Das undatierte Foto zeigt Ferencz an seinem Schreibtisch.
+
Das undatierte Foto zeigt Ferencz an seinem Schreibtisch.

International

Der Unbeirrbare

  • Arno Widmann
    vonArno Widmann
    schließen

Im Profil: Benjamin Ferencz, Chefankläger der Nürnberger Prozesse und Verfechter der Internationalen Strafgerichtsbarkeit, wird 100 Jahre alt.

Er war 27 Jahre alt, als er vom 29. September 1947 bis zum 10. April 1948 in Nürnberg als Chefankläger den Prozess gegen 22 Kommandeure von Einsatzgruppen der NS-Sicherheitspolizei und des Sicherheitsdienstes führte. Die Einsatzgruppen waren Heinrich Himmler unterstehende Einheiten der SS, zuständig für die Organisation und Umsetzung der den Krieg begleitenden Massenmorde. Heute wird Benjamin Ferencz 100 Jahre alt.

Der letzte Überlebende unter den Anklägern: Benjamin Ferencz im Jahr 2010. 

Als am 11. März 2003 nach jahrzehntelangen Verhandlungen endlich die Richter des frisch eingerichteten Internationalen Strafgerichtshofs in Den Haag in ihre Ämter eingeführt wurden, war Benjamin Ferencz dabei. Einmal in offizieller Mission an der Seite der niederländischen Königin. Aber er nahm am Strand von Scheveningen auch teil an einer politischen Demonstration gegen die US-Regierung. Diese wollte nämlich die Einrichtung des Internationalen Strafgerichtshofs verhindern.

Dazwischen war Ferencz zunächst in Deutschland geblieben und kümmerte sich um Wiedergutmachungsfragen. Er nahm auch 1952 an den Reparationsverhandlungen zwischen der Bundesrepublik Deutschland und dem Staat Israel teil, die zum Luxemburger Abkommen vom 10. September 1952 führten. 1986 erschien von ihm auf Deutsch: „Die verweigerte Entschädigung für jüdische Zwangsarbeiter. Ein Kapitel deutscher Nachkriegsgeschichte“. Das Buch trug den Titel „Lohn des Grauens“ und ist nicht mehr lieferbar.

Die wichtigsten Quellen für diesen Artikel sind die gerade im Piper Verlag erschienene Biografie „Jahrhundertzeuge Ben Ferencz“ von Philipp Gut, der auf Youtube zugängliche Film „Der Unbeirrbare – Benjamin Ferencz, Chefankläger“ von Ullabritt Horn, sowie das im Internet zu findende Interview, das Daniel Cil Brecher im Deutschlandfunk mit Benjamin Ferencz führte.

Benjamin Ferencz wird 100 Jahre alt

Als er am 11. März 1920 in dem transilvanischen Dorf Großhorn im Kreis Maramuresch geboren wurde, gehörte es zu Rumänien. In einem Interview mit der Wochenzeitung „Die Zeit“ erklärte er: „Meine drei Jahre ältere Schwester wurde im selben Bett geboren wie ich. Aber bei ihrer Geburt gehörte das Bett noch zu Ungarn, meines gehörte schon zu Rumänien. Sie war Ungarin, ich Rumäne. Das amüsiert mich noch heute, weil viele Menschen so viel Wert auf Nationalitäten legen. Ich finde: Das alles bedeutet verdammt wenig. Es kommt darauf an, wie man das Volk behandelt.“

Als Benjamin Berell Ferencz am 29. Januar 1921 mit seiner Familie auf Ellis Island vor New York landete, trugen ihn die Einwanderungsbehörden der USA zunächst als vier Monate altes Mädchen namens Bela ins Register ein. Jahre später errang er ein Stipendium an der Harvard Law School. Nach bestandenen Prüfungen ging er zur US-Armee. Ferencz landete in der Normandie und durfte, nachdem er einen Blick auf die nackte Marlene Dietrich geworfen hatte, ihr bei einem Dinner gegenübersitzen, das US-General Patton veranstaltete.

Zu dem Einsatzgruppen-Prozess kam es damals nur, weil erstens ein Mitarbeiter von Ferencz Aktenordner fand, in denen die Aktionen von den Tätern selbst detailliert festgehalten worden waren, und weil zweitens Ferencz sich auch von seinen Vorgesetzten nicht abwimmeln ließ und sich diesen Strafgerichtsprozess einfach noch neben seiner anderen Tätigkeit aufhalste.

Was er wohl noch nicht wusste: Er hatte sein Lebensthema gefunden. Fast ein halbes Jahrhundert lang hatten Freund und Feind abgewunken und ihn aufgefordert, er solle endlich aufhören zu nerven, die Großmächte würden sich niemals bereiterklären, sich einem Internationalen Strafgerichtshof zu unterwerfen. Er blieb stur, ließ nicht locker - und hatte schließlich Erfolg. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion gab es eine Chance. Und der Internationale Strafgerichtshof wurde eingerichtet.

Ferencz befürwortete sehr, dass der Strafgerichtshof 2017 neben „Völkermord, Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Kriegsverbrechen“ auch das „Verbrechen der Aggression“ auf seine Agenda setzte. Ferencz ist der Auffassung, dass der Einsatz von Waffengewalt zum Erreichen politischer Ziele egal durch wen als „internationales und nationales Verbrechen bestraft wird“.

Wer Benjamin Ferencz nach einer Lösung der Weltprobleme fragt, bekommt ein schelmisches Grinsen als Antwort. Dann öffnet der alte, witzige Mann seinen Mund, hebt drei Finger in die Luft und erklärt: „Drei Wörter habe ich, um dem herrschenden Irrsinn ein Ende zu machen: „Law, not War“.

Kommentare