und liberaler. Seit dem Ende seiner Korrespondentenzeit 1999 begleitete er die Politik seines Landes mit kritischen Kommentaren, Analysen und Vorträgen, ohne das System der Monarchie grundsätzlich in Frage zu stellen.

Bisweilen geriet er mit den Autoritäten aneinander, zweimal musste er den Sessel als Chefredakteur der Zeitung „Al Watan“ räumen. Im Prinzip aber ließen ihn die Machthaber gewähren – bis zu jenem 15. November 2016, als er wenige Tage nach der Wahl von Donald Trump im „Washington Institute for Near East Policy“ das Königshaus öffentlich warnte, dem kommenden Mann im Weißen Haus blind zu vertrauen. Trump hege eine Abneigung gegen Muslime und bewundere Russlands Präsident Wladimir Putin, beides könne den saudischen Interessen schaden, argumentierte Khashoggi.

Danach begann der Ärger, der dem 59-Jährigen zunächst ein Publikationsverbot eintrug, ihn dann ins Exil zwang und jetzt möglicherweise mit seiner Ermordung durch ein saudisches Killerkommando endete. Denn anders als Khashoggi sah Kronprinz Mohammed bin Salman in Donald Trump den zentralen Hoffnungsträger für Saudi-Arabien im Kampf gegen den Erzrivalen Iran. Diese neue strategische Beziehung wollte der Thronfolger auf keinen Fall durch kritische Begleittöne gefährdet sehen. Und so ließ er den Skeptiker mundtot machen. Ab sofort durfte Khashoggi nicht mehr in saudischen Zeitungen schreiben und twittern. Im September 2017 entschloss sich der Gebannte dann zur Flucht und flog nach Washington, von wo aus er die Innen- und Außenpolitik von Mohammed bin Salman immer schärfer zu kritisieren begann – den Boykott gegen Katar, den verheerenden Krieg im Jemen, die Verhaftung der Frauenrechtlerinnen und zuletzt das Zerwürfnis mit Kanada.

Die „Washington Post“ ließ seine Kommentare ins Arabische übersetzen, was die Herrscher in Riad zusätzlich provozierte. Privat ging seine Familie auf Distanz. Seine Frau ließ sich scheiden, viele Verwandte wollen nichts mehr mit ihm zu tun haben, ein Preis für seinen Widerstand, der ihm mehr und mehr auf der Seele lag. „Ich habe mein Haus, meine Familie und meine Arbeit verlassen, und erhebe nun meine Stimme“, schrieb Khashoggi. „Alles andere ist Verrat an denen, die im Gefängnis sitzen. Ich kann reden, während so viele es nicht können.“

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